17.10.2020

Black Lives Matter

Gedanken zur Emanzipation der Schwarzen in den USA*

Von Ahmed J. Davis

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) erließ US-Präsident Abraham Lincoln am 22. September 1862 die Proklamation 95 – die sogenannte Emanzipationsproklamation (Emancipation Proclamation). Sie trat am 1. Januar 1863 in Kraft und verbot offiziell die Sklaverei in den Südstaaten der USA. Aufgrund der anhaltenden Feindseligkeiten konnte jedoch Lincolns Anordnung erst durchgesetzt werden, als die nördlichen Truppen die Südstaaten erreichten. Der Unionsgeneral (General der Nordstaaten) Gordon Granger war der erste, der am 19. Juni 1865 – Juneteenth – im Bundesstaat Texas eintraf und den Einwohner_innen das neue Gesetz offiziell verkündete. – Anmerkung der Redaktion


Ahmed J. Davis

Ich habe diesen Beitrag mit speziellem Bezug zum 19. Juni – Juneteenth, dem Tag der Befreiung der amerikanischen Südstaaten von der Sklaverei – geschrieben. Er ist lang, persönlich und direkt. Er soll eine Klage sein und gleichzeitig eine Geschichtslektion, eine Herausforderung und eine herzliche Einladung zur Veränderung. Er ist als Fortsetzung eines wichtigen Gesprächs gedacht. Ich hoffe, Sie nehmen sich Zeit, ihn zu lesen und darüber nachzudenken. Der Text wurde mit Liebe geschrieben.

* * *

Meine Geschäftsreise im Januar ins ländliche North Carolina war nur kurz. Einen Tag für die Anreise, einen halben Tag für das Aufnehmen einer eidesstattlichen Erklärung, und dann sofort wieder nach Hause. Als ich im Hotel ankam und eincheckte, begrüßte mich an der Rezeption eine nette weiße Frau, etwas über dreißig, mit einem freundlichen Lächeln. Das Namensschild, das an ihre Bluse geheftet war, wies sie als „Mary“ aus. Ich reichte ihr meinen Ausweis und eine Kreditkarte, woraufhin ihr Lächeln sich noch ausweitete, und zwar als weil sie feststellte, dass mein im Bundestaat Maryland ausgestellter Führerschein mich als „Ahmed Davis“ auswies. „Nun, das ist einfach der fabelhafteste Nachname der Welt, finden Sie nicht auch?“Offensichtlich war sie auch eine „Davis“.

Ich stimmte ihr mit einem halben Lächeln zu, als ich meine Vermutung bestätigt sah. Während sie mit mir sprach, konnte sie nicht ahnen, woran ich gerade dachte: dass sie meinen Führerschein von Maryland in der Hand hielt, weil ich ein Sohn der Haupstadt Baltimore bin, wie mein Vater vor mir; und wie vor ihm seine Mutter eine Tochter Baltimores war; aber dass wiederum ihre Mutter – meine Urgroßmutter Olivia, die liebevoll Oma O genannt wurde – aus einem ganz anderen Ort und aus einer anderen Zeit stammte.

Oma O wurde 1908 geboren und heiratete Roy Davis. Beide kamen aus dem ländlichen North Carolina kamen, einer kleinen Stadt, nicht allzu weit entfernt von dem Hotel, in dem ich mich jetzt ganz zufällig befand. In diesem Moment musste ich unwillkürlich an Oma O denken, an die Frau, die jeden Tag nach meinem Halbtagsbesuch im Kindergarten auf mich aufpasste, bis meine jungen Eltern Feierabend hatten und mich abholen kamen. Die Frau, die – wie ich eines Tages erfuhr – selbst das Glück hatte, in ihren jungen Jahren Zeit mit ihrer eigenen Urgroßmutter zu verbringen, einer Frau, von der mir Oma O erzählte, dass sie als Sklavin geboren wurde. Da stand ich also im Hotel, in Gedanken noch halb bei meiner Arbeit.  Und doch gingen mir gleichzeitg alle möglichen anderen Űberlegungen durch den Kopf: Ich habe im Jahr 2020 das Glück und das Privileg, ein vollberechtigter Partner einer der besten Anwaltskanzleien der Welt zu sein – und bin von meiner Urgrossmutter  aufgezogen worden, die wiederum von einer Frau aufgezogen wurde, die als Sklavin geboren wurde. Daraus ergibt sich, dass der Grund dafür, dass ich einen so zugegebenermaßen fabelhaften Nachnamen mit meiner Freundin Mary teilen darf, schlicht darin liegen kann, dass einer oder mehrere ihrer Vorfahren einen oder mehrere von meinen Vorfahren als Sklaven besaßen. Eine sehr konkrete, greifbare Veranschaulichung der Vorstellung von den „six degrees of separation“, welche besagt, dass alle Menschen über sechs Ecken miteinader verwandt sind.”

