„My starting point is always a feeling of partisanship, a sense of injustice.“

George Orwell
* 25. Juni 1903 in Motihari (Britisch-Indien)
† 21. Januar 1950 in London
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Englisch
Staatsangehörigkeit bei Tod: Englisch
Vater

Richard Walmesley Blair

* 07.01.1857 Milborne St Andrew (England)
† 28.06.1939 Southwold (England)
Mutter

Ida Mabel Blair (geb. Limouzin)

* 19.05.1875 Penge, Surrey (England)
† 19.03.1943 (England)
Schwester

Marjorie Frances Dakin (geb. Blair)

* 21.04.1898 Gaya, Bengal (Britisch-Indien)
† 03.05.1946 Nottingham (England)
Schwester

Avril Nora Dunn (geb. Blair)

* 06.04.1908 Henley-on-Thames (England)
† 11.01.1978
Sohn

Richard Horatio Blair

* 14.05.1944
Ehefrau

Eileen Blair (geb. O'Shaughnessy)

* 25.09.1905 South Shields (England)
† 29.03.1945 Newcastle (England)
Zweite Ehefrau

Sonia Brownell

* 25.08.1918 Kalkutta (Britisch-Indien)
† 11.12.1980 London (England)
Land des Kampfes für die Menschenrechte: England, Frankreich, Spanien, Schottland
Ort des Kampfes für Menschenrechte: London, Wallington, Paris, Huesca, Barcelona, Jura, u. a.
Bereich Art Von Bis Ort
Schule Roman catholic day-school 1908 1911
Schule/Internat St. Cyprians private preparatory school 1911 1916 Eastbourne
Schule/Internat Elitecollege Eton 1917 1921 Eton
Beruf Kolonialpolizist 1922 1927 Burma
Beruf Küchenhilfe 1929 1929 Paris
Beruf Lehrer an einer Privatschule 1932 1933 Hayes
Beruf Lehrer am College 1933 1933 Uxbridge
Beruf Buchverkäufer im Booklovers Corner 1934 1936 London
Freiwilliger Kämpfer im Spanischen Bürger*innenkrieg 1936 1937 Spanien
Rundfunk Broadcaster bei der BBC 1941 1943 London
Beruf Kriegsberichterstatter für den Observer und die Manchester Evening News 1945 1945 Frankreich, Deutschland und Österreich
Beruf Schriftsteller 1927 1950 Frankreich, England, Spanien
Beruf Redakteur bei der Zeitung Tribune 1943 1947 London

POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista)

Ort: Barcelona
Eintrittsgrund: Spanischer Bürger*innenkrieg
Funktion / Tätigkeit: Milizionär

ILP (Independent Labour Party)

Ort: London
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Mitglied

Freedom Defence Committee

Ort: London
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Stellvertretender Vorsitzender

Andere

Der Schriftsteller Eric Arthur Blair alias George Orwell, der sich zu einem freiheitlich-demokratischen Sozialismus bekannte, leistete aktiven und passiven Widerstand und erhob seine Stimme gegen das Unrecht in Gestalt des Kolonialismus, Faschismus, Kapitalismus und Stalinismus. Sein Kampf galt einer herrschaftsfreien Gesellschaft, in der die Achtung der Menschenrechte im Zentrum steht.

Wie wurde die Geschichte bekannt?

Die Geschichte von George Orwell wurde insbesondere durch seine Bestseller Animal Farm und 1984 bekannt.

Wann wurde die Geschichte bekannt?

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wo wurde die Geschichte bekannt?

Zunächst in England und in den USA. Später weltweit.

Literatur (Literatur, Filme, Webseiten etc.)

Auswahl

Büthe, Lutz (1984): Auf den Spuren George Orwells. Eine soziale Biografie. Hamburg: Junius Verlag.

Hitchens, Christopher (2002a): Why Orwell Matters. New York: Basic Books.

Shelden, Michael (2006): Orwell. The Authorised Biography. London: Politico’s.

