"Sie war eine Frau mit großem Mut und großer Hingabe."

Brief eines Überlebenden des Rigaer Ghetto
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Deutschland
Staatsangehörigkeit bei Tod: Deutschland
Vater

Hugo Hirsch

* Bützow
† Unbekannt
Mutter

Jenny Hirsch

* Bützow
† Bochum
Land des Kampfes für die Menschenrechte: Deutschland
Ort des Kampfes für Menschenrechte: Bochum, jüdische Gemeinde und jüdische Schule in Bochum, später Ghetto in Riga, Lettland
Bereich Art Von Bis Ort
Schule Hoffmann’sche höhere Mädchenschule 1896 1906 Bützow, Schwerin
Ausbildung Scharenberger Seminar in Schwerin 1906 1908 Schwerin
Ausbildung Lehramts-Examen für höhere Schulen vor der Großherzoglich-Mecklenburgischen Prüfungskommission bestanden 1908 1908
Beruf Höhere Private Knaben-und Mädchenschule in Gosslershausen in Westpreußen 1909 1911 Gosslershausen, Westpreußen
Beruf Höhere Privatmädchenschule 1911 1917 Lautenburg, Westpreußen
Beruf Festangestellte Lehrerin der städtische Mittelschule (nach Vereinigung der Privatmädchenschule mit der örtlichen Volksschule) 1917 1920 Lautenburg, Westpreußen
Beruf Durch den Ersten Weltkrieg arbeitslos geworden, verließ E. Hirsch Lautenburg, das nun zu Polen gehörte, in Richtung Berlin. Hier gab sie Privatstunden oder erledigte Büroarbeiten und belegte Handelskurse. 1920 1926 Berlin
Beruf Israelistische Volksschule in Bochum, 1938 - 1939 nach Verwüstung durch die SA geschlossen, 1939 - 1940 als Privatschule wiedereröffnet. 1927 1940 Bochum

Andere

Else Hirsch rettete Schülerinnen und Schüler ihrer Bochumer Schule vor dem mörderischen Regime der Nationalsozialisten.

Wie wurde die Geschichte bekannt?

Ihre Geschichte wurde von Überlebenden überliefert.

Wann wurde die Geschichte bekannt?

In den 1990er Jahren

Wo wurde die Geschichte bekannt?

Bochum

Durch wen wurde die Geschichte bekannt?

Briefe und Gespräche der in den USA lebenden ehemaligen Hirsch-Schüler Ruben und Willi Moller an den gemeinnützigen Verein “Erinnern für die Zukunft e.V.” in Bochum machten auf die Geschichte von Else Hirsch aufmerksam

Preise, Auszeichnungen

Stolperstein Bochum
Straßenbenennung: “Else-Hirsch-Straße” in Bochum

Literatur (Literatur, Filme, Webseiten etc.)

Clemens Kreuzer, Die Lehrerin Else Hirsch und Bochums israelitische Schule in den Judenverfolgungen des Dritten Reiches. Ein Beitrag zum „Bochumer Bürgerbuch für die Opfer der NS-Zeit“ im Rahmen des Projektes „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig und des Stadtarchivs Bochum, Online-Manuskript, Hrsg. v. d. CDU-Fraktion, Bochum 2006.

Projekt Juden in Mecklenburg: Gesamtstammbaum der Mecklenburger Juden (GEDCOM)

Else Hirsch war eine engagierte Lehrerin. Als solche muss sie wohl ein tiefes Verantwortungsgefühl für ihre Schülerinnen und Schüler empfunden haben. Unterstützung bei der Organisation der Kindertransporte erhielt sie zunächst von ihrer Gemeindesekretäring Erna Philipp. Diese blieb dann mit dem letzten Kindertransport in England und rettete somit ihr Leben.
  • Persönlichkeit
  • Religiöse Einstellung
  • Ehrenamtliche Tätigkeit
  • Bildung
  • Solidarität

EINLEITUNG

Von 1938 bis 1939 organisierte die Lehrerin Else Hirsch zusammen mit der Gemeindesekretärin Erna Philipp Kindertransporte von Bochum nach England und in die Niederlande. Sie retteten auf diese Weise mehr als siebzig Kindern aus Bochum und Herne das Leben. Diese Kinder waren oft die einzigen Überlebenden ihrer Familien.

DIE GESCHICHTE

Else Hirsch (1889-1942)
Eine Frau mit großem Mut und großer Hingabe

 

Else Hirsch wurde am 29. Juli 1889 in Bützow in Mecklenburg-Schwerin geboren. Sie studierte in Schwerin und legte 1908 das Examen für das höhere Lehramt vor der Großherzoglich-Mecklenburgischen Prüfungskomission ab. Zwischen 1909 und 1920 arbeitete sie an verschiedenen Privatschulen und später an einer städtischen Mittelschule als Lehrerin in Westpreußen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Westpreußen Polen zugeschlagen und sie verliess mit ihrer Mutter die Heimat Richtung Berlin, wo sie sich in den nächsten Jahren als mit Privatstunden und Büroarbeit über Wasser halten musste. Als Lehrerin wurde sie 1927 per Zuweisungsbescheid durch das Fürsorgeamt nach Bochum versetzt, um an der Israelitischen Schule der jüdischen Gemeinde zu arbeiten. Da sie die Ausbildung für die Tätigkeit am Gymnasium hatte, war sie anfangs nicht glücklich über die Versetzung, sie legte sogar einen schriftlichen Widerspruch ein, der allerdings abgelehnt wurde. Überlebende berichten, dass sie sich dennoch mit viel Elan und Herzblut an ihre neue Aufgabe machte und so, trotz ihres unscheinbaren Äusseren und ihrer als etwas “schrullig” beschriebenen Art, schnell die Herzen der Kinder und den Respekt der Kollegen gewann.