Sehen Sie, wenn man die Situation im breiteren Rahmen betrachtet, ist das alles wirklich noch nicht lange her. Und ich bin wohl kaum der Einzige von uns, der solch eine Geschichte erzählen kann. Wir, die Schwarzen US-Amerikaner_innen, feiern den 19. Juni – den Tag der Emanzipation, auch Jubiläumstag genant – als ein wichtiges Datum eines de jure rechtlichen Wandels, aber als Land haben wir die Aspekte, die der 19. Juni beinhaltet, de facto nicht vollständig anerkannt. Sind denn die Schwarzen in diesem Land, im Jahr 2020, wirklich frei? Der 19. Juni ist ein Grund zum Feiern, aber haben die wichtigen Verfassungsänderungen nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg wirklich nachhaltigere Früchte getragen als jene seltsame, die Billie Holiday in ihrem berühmten Lied „Strange Fruit“ besungen hat?

Die Bäume des Südens tragen seltsame Früchte, Blut auf ihren Blättern, Blut an ihren Wurzeln. Schwarze Körper schwingen im Wind des Südens, seltsame Früchte baumeln an den Pappeln.

Southern trees bear a strange fruit, blood on the leaves and blood at the root, Black bodies swingin’ in the southern breeze, strange fruit hanging from poplar tree.

Es ist eine der existentiellen Fragen und unbequemen Wahrheiten, mit denen sich dieses Land noch nicht vollständig auseinandergesetzt hat: was sind die Folgen der jahrhundertelangen physischen, geistigen und emotionalen Unterwerfung eines ganzen Volkes und wie wirken sie sich heute noch in zahlreichen Aspekten auf unsere Gesellschaft aus. Viele dachten, die aktuellen Rufe nach Gerechtigkeit gelten hauptsächlich George Floyd, Ahmaud Arbery, Trayvon Martin, Breonna Taylor und so vielen anderen. Aber wir weinen immer noch um Emmett Till und Martin Luther King und Malcolm X und Medgar Evers; wir weinen immer noch um die Morde und Massaker von Tulsa (vom 31. Mai bis 1. Juni 1921 in Tulsa, Oklahoma) und Rosewood (ein Ort in Levy County, Florida, im Januar 1923) und während des Roten Sommers von 1919 (das Resultat von blutigen Rassenunruhen in weiten Teilen der Vereinigten Staaten); und ja, ich frage mich auch immer noch, was aus „40 Morgen und ein Maultier“ (40 acres and a mule)  geworden ist. (1)

Steinig der Weg, den wir beschritten, bitter die Zuchtrute, die wir fühlten in den Tagen, als die ungeborene Hoffnung gestorben war. Doch mit gleichmäßigem Takt, sind unsere schweren Füße nicht an den Ort gekommen, nach dem unsere Väter sich sehnten?

Stony the road we trod, Bitter the chastening rod, Felt in the days when hope unborn had died, Yet with a steady beat, Have not our weary feet, Come to the place for which our fathers sighed?

Die Erfahrung der Schwarzen in Amerika lässt sich nicht einer einzigen Sichtweise zuorden, nicht von einem einzigen von uns vertreten oder jemand anderem übertragen. Wir sind auch untereinander verschieden, was unseren Hintergrund und unsere Hekunft, unsere Ansichten und die Politik und sogar was unsere Farbe betrifft (was man zweifellos in direkten Zusammenhang mit einigen der abscheulichen Folgen der Sklaverei bringen kann, die ich weiter oben angesprochen habe).

