31.03.2020

Betlehem Isaak und Meron Estefanos

Zwei Aktivistinnen im Kampf um des Menschen Rechte

Betlehem Isaak – Aktivistin und Autorin  @BetlehemDIsaak

Betlehem Isaak ist die Tochter des schwedisch-eritreischen Journalisten und Autor Dawit Isaak. Die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Asmara, umgeben von ihrer Familie, dem italienischen Feinkostladen ihres Grossvaters und den Büchern ihres Vaters. Aber die politischen Spannungen in Eritrea steigen und die Familie erwägt, nach Göteborg (Schweden) zu ziehen. Dawit Isaak hatte dort bereits Ende der achtziger Jahre Zuflucht gefunden. Seit  1992 besass er die schwedische Staatsangehörigkeit, aber es zog ihn zurück nach Eritrea. Er will an dem demokratischen Aufbau seines Landes teilhaben. 1993 kehrt Dawit Isaak heim. Er heiratet und er und seine Frau werden Eltern von den  Zwillingen Betlehem und Yorun und der jüngeren Tochter Danait. Dawit arbeitet als Journalist und wird Mitbegründer der Tageszeitung Setit. Bethlehem ist acht Jahre alt als ihr Vater in Eritrea 2001 verhaftet wird und spurlos verschindet. Ihre Mutter kehrt 2002 mit den drei Kindern nach Schweden zurück. Schon als Teenager hat sich Betlehem öffentlich im Kampf für ihren Vater engagiert.  Sie sagt, sie möchte die Stimme ihres Vaters sein. Zusammen mit Esayas Isaak, Dawits Bruder, und anderen schwedischen Aktivisten hat sie an unzähligen Podiumsdiskussionen und Protestaktionen teilgenommen. Sie tritt  auch regelmässig im schwedischen Fernsehen und Radio auf.

 

In ihrem ersten Buch,  Mitt liv utan dig  (Mein Leben ohne Dich. Brombergs, 2020), welches gerade in Schweden erschienen, beschreibt sie ihr “Doppelleben” als junge Einwanderin in Schweden und als Aktivistin im Kampf für ihren Vater und die Befreiung Eritreas.

Mitt liv utan dig (Mein Leben ohne dich). Brombergs, 2020, ISBN 9789178091133.

Auszug auf Schwedisch: https://www.expressen.se/kultur/qs/varfor-har-de-bundit-fast-hans-hander/

Vor einigen Wochen hatte ein Theaterstück, das auf Betlehem Isaaks Buch basiert, Premiere (Rezension auf Schwedisch).

 

“Ich habe diesen Glauben an die Menschheit und die Kraft, die wir zusammen haben”

Interview mit Betlehem Isaac

SB: Im März 2020 erscheint Dein erstes Buch. Es heißt Mein Leben ohne Dich. Darin beschreibst Du das Aufwachsen ohne Deinen Vater, Dawit Isaak. Was möchtest Du mit deinem Buch ganz speziell vermitteln?

BI: Ich wollte ein Buch über das Leben einer Einwanderin in Schweden schreiben, aus der Perspektive eines Kindes. Das Buch folgt mir von meinem vierten Lebensjahr bis heute. Ich bin jetzt 26 Jahre alt. Und ich wollte meine Geschichte sowohl aus eritreischer, als auch aus schwedischer Sicht erzählen. Ich schreibe über Rassismus, wie es ist als junge schwarze Frau in einer riesigen weißen, nordischen Gesellschaft aufzuwachsen. Und natürlich schreibe ich über meinen Vater und den Einfluss, den er auf mein Leben hat und immer schon hatte. Die Botschaft meines Buches ist einfach, wir alle haben viel gemeinsam, viele Menschen auf der Welt waren einst Einwanderer und die damit verbundenen Schwierigkeiten kennen wir sehr gut. Aber dies ist ein Buch, das aus der Perspektive eines jungen Menschen geschrieben wurde. Ich hoffe, es führt zu der Einsicht,  dass wir trotz aller unserer individuellen Unterschiede letztlich alle gleich sind.

SB: Dein Vater befindet sich nun seit 18 Jahren im Gefängnis. Du sagst, Du hast dennoch Hoffnung. Woher nimmst du diese Hoffnung?

BI: Meine Hoffnung kommt einfach von mir selbst. Ich habe diesen Glauben an die Menschheit und die Kraft, die wir zusammen haben. Meine Freunde, die Bücher, die ich lese, und natürlich meine Eltern, obwohl einer von ihnen nicht hier ist.  Ich trage die Erinnerung an meinen Vater ständig bei mir.

SB: Du sagst, Du hasst niemanden. Du möchtest, dass die Menschen miteinander reden. Aber Du sagst gleichzeitig “Tut etwas!” Du hast also das Gefühl, dass es mehr Engagement geben muss, dass die Entschlossenheit zum Handeln fehlt, nicht nur von offizieller Seite, sondern auch von Einzelpersonen und von Menschenrechtsorganisationen und NGOs. Wie genau sollen sie sich engagieren? Woran fehlt es Deiner Meinung nach?