Ein ehemaliger Schüler erinnert sich an “Fräulein Hirsch” als “eine altjüngferliche Lehrerin, die sich unvorteilhaft kleidete und frisierte, die eigentümliche Gewohnheiten hatte (…)”. Sie galt als sprachgewandt, sprach selbst vier Sprachen und unterrichtete neben Englisch und Hebräisch auch Spanisch, auch außerschulisch. Als Lehrerin beschreiben ihre ehemaligen Schüler_innen sie als streng, aber auch gerecht und verantwortungsvoll. Auch bewies die auf den ersten Eindruck zurückhaltend und schüchtern wirkende Frau großes Organisationstalent und Willensstärke.

Else Hirsch ist ledig geblieben und pflegte ihre kranke Mutter, die 1931 verstarb. Sie engagierte sich zudem im jüdischen Frauenverein Bochum. Die Schule lag in unmittelbarer Nähe der Synagoge an der damaligen Wilhelmstraße (wo sich heute die Huestrasse in Richtung Kortumstraße am Dr. Ruer Platz fortsetzt). Sie bot nach mehreren Umbauten mit drei Unterrichtsräumen Platz für 100 Schülerinnen und Schüler. Die höchste Mitgliederzahl erreichte die jüdische Gemeinde 1930 mit 1244 Mitgliedern. Sie war die drittgrößte jüdische Gemeinde in Westfalen. Doch mit der unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten beginnenden Entrechtung, Verdrängung und Schikane der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger brach das jüdische Leben in Bochum zusammen. Bereits 1934 hatte ein Viertel der Bochumer Schülerinnen und Schüler die jüdische Schule verlassen. Nach dem Pogrom vom 9. November 1938, bei der auch die Synagoge abgebrannt und die Schule durch die wütenden SA-Horden verwüstet wurde, musste die Schule zunächst schießen. Else Hirsch erkannte die drohende Gefahr und die damit zunehmende Wichtigkeit von außerschulischen Englisch- und Hebräischstunden und intensivierte diese Tätigkeit. 1937 nahm sie an einer Englischfortbildung bei der “Reichsvertretung der Deutschen Juden” in Berlin teil. 1938 bereiste sie Palästina, um in Erfahrung zu bringen, wie sie Menschen besser auf das Exil vorbereiten könne.

Else Hirsch kämpfte nach der Schließung der Schule durch die Nationalsozialisten für die Wiedereröffnung der Einrichtung, was ihr 1939 auch zeitweilig gelang. Die Schule konnte für kurze Zeit ihre Tätigkeit als Privatschule wieder aufnehmen. Da die meisten jüdischen Familien zu diesem Zeitpunkt bereits emigriert oder untergetaucht waren, unterrichtete sie in dieser Zeit nur noch etwa 25 Schülerinnen und Schüler.

Von 1938 bis 1939 organisierte Else Hirsch zusammen mit der Gemeindesekretärin Erna Philipp Kindertransporte von Bochum nach England und Holland und rettete auf diese Weise mehr als siebzig Kindern aus Bochum und Herne das Leben. Diese Kinder waren oft die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Erna Philipp blieb mit dem letzten Transport in England und konnte ihr Leben retten. Aus Sorge um die verbleibenden Kinder blieb Else Hirsch indessen in Bochum. Ob sie auch ihre eigene Flucht geplant hatte, ist ungewiss. Die Grenzschließungen mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges machten weitere Ausreisungen nahezu unmöglich. Else Hirsch musste in ein so genanntes Judenhaus ziehen, in denen die Menschen unter unwürdigen Bedingungen zusammengepfercht wurden. Die jüdische Privatschule wurde dann 1940 endgültig geschlossen.

Else Hirsch wurde zusamen mit anderen Bochumer Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens 1942 nach Riga deportiert. Lange ging man davon aus, sie sei in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden. Doch aus Briefen und Berichten von Überlebenden aus Riga wissen wir heute, dass sie ihren letzten Lebensmonat im Ghetto in Riga verbracht hat. Diese Überlebenden berichteten auch, dass Else Hirsch selbst im Ghetto noch Kinder unterrichtete und auf diesem Weg ein wenig Hoffnung und “Normalität” schenkte. Ferner pflegte sie Kranke und sammelte Heilkräuter.

Ein Überlebender des Rigaer Ghetto schrieb in einem Brief: “Sie war eine Frau mit großem Mut und großer Hingabe”. Wahrscheinlich Anfang 1943 starb Else Hirsch in Riga.  Heute geht die Forschung davon aus, dass ihre sterblichen Überreste in einem der Massengräber in Riga liegen.

Über Else Hirsch ist nicht viel zu lesen. Von der kleinen, zurückhaltenden und unscheinbar wirkenden Frau sind keine Zitate, keine großen Reden überliefert. Einzig ein Spruch aus einem Poesiealbum einer Schülerin kann als Zitat für unsere Präsentation dienen. “Richte nicht den Wert des Menschen / schnell nach einer kurzen Stunde / Oben sind bewegte Wellen / doch die Probe liegt im Grunde.” Else Hirsch hat in dunkelsten Zeiten die Menschlichkeit in Bochum hochgehalten. Heute erinnern ein Stolperstein, eine Straße und seit 1. August 2019 eine Förderschule in Bochum-Gerthe an die tapfere und mutige Lehrerin, die Fluchthelferin für viele Kinder war und dabei ihr eigenes Leben opferte.

Autorin: Daniela Collette

Zitat: Daniela Colette, “Else Hirsch (1889-1942). Eine Frau mit großem Mut und großer Hingabe”, in: Fritz Bauer Bibliothek, URL: https://www.fritz-bauer-forum.de/datenbank/else-hirsch/

Diesen Beitrag teilen