Wenn Sie eine Umfrage unter meinen schwarzen Kollegen machen würden, dann würden sich bei allen, genau wie bei mir, die Haare sträuben bei der Frage, die die meisten von uns oft genug gehört haben und die einen von uns einlädt, im Namen aller zu sprechen: „Bitte sagen Sie uns, was Schwarze über das Thema x, y oder z denken?” Die Lage ist weitaus komplizierter, als dass ich oder irgendjemand anders eine eindeutige Antwort auf diese Fragen im Namen einer gesamten “Rassengemeinschaft” geben könnte. Verwechseln Sie nicht die Handlungen einzelner Personen mit den Zielen aller. Einige marschieren friedlich und beten ständig dabei, während andere eine entschieden weniger passive Haltung einnehmen. Ein rechtschaffener Mensch duldet weder Plünderungen, noch beteiligt er oder sie sich an ihnen oder fügt anderen Schaden zu. Gleichzeitig kann er oder sie sich dem Impuls zum Aufstand voll und ganz anschließen und dabei die Sprache derjenigen sprechen, die Dr. King die ‘Unerhörten’ nannte. Vielleicht drückte es Frederick Douglass am besten aus, als er über den Preis der echten Freiheit sprach:

Diejenigen, die sich zur Freiheit bekennen und dennoch die Agitation missbilligen, sind Menschen, die ernten wollen, ohne den Boden zu pflügen. Sie wollen Regen, Blitz und Donner.

Those who profess to favor freedom, and yet deprecate agitation, are men who want crops without plowing up the ground. They want rain without thunder and lightning.

Unabhängig von sozialer Klasse, Bildung, Geographie oder Persönlichkeit ist uns klar, dass wir als Volk in und von diesem Land misshandelt worden sind, auch wenn wir dem Land – insbesondere im Militär – wesentlich länger treu geblieben sind, als wir es selbst erklären können. Schwarze Menschen wie ich ringen in diesem Punkt mit sich selbst, weil ich weiß, dass dies das großartigste Land der Welt ist – ja, auch jetzt noch; und gleichzeitig ist es eine Nation in der Not, in der verzweifelten Notwendigkeit einer echten Heilung und Versöhnung; sie strebt nach einer dauerhafter “Rassenharmonie”, die in der strukturellen Verpflichtung seitens des staatlichen und des privaten Sektors zu einer echten Gleichberechtigung wurzelt. Aber erstens funktioniert dies nur mit einer offenen Anerkennung dessen, was in der Vergangenheit falsch war, und zweitens nur mit echten Bemühungen um einen dauerhaften Wandel. Einer der vielen Gründe, warum es so viel Wut, Frustration und Schmerz gab und gibt, ist die Tatsache, dass die Todesfälle unter schwarzen Bürger_innen durch die Polizei und Strafverfolgungsbehörden – oder durch diejenigen, die sich selbst als solche verstehen – völlig unnötig und vermeidbar waren. Man ist ihnen generell mit Gleichgültigkeit, Phrasen oder leeren Versprechungen von Veränderungen begegnet. Und wir wissen, dass dies nicht nur ein Schandfleck aus der jüngsten Vergangenheit ist. Was so vielen jetzt die Augen öffnet, worauf sie mit Schrecken und im tiefsten Inneren reagieren, ist seit langem gelebte Erfahrung der schwarzen Amerikaner_innen.

Wir haben einen Weg zurückgelegt, der mit Tränen getränkt wurde. Auf unserem Weg durch das Blut der Hingemetzelten sind wir angekommen. Aus einer düsteren Vergangenheit kommend, stehen wir endlich da, wo der helle Schimmer unseres leuchtenden Sterns hinfällt.

We have come over a way that with tears has been watered. We have come, treading our path through the blood of the slaughtered. Out from the gloomy past, ’til now we stand at last. Where the white gleam of our bright star is cast.