BI: Ich möchte, dass die Menschen versuchen, Eritrea und die eritreische Regierung zu verstehen. Ich möchte, dass wir diplomatische Beziehungen haben. Ich möchte, dass die Menschen irgendwie eine Beziehung zu der eritreischen Regierung, zu Eritreern, sowie zur Diaspora aufbauen. Wir als Eritreer müssen miteinander reden. Und andere Leute müssen aufhören, über uns zu reden und anfangen, mit uns zu reden. Ob in Eritrea oder hier. Daher ermutige ich die Menschen immer, nach Eritrea zu reisen und zu schauen, was wir tun können. Können wir darüber reden? Auch wenn es sehr schwierig ist und die Leute viel durchgemacht haben, können wir darüber reden? Und so ist es überall hier in Schweden, wo ich mich engagiere. Ich versuche den Leuten zu sagen: „Wir müssen über Rassismus reden. Können wir uns hier irgendwo treffen und einfach mal darüber sprechen?“ Denn wenn wir hier stehen und sie bleiben dort, dann schreien wir uns nur an. Dann können sie uns nicht hören und wir können sie nicht hören.

SB : Du meinst also, dass, wenn Du mit Anhängern des Regime sprichst, mit ihnen Kontakt aufnimmst, sie ihr Verhalten ändern könnten.

BI: Ja, hoffentlich, und ich werde das natürlich nicht alleine machen. Andere Eritreer müssen das gemeinsam mit mir tun und auch die internationale Gemeinschaft muss sich auf die gleiche Weise engagieren.

SB: Wie gehst Du das jetzt ganz konkret an, in Deinem Leben und mit Deinem Buch? Organisierst Du Workshops oder wie tauschst Du Dich mit anderen Eritreern aus?

BI:  Ich reise viel, um andere Eritreer zu treffen und auch Politiker, um mit ihnen darüber zu sprechen, dass sie einen Dialog herstellen müssen, weil die Sanktionen [gegen Eritrea] nicht funktioniert haben. Alles andere hat nicht funktioniert. Wir müssen etwas versuchen, was wir noch nie zuvor versucht haben.

SB: Und was antwortest Du Kritikern, die sagen, dass Du damit das Regime stützt?

BI: Okay, dann sollen sie mir bitte sagen, ob sie es besser machen können. Ruf mich einfach an, trete in Kontakt.

SB: Um miteinander zu reden?

BI: Ja, weil ich denke, die Leute sagen das auch einfach aus Wut, aber ich sollte die Wütendste sein. Ich habe meinen Vater seit achtzehn Jahren nicht mehr gesehen.

 

Betlehem über ihren Vater Dawit Isaac [3 Clips]

Betlehem über ihren Vater Dawit Isaak  / Familienhintergrund I
https://www.youtube.com/watch?v=cwVq-SiJkNw&feature=youtu.be

Betlehem über ihren Vater Dawit Isaak  / Familienhintergrund II
https://www.youtube.com/watch?v=SnLCh2U_aD8&feature=youtu.be

Betlehem über ihren Vater Dawit Isaak  / Familienhintergrund III
https://www.youtube.com/watch?v=-uC60wNPHOM&feature=youtu.be

 

“Es ist meine Pflicht zu kämpfen”

https://www.youtube.com/watch?v=HU_qhaexcX0&feature=youtu.be

Das Setzen auf Dialog – “Es ist unsere DNA”
https://www.youtube.com/watch?v=WXObenh3qVM&feature=youtu.be

Einstellung zum eritreischen Regime
https://www.youtube.com/watch?v=mLquhHrVLsg&feature=youtu.be

(Buxus Stiftung – Ausschnitte aus dem Interview mit Betlehem Isaak aufgenommen in Stockholm, am 11. Dezember 2019)

“Between Life and Death”
Meron Estefanos  –  Journalistin und Aktivistin @meronina

Meron Estefanos ist eine bekannter Menschenrechtsaktivistin, Journalistin und Radiomoderatorin für Radio Erena. Sie ist Mitbegründerin der Internationalen Kommission für eritreische Flüchtlinge / International Commission on Eritrean Refugees, ICER  / in Stockholm, Schweden. 2011 wurde sie mit dem Dawit Isaak Award ausgezeichnet. Meran Estefanos hat jahrelang die Folter und grausamen Misshandlungen eritreischer Flüchtlinge durch Menschenhändler auf dem Sinai dokumentiert. 2012 war sie Mitautorin eines Berichts über diese extremen Missbräuche, darunter Vergewaltigung, Verbrennungen, Amputation von Gliedmaßen und sogar Organraub.

 

 

 

Mirjam van Reisen, Meron Estefanos, Conny Rijken,
Human Trafficking in the Sinai: Refugees between life and death.

Tilburg University: Wolf Legal Publishers,
2012

 

 

Zur weiteren Diskussion und Information

Tweet von Meron Estefanos:  https://twitter.com/meronina/status/1074944986079219715?s=21

ERITREAN ANGUISH: https://www.dw.com/en/anguish-for-eritrean-refugee-over-daughters-sinai-fate/a-16870454

 

“Looking Torturers in the Eye: A Conversation with Human Rights Activist Meron Estefanos”

Rachel Sales führte für Pink Pangea ein Interview mit Meron Estefanos über ihre gefährliche Arbeit für die gefolterten Flüchtlinge aus Eritrea

 

Interview: Susanne Berger (Washington D.C., USA)
Kontrakt: info@fritz-bauer-blog.de

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