Eigene Werke

Auwahl

Orwell, George (1978): Erledigt in Paris und London. Zürich: Diogenes.

Orwell, George (1982): Der Weg nach Wigan Pier. Zürich: Diogenes.

Orwell, George (2003): Homage to Catalonia. London: Penguin Books.

Orwell, George (2008): 1984. London: Penguin Books.

Orwell, George (2013): Animal Farm. London: Penguin Books.

Die Einsicht Orwells, sich als Kolonialpolizist schuldig gemacht zu haben, bildete den Ausgangspunkt seines Widerstandes und ließ das Bedürfnis reifen, das begangene Unrecht zu sühnen. So wurde das Unrecht zu einem entscheidenden Motor seines „Kampfes um des Menschen Rechte“ (Bauer). Gestärkt wurde er in seinem Widerstand zudem durch die Konfrontation mit der katastrophalen Lebenssituation der „Verdammten dieser Erde“ (Fanon), durch den Autoritarismus seiner Zeit und durch seine politische Bildung. Sicherlich spielte auch die Erfahrung, dass eine klassenlose Gesellschaft grundsätzlich möglich, eine Rolle.

Menschenwürde
Geltung der Rechte für alle Menschen in allen Ländern und Gebieten unabhängig von ihrer internationalen Stellung
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Verbot von Sklaverei oder Leibeigenschaft
Recht auf freie Meinungsäußerung
Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
Recht an der Gestaltung der öffentlichen Ordnung mitzuwirken
Recht auf Wahrheit

EINLEITUNG

Der Lebensweg des berühmten Schriftstellers Eric Arthur Blair alias George Orwell lässt sich wohl am besten mit einem kurzen Gedicht von Bertolt Brecht zusammenfassen: ”Ich bin aufgewachsen als Sohn / Wohlhabender Leute. Meine Eltern haben mir / Einen Kragen umgebunden und mich erzogen / In den Gewohnheiten des Bedientwerdens / Und unterrichtet in der Kunst des Befehlens. Aber / Als ich erwachsen war und mich um sah / Gefielen mir die Leute meiner Klasse nicht / Nicht das Befehlen und nicht das Bedientwerden / Und ich verließ meine Klasse und gesellte mich / Zu den geringen Leuten.”

 

DIE GESCHICHTE

George Orwell / 1903-1950

Eine Geschichte des Widerstands

 

Trotz der Überwachungsskandale der vergangenen Jahre und des „Aufstiegs eines globalen Autoritarismus“ [1] wird der Begriff Big Brother vornehmlich mit einer erfolgreichen Unterhaltungsfernsehsendung assoziiert, die in dutzende Länder weltweit ausgestrahlt wurde. Dass sich Personen freiwillig in einer Art „Menschenzoo“ über Monate der totalen Überwachung von Millionen Fernsehzuschauer_innen aussetzen, hätte dem sprachgewandten Eric Arthur Blair alias George Orwell, der den Begriff einst prägte, sicherlich die Sprache verschlagen. Im Nachfolgenden geht es jedoch weder um die „kulturindustrielle“[2] Vereinnahmung noch um die erschreckende Aktualität seines Werkes, sondern um die Geschichte, die hinter ihm steht und die im Glanz des weltberühmten Literaten zu verschwinden droht. Sie handelt von einem „großen Unbekannten“[3], dem widerständigen George Orwell, der sich nach begangenem Unrecht als Kolonialpolizist auf die Seite der „Verdammten dieser Erde“[4] schlug, sich offen zu einem freiheitlich-demokratischen Sozialismus bekannte und im Sinne von Fritz Bauer dazu bereit war, für die Menschlichkeit nicht nur zu leben, sondern auch zu sterben.[5] Sie beginnt 1903 in Britisch-Indien, führt nach Frankreich, Spanien und Schottland und endet 1950 in England.[6]