Während eines Auftritts vor vier Jahren in der bekannten Late Show teilte der berühmte Schauspieler Will Smith dem Publikum von Moderator Steven Colbert etwas mit, das die Schwarzen spätestens seit dem Aufkommen des iPhones wissen. Smith sagte: „Der Rassismus wird nicht schlimmer, er wird nur gefilmt.“ Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon gesehen, wie Eric Garner in New York erstickte, weil er angeblich einzelne lose Zigaretten verkauft hatte. Elf Mal flehte er: „Ich bekomme keine Luft.“ Wir hatten auch gesehen, wie Walter Scott in South Carolina in den Rücken geschossen wurde und wie die Polizeibeamten absichtlich eine Waffe in am Tatort plazierten. Bald darauf sahen wir, wie Philando Castile von einem Polizisten erschossen wurde, und zwar live, auf Facebook – in Echtzeit, während er auf dem Fahrersitz seines Autos saß. Und die Liste wird, beunruhigenderweise, immer länger. Später mussten wir hören, dass der junge weiße Mörder eines Pastors und der Mitglieder einer schwarzen Kirchengemeinde in South Carolina friedvoll in Gewahrsam genommen wurde, und dass man ihm – unerklärlich – auf dem Weg zur Polizeistation eine Mahlzeit im Burger King besorgte. Unsere gelebte Erfahrung ist nicht die Erfahrung aller.

Wird jeder Schwarze von der Polizei belästigt oder misshandelt? Sicher nicht. Hat jeder Weiße bei einer Begegnung mit der Polizei einen unfairen Vorteil? Es wäre dumm, das zu denken. Aber verstehen Sie bitte: Nicht jeder Polizeibeamte muss Rassist sein, damit Strafverfolgung ein systematisches Problem mit Rassismus hat. Es gibt in der Tat sehr gute Polizisten, die uns jeden Tag beschützen. Die bloße Tatsache ihrer Existenz beseitigt jedoch nicht die historischen und institutionalisierten Vorurteile, die die Menschen auf die Straße gebracht haben. So viele von uns wurden von der Polizei angehalten, nur weil wir Schwarz sind und waren so oft dem „racial profiling“ (rassistisch motivierte, anlassunabhängigen Polizeikontrollen) ausgesetzt, dass man dass man sich inzwischen fast darüber lustig macht.  Dass wir als schwarze Eltern, unsere Kinder – und vor allem unsere schwarzen Söhne – darüber aufklären müssen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie mit der Staatsgewalt in Berührung kommen, ist ein trauriges, aber realistisches Zeugnis für die Welt, in der wir leben. Jedem Schwarzen, der das hier liest, wurde eine Variante dieser schmerzhaften Grundregel beigebracht oder erklärt:

Du kannst einfach nicht das tun, was deine weißen Freunde_innen/ Kollegen_innen/ Mitarbeiter_innen tun; für dich gelten andere Regeln.

You simply cannot do what your white friends/colleagues/coworkers do; the rules for you are different. 

Und sie sind anders. Schwarze Menschen wissen das. Ich möchte gern denken, dass weiße Menschen, die ehrlich zu sich selbst sind, dies wahrscheinlich auch wissen. Deshalb fühlen wir uns selten, wenn überhaupt, wohl dabei, unser authentisches Selbst in der Öffentlichkeit zu zeigen – auch am Arbeitsplatz.

Die überwältigende Anwendung vermeidbarer, tödlicher Gewalt durch die Strafverfolgungsbehörden in diesem Land gegen farbige Menschen, insbesondere Schwarze, ist verwerflich und muss sich ändern. Und wir sind hoffnungsvoll, um den Sänger Sam Cooke zu zitieren: „Eine Veränderung wird kommen“ (A change is gonna come) – obwohl wir das schon oft gehört haben. Bitte verstehen Sie, dass es nicht nur um das Verhalten der Polizei an sich geht. So schrecklich der Tod von George Floyd und ähnliche Situationen auch sind, was im New Yorker Central Park am selben Tag geschah, an dem Herr Floyd ermordet wurde, ist in Wirklichkeit noch heimtückischer, mit einem Potenzial für ebenso furchtbare Konsequenzen.

Sehen sie, trotz der tödlichen und unnötigen Gewaltanwendung der Polizei kommt die große Mehrheit von uns nicht regelmäßig mit der Polizei in Berührung. Aber wir kommen ständig im Alltag mit allen möglichen Menschen zusammen. Wenn eine weiße Frau Anstoß an einem schwarzen Vogelbeobachter nimmt, der sie lediglich bittet, ihren Hund an die Leine zu nehmen, und dann die Polizei ruft, um ihn fälschlich zu beschuldigen, ihr Leben bedroht zu haben, dann gräbt sie 150 Jahre der hässlichen Rassengeschichte dieses Landes nach dem Bürgerkrieg wieder aus und munitioniert sie neuerlich. Es weckt Erinnerungen an den jungen Emmett Till, der gelyncht und kastriert wurde, weil er angeblich hinter einer weiße Frau hergepfiffen hatte; es erinnert an verheerende Rassenunruhen wie die von Rosewood (1923), die durch eine falsche Beschuldigung gegen einen Schwarzen wegen einer angeblichen Vergewaltigung einer weißen Frau ausgelöst wurden.

Die unausgesprochene Drohung an diesem Tag im Central Park war greifbar und echt: „Ich rufe die Polizei, und wenn sie kommt, werden Sie zur Zielscheibe und enden möglicherweise wie George Floyd“, der später am selben Tag, 1200 Meilen entfernt, verstarb. Die jüngsten Ereignisse haben gezeigt, dass kein Schwarzer vor diesem Phänomen gefeit ist; ob Sie sich bei Starbucks in Philadelphia treffen, im Park in Oakland grillen oder im Zentrum von Pennsylvania Golf spielen; ob Sie ein kleines Mädchen sind, das  Limonade  verkauft, oder sogar ein weltbekannter Harvard-Professor, der auf seiner eigenen Veranda steht – Sie können verhaftet werden. Und wenn Sie schwarz sind, bedeutet dies, dass Sie sterben könnten. Meiner Ansicht nach ist dies das Maß an Bedrohung, die wir fühlen und vor der wir Angst haben – gewöhnliche Menschen, denen wir begegnen und die so versuchen, ihr Weißsein gegen unser Schwarzsein als Keule einzusetzen.

Gott unserer mühseligen Jahre, Gott unserer stillen Tränen. Du, der du uns so weit auf unserem Weg geleitet hast. Du, der Du uns mit Deiner Macht ins Licht geführt hast. Wir bitten Dich, bewahre uns für immer auf dem Weg.

God of our weary years, God of our silent tears. Thou who has brought us thus far on the way. Thou who has by Thy might, Led us into the light. Keep us forever in the path, we pray.

Mütter haben einen besonderen Platz in unseren Herzen. Nirgendwo trifft dies mehr zu, als in der Gemeinschaft der Schwarzen. Wir haben unsere Mütter immer geliebt. Und auch das lässt sich in vielerlei Hinsicht auf die Sklaverei zurückführen – als Sklavenbesitzer versuchten ihre Herrschaft zu sichern, indem sie vor allem schwarze Männer und Väter entmenschlichten und unterjochen. Starke schwarze Frauen halten seit Hunderten von Jahren schwarze Familien zusammen; viele, weil sie dazu in der Lage waren, alle, weil sie es mussten. Für viele von uns ist die stärkste Person, die wir kennen, eine schwarze Frau. Und so war es völlig verständlich und wenig überraschend und herzzerreißend, zu hören, wie Herr Floyd – als 46-jähriger Vater von fünf Kindern – in den letzten Momenten seines Lebens nach seiner toten Mutter rief. Schwarze Mütter empfanden das auf eine Weise, wie nur sie dies tun können. Schwarze Männer fühlten dies auf eine Weise jenseits der Wirklichkeit. Ich habe geweint.