Familiärer Hintergrund und frühe Kindheit

George Orwell wurde am 25. Juni 1903 als Eric Arthur Blair in Motihari/Bengalen (damals Britisch-Indien) in eine adlige Familie hineingeboren, die er selbst dem „unteren oberen Mittelstand“[7] zuordnete. Sein Vater, Richard Walmesley Blair, Sohn eines Pfarrers und das jüngste von zehn Kindern, arbeitete zur damaligen Zeit als Verwaltungsbeamter im Opium-Department und beteiligte sich an den Verbrechen des britischen Kolonialismus. 1896 heiratete er die wesentlich jüngere Ida Mabel Limouzin, die zwar in England geboren, jedoch in Moulmein/Burma (heute Myanmar, damals Teil von Britisch-Indien) aufgewachsenen war. Im April 1898 bekam sie eine Tochter, Marjorie Frances Blair, und fünf Jahre später erblickte Eric Arthur Blair das Licht der Welt.

Die Blair-Familie

Nach seiner Geburt verließ sie – wie damals üblich – Britisch-Indien und ging mit den beiden Kindern nach England zurück, wo ihnen der Verdienst von Richard Blair, der in British-Indien blieb, ein gutbürgerliches Leben ermöglichte. Dennoch wurde Eric früh mit den sozialen Ungleichheiten der britischen Gesellschaft konfrontiert, die sich in sein Gedächtnis einbrannten. „Ich war sehr jung, kaum älter als sechs, als mir die Klassenunterschiede zum erstenmal bewußt wurden“.[8] Ihm wurde beigebracht, dass „(…) die unteren Klassen stinken“.[9]

Im Sommer 1911 nahm die renommierte Internatsschule St. Cyprian’s Eric als Schüler auf.

Autoritäre Erziehung in St. Cyprian’s

Für Eric glich das private Internat einem Gefangenenlager, das von dem Ehepaar Wilkes mit eiserner Hand geführt wurde. Der „Lageralltag“ zeichnete sich jedoch nicht durch das Klopfen von Steinen, sondern durch die Wissensvermittlung aus – obgleich diese ähnlich manuell ablief. Im krassen Gegensatz zu einer „Erziehung zur Mündigkeit“[10] bestand das Hauptziel des Internatbetriebes nämlich darin, Schüler zu produzieren, die in Prüfungssituationen die richtigen Antworten gaben und den Schein erweckten, Universalgelehrte zu sein. Um dieses (Erziehungs-)Ziel zu erreichen, waren alle Mittel recht, wie Eric am eigenen Leib zu spüren bekam. So wachte er eines Tages auf und musste mit Erschrecken feststellen, dass er ins Bett gemacht hatte – was bei Kindern, die aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden, nicht selten vorkommt. Damals galt es jedoch als „Straftat“ und verzweifelt versuchte er, das „Fehlverhalten“ zu unterlassen. Beim ersten Mal quittierte Mrs. Wilkes das Vergehen noch mit öffentlichen Demütigungen. Ab dem zweiten Mal wurde er dann als „Wiederholungstäter“ behandelt und von Mr. Wilkes, der für das Grobe zuständig war, gezüchtigt.

Eric hasste das Internat, in dem die Gewalt zum Alltag gehörte, ebenso wie seine Peiniger_innen. Insbesondere Mrs. Wilkes, die ihm das Leben zur Hölle machte und ihm als sadistische Frau voller falscher Herzlichkeit negativ in Erinnerung blieb. Es war eine düstere Zeit, die jedoch auch ihre Lichtblicke hatte. So unternahm er häufiger mit seinem Lieblingslehrer Ausflüge ins Grüne und lernte seinen langjährigen Freund Cyril Vernon Connolly kennen, der seine Liebe zur Literatur mit ihm teilte.