Schwarze Mütter haben schwarze Familien nicht nur physisch und emotional, sondern auch geistig zusammengehalten. Wenn ein Volk so lange unterdrückt und misshandelt wurde, ist es genau diese geistige Grundlage, die für so viele den Unterschied macht. Das ist der Grund, warum so viele historische Führungspersönlichkeiten der schwarzen Gemeinschaft Prediger und Geistliche waren. Und das ist gut so, denn die grundlegendsten Fragen, mit denen wir uns als Land befassen, sind Fragen des Menschseins – Fragen nach der Sünde. Die Wissenden verstehen, was das bedeutet – obwohl es schmerzhaft ist und die Schwarzen lange gelitten haben, gibt es dennoch Freude am Morgen. Das berühmte Spiritual und zugleich die Nationalhymne der Schwarzen, Lift Every Voice und Sing – aus der die meisten hier zitierten Strophen (absichtlich nicht in richtiger Reihenfolge) stammen – ist auf beredte Weise Ausdruck der Kämpfe, die wir auch jetzt noch jeden Tag ertragen müssen. Das ist der Grund, warum in den 1960er Jahren einige „We Shall Overcome“ riefen, während andere „I Shall Not Be Moved“ sangen. Deshalb habe ich kürzlich in einer E-Mail gesagt, dass die Liebe der bessere Weg ist. Weil Er (Gott) uns nicht so weit geführt hat, um uns jetzt zu verlassen. Nur, wir müssen diese Reise gemeinsam machen.

Erhebt Eure Stimmen und singt, bis Erde und Himmel ertönen. Laßt den Klang der Freiheit erklingen. Laßt unseren Jubel aufsteigen, so hoch wie den Sternenhimmel. Laßt ihn laut erklingen wie die tosende See.

Lift ev’ry voice and sing, ’til earth and heaven ring. Ring with the harmonies of Liberty. Let our rejoicing rise, high as the list’ning skies. Let it resound loud as the rolling sea.

In meiner ersten Ansprache (im Rahmen eines internen Seminars für leitende Anwälte meiner Kanzlei),  als ich vor fast zehn Jahren das Amt des Vorsitzenden für unsere „Nationale Initiative für Vielfalt“ übernommen habe, stand ich in einem Raum, der vor mir von keinem anderen schwarzen geschäftsführenden Partner betreten wurde – es gab keinen, eine Situation, in der wir uns heute leider wieder befinden. Ich sagte meinen Kollegen und Freunden, dass wir, um wirklich Veränderungen herbeizuführen, Weiße und ganz besonders Weiße in Macht- und Führungspositionen brauchen, die das Wort ergreifen und ihre Stimme erheben. Um zu helfen. Um sich der Sache anzunehmen. Ich erinnere mich daran, als ob es gestern war: Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Einige erzählten mir später, wie bewegt sie von meinen Worten waren; ich weiß, dass sich andere im Stillen dagegen sträubten, dass sie das Gefühl hatten, ich würde mit dem Finger auf sie zeigen. Einige, so scheint es, mögen dasselbe über das Zitat gedacht haben, das ich kürzlich von Dr. King über die Erinnerung an das ohrenbetäubende Schweigen unserer Freunde in Umlauf gebracht habe:

Letztlich werden wir uns nicht an die Worte unsere Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.

In the end, we will remember not the words of our enemies, but the silence of our friends.

Ich möchte noch einmal betonen: Ich hatte damals nicht die Absicht, mich abfällig zu äußern, und habe sie auch heute nicht. Es handelt sich vielmehr um ein ausdrückliches Bekenntnis zu einer Binsenwahrheit aus der gelebten Erfahrung der Schwarzen in diesem Land. Veränderung geschieht, wenn genügend mitfühlende Weiße ihre Stimme erheben und sich zu Wort melden. Was wir jetzt erleben, ist, glaube ich, ein Beweis dafür. Es ist wunderbar, es ist hoffnungsvoll, es ist aufmunternd und es hat lange auf sich warten lassen.