Kurz nach seinem vierzehnten Geburtstag 1917 erhielt er eine Zusage aus Eton und verließ mit dem Gefühl, Licht am Ende des Tunnels zu sehen, die St. Cyprian’s Preparatory School.[11]

Etons snobistischer Revolutionär

Die Eliteschule in Eton stellte gegenüber der St. Cyprian’s Preparatory School eine deutliche Entspannung dar, da ihm dort mehr Freiheiten zugestanden wurden. Als Spross der Mittelklasse grenzte er sich sowohl nach „oben“ als auch nach „unten“ ab. Einerseits verabscheute er die „raffgierig[en] Reichen“[12], andererseits blickte er auf jeden herab, „(…) der nicht als ›Gentleman‹ bezeichnet werden konnte“[13].

„Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren war ich ein widerlicher kleiner Snob, aber kein bißchen schlimmer als andere Jungen meines Alters und meiner Gesellschafsschicht. Vermutlich gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem Snobismus so allgegenwärtig ist oder an dem er in so raffinierter und subtiler Form kultiviert wird wie in den englischen Privatschulen. Hier zumindest kann man nicht sagen, die englische Erziehung erfülle ihre Aufgabe nicht. Man vergißt sein Latein und Griechisch in den ersten paar Monaten nach der Schulzeit (…), aber der Snobismus haftet an einem bis ans Grab, wenn man ihn nicht hartnäckig ausrottet wie das Unkraut, das er ist.“[14]

Die Freizeit, die ihm der Ortswechsel bescherte, nutzte er überwiegend zur literarischen Lektüre. Er verschlang geradezu die Werke moderner Schriftsteller_innen, die ihm halfen, einen ausgeprägten Widerspruchsgeist zu entwickeln.

„Damals sahen wir alle uns selbst als aufgeklärte Kreaturen eines neuen Zeitalters, und wir warfen die Orthodoxie ab, die uns von diesen verhaßten ‚alten Männern‘ aufgezwungen worden war. Grundsätzlich behielten wir den snobistischen Standpunkt unserer Gesellschaftsschicht bei (…). Ich war also mit siebzehn oder achtzehn Jahren sowohl ein Snob als auch ein Revolutionär. Ich war gegen jede Autorität. Ich hatte das ganze publizierte Werk von Shaw, Wells und Galsworthy (die damals noch als gefährlich ‚fortschrittliche‘ Schriftsteller galten) gelesen und wieder gelesen, und ich bezeichnete mich locker als Sozialisten. Aber ich hatte keine große Ahnung, was Sozialismus hieß, und keine Vorstellung davon, daß die Arbeiter menschliche Wesen waren.“[15]

Eric A. Blair/ George Orwell mit 18 Jahren

Abgesehen von seiner Beteiligung an zwei Schulzeitungen ist im Hinblick auf seinen weiteren Werdegang von besonderer Bedeutung, dass in diese Zeit sein erstes Abenteuer als „Landstreicher“ fällt, das seine Faszination für das Leben am Sockel der Gesellschaftspyramide weckte. Es begann mit einem verpassten Zug, der in eigentlich zu seinen Eltern bringen sollte und ihn dazu nötigte, eine Nacht im Freien ohne Geld zu verbringen.

Im Allgemeinen schienen ihm die Abenteuer und die Literaturlektüre wichtiger zu sein als seine schulischen Leistungen, die nicht gerade verheißungsvoll waren. Dennoch schloss er Ende 1921 seine College-Zeit erfolgreich ab.

Im Dienst der britischen Kolonialpolizei

Im Unterschied zum vorgezeichneten Weg eines Eton Absolventen, der in der Regel direkt nach Oxford oder Cambridge führte, beschloss der junge Eric Arthur Blair in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Ende 1922 wurde er Assistent District Superintendent der Indian Imperial Police. Nach seinem Wunscheinsatzort gefragt, gab er die Provinz Burma an, weil er dort Verwandtschaft hatte. In puncto Sicherheit die wahrscheinlich schlechteste Wahl, da Burma zu diesem Zeitpunkt am Rande einer Rebellion stand.[16] Die Feindlichkeit gegenüber den britischen Kolonialherren war allerorts zu spüren und die Indian Imperial Police hatten alle Mühe für „Recht und Ordnung“ zu sorgen bzw. für das, was sie dafür hielten.[17]