Vor Beginn dieses Jahres hatten viele Leute noch nie etwas vom 19. Juni gehört. Sie haben vielleicht gesehen, dass in den vergangenen Wochen viele Unternehmen und internationale Firmenmarken sich für Rassengerechtigkeit eingesetzt haben. Eine Reihe von Anwaltskanzleien haben angekündigt, dass sie den 19. Juni in Zukunft zu einem Feiertag machen werden. Das ist Bewegung. Auch das zeichnet die Anfänge von Veränderung aus. Aber für einen dauerhaften Wandel brauchen wir unsere weißen, nicht-schwarzen Verbündeten und Freund_innen, die sich nicht nur die inspirierenden Äußerungen von Dr. King zu eigen machen, sondern sich auch die Worte eines weniger verehrten, aber ebenso bedeutenden schwarzen Helden – Malcolm X – in ihre Seelen einprägen lassen, der sagte:

Ich bin für die Wahrheit, egal wer sie ausspricht. Ich bin für Gerechtigkeit, egal für wen sie ist oder gegen wen sie sich richtet.

I’m for truth, no matter who tells it. I’m for justice, no matter who it’s for or against.

Wäre es doch für uns alle für immer so – in Wort und Tat, im Geist und in der Wahrheit.

Ahmed J. Davis

(*) Dies ist eine für die deutsche Veröffentlichung leicht editierte Fassung des ursprünglich am 20. Juni 2020 in den USA veröffentlichten Beitrags von Ahmed J. Davies, siehe: https://www.linkedin.com/pulse/reflections-juneteenth-2020-ahmed-j-davis/?articleId=6680305117125783552

(1) „40 acres and a mule“ bezieht sich auf eine spezielle Anordunung des Unionsgenerals Tecumseh Sherman vom 16. Januar 1865.  Es handelte sich dabei um die Zuteilung von Landflächen [Parzellen] an befreite Sklaven, die jeweils 40 Acres (etwa 16 Hektar) nicht überschreiten durften. Sie sah dazu den Einsatz von Maultieren vor, die von der Armee ausgeliehen wurden, um die zugeteilten Landflächen zu bewirtschaften (Anm. d. Red.)

Ahmed J. Davis ist ein Anwalt für geistiges Eigentum (Urheberrecht) mit zwanzig Jahren Erfahrung in der Betreuung von Mandanten, die einen praktischen, direkten Berater benötigen, um komplexe Patentstreitigkeiten in hochtechnischen Branchen wie Chemie, Biotechnologie, Medizinprodukte sowie Maschinenbau und Elektrotechnik zu führen.

Ahmed J. Davis ist der erste Ansprechpartner in seiner Kanzlei für Rechtsstreitigkeiten vor dem Bezirksgericht der Vereinigten Staaten für den östlichen Bezirk von Virginia, er war leitender Prozessvertreter vor zahlreichen Bundesbezirksgerichten, der International Trade Commission und dem United States Court of Federal Claims. Er verfügt über herausragende Erfahrung vor dem Bundesberufungsgericht der Vereinigten Staaten, wo er mehr Fälle des geistigen Eigentums vor dem Gericht vertreten hat, als jeder andere afroamerikanische Privatanwalt.

Ahmed J. Davis ist geschäftsführender Partner und nationaler Vorsitzender der „Initiative für Vielfalt“ der Rechtsanwaltskanzlei Fish & Richardson PC (Washington D.C.). Er wurde von Managing Intellectual Property mehrfach zum „IP Star“ ernannt, die Zeitschrift Savoy ernannte ihn zum „einflussreichsten schwarzen Anwalt des Jahres 2015“. Er wurde von Law360 als „Minority Power Broke“ ausgezeichnet und von Profiles in Diversity zu einem der „Diversity Leaders“ für 2015 ernannt.

Ahmed J. Davis ist ein langjähriger Ausbilder für das National Institute of Trial Advocacy. Er war Fakultätsmitglied, Gastdozent und Vortragender an der Howard University Law School, der Catholic University Columbus School of Law, der Temple Law School, der Fordham Law School sowie bei zahlreichen Seminaren und Konferenzen.

Übersetzung: Susanne Berger (MA) und Dr. Irmtrud Wojak
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