Im November 1922 erreichte der neunzehnjährige Eric Blair nach mehrwöchiger Reise Mandalay, wo sich die Polizeischule befand, die junge Rekruten innerhalb von zwei Jahren in funktionstüchtige Ordnungshüter verwandelte. In seinem ersten Brief nach England schrieb er: „You could never understand how awful it is if you hadn’t been here“[18]. Dennoch hielt er es insgesamt fünf Jahre aus, bevor er erkannte, dass er „(…) nicht nur dem Imperialismus entrinnen mußte, sondern jeder Form von Herrschaft des Menschen über den Menschen“[19].

Prima facie setzte sich die Gesellschaft in Burma aus lediglich zwei Personengruppen zusammen: die weißen Herren und die nichtweißen Knechte/ Mägde. Die Funktion der Imperial Police bestand nun darin, diese asymmetrische und auf Rassismus gründende Gesellschaftsformation aufrechtzuerhalten. Insofern kam die bloße Zugehörigkeit zur Imperial Police schon einem Unrecht gleich, dessen sich auch Eric Blair schuldig machte. Was ihn jedoch von so vielen seiner Landsleute unterschied, war die kritische Selbstreflexion, die ihn allmählich dazu brachte, sich selbst als Rädchen in der „Maschinerie des Despotismus“[20] zu begreifen.

Im Hinblick auf seinen (politischen) Bewusstwerdungsprozess war es von besonderer Bedeutung mitzuerleben, wie ein Indigener von seinen Polizeikameraden gehängt wurde. Entscheidend für ihn war jedoch weniger der Vollzug der Todesstrafe selbst, sondern vielmehr der letzte Gang des zum Tode Verurteilten über den Gefängnishof. Eric Blair fiel auf, dass der gefesselte Mann, der größte Mühe hatte, sich überhaupt fortzubewegen, alle Anstrengung auf sich nahm, um einer Pfütze auszuweichen, sodass er keine nassen Füße bekam.

„It is curious, but till that moment I had never realized what it means to destroy a healthy, conscious man. When I saw the prisoner step aside to avoid the puddle, I saw the mystery, the unspeakable wrongness, of cutting a life short when it is in full tide. This man was not dying, he was alive just as we were alive (…). His eyes saw (…) and his brain still remembered, foresaw, reasoned – reasoned even about puddles. He and we were a party of men walking together, seeing, hearing, feeling, understanding the same world; and in two minutes, with a sudden snap, one of us would be gone – one mind less, one world less.“[21]

In diesem Moment wurde das „kolonisierte Ding (…) Mensch“[22] und die „Entfremdung des Menschen vom Menschen“[23] ideell aufgehoben. Das „Band der Menschlichkeit“[24], das nun offen zu Tage trat, weckte sein verschüttetes Mitgefühl, woraufhin ihm der Tod des Mannes schlimmer vorkam als tausend Morde. Ausgehend von dieser Erfahrung schlussfolgerte er später, dass selbst „(…) der schlimmste Verbrecher (…) einem Henker moralisch überlegen ist“.[25]

Dieses Erlebnis führte ihm – neben anderen – praktisch vor Augen, dass er als Handlanger des sogenannten Commonwealth die „dreckige Arbeit des Weltreichs“[26] verrichtete. Zunehmend empfand er Schuld und Scham. Als er sich zum Jahreswechsel 1926/27 mit dem Denguefieber ansteckte, sah er die Möglichkeit, eine Auszeit zu nehmen und bat um Erlaubnis, Britisch-Indien verlassen zu dürfen. Im Frühsommer machte er sich auf den Weg zurück nach England.

Parteinahme für die Verdammten dieser Erde und die letzten Tage in Burma

Die „erste Nase voll englischer Luft“ überzeugte ihn vollends, seine bis dato steil verlaufende Polizeikarriere endgültig an den Nagel zu hängen. Nach Burma zurückzukehren, kam für ihn nicht mehr in Frage.

„Die elenden Gefangenen, die in den stinkenden Käfigen der Gefängnisse kauern, die grauen bangen Gesichter der Gefangenen mit langen Haftstrafen, die mit Narben bedeckten Hintern von Männern, die mit Bambusstäben geprügelt worden sind, die Frauen und Kinder, die heulen, weil ihre Mannsleute abgeführt werden – solche Dinge sind unerträglich, wenn man in irgendeiner Weise direkt für sie verantwortlich ist.“[27]

Im Bewusstsein der Schuld, die er auf sich geladen hatte, leistete er passiven Widerstand, indem er sich weigerte, weiterhin „mitzumachen“. Mit seinem mutigen Entschluss, nicht nur den Polizeidienst zu quittieren, sondern darüber hinaus Schriftsteller zu werden, stieß er bei seiner Familie allerdings auf Unverständnis. Insbesondere für Mr. Blair war es unbegreiflich, dass sein Sohn einen gutbezahlten und – seiner Auffassung nach – ehrwürdigen Job für eine so „brotlose Kunst“ aufgab.

Schnell stellte sich heraus, dass die Schuld mit dem bloßen Quittieren des Dienstes nicht abgegolten war. Er spürte den Drang, sich auf die Seite der Unterdrückten zu stellen und Partei gegen die Tyrannen zu ergreifen. So rückten die englischen Arbeiter_innen in sein Blickfeld, die ihm die gleiche Rolle zu spielen schienen wie die Indigenen in Burma.

„Einmal, wenn ich unter ihnen gewesen und von ihnen akzeptiert worden wäre, hätte ich das untere Ende erreicht, und – genau das fühlte ich: es war mir auch damals bewußt, daß es irrational war – ein Teil meiner Schuld würde von mir fallen.“[28]

Daher verwundert es auch nicht, dass er sich nicht zur „Arbeiter_innenaristokratie“ als vielmehr zu den Ärmsten der Armen hingezogen fühlte, zum „Lumpenproletariat“.

„Ich dachte nach und beschloß, was ich tun wollte. Ich würde in geeigneter Verkleidung (…) in Herbergen übernachten und mich mit Dockarbeitern, Hausierern, heruntergekommenen Leuten, Bettlern und, wenn möglich, mit Kriminellen anfreunden. Ich würde herausfinden, was Landstreicher für Leute sind und wie man mit ihnen in Berührung kommt und welches das korrekte Vorgehen ist, um ins Obdachlosenheim zu kommen (…).“[29]

Sogleich setzte er seine Gedanken in die Tat um und unternahm immer wieder ausgiebige Exkursionen in Quartiere, die heute als „sozialschwach“ und „bildungsfern“ gebrandmarkt werden. Diese öffneten ihm die Tür zur Welt der Unterdrückten, beruhigten sein Gewissen und lieferten ihm Material für seine Karriere als Schriftsteller, die nicht in Gang kommen wollte.

Von einem Ortswechsel nach Paris, das in den 1920er Jahren eine Vielzahl von Schriftsteller_innen magisch anzog, erhoffte er sich die nötige Starthilfe. Dort angekommen knüpfte er an die Exkursionen an, die er in London unternommen hatte, und vertiefte seine Sozialstudien im Selbstexperiment. So lebte er bspw. in einem schäbigen Hotel, das er als „rachitisches Wildgehege mit fünf Stockwerken“[30] beschrieb. Darüber hinaus verdingte er sich als Küchenhilfe und machte – von ständigen Geldsorgen geplagt – sogar die Erfahrung, zu hungern.

Kurz vor dem Jahreswechsel 1929/30 kehrte er nach 18 Monaten zurück nach England und begann, seine „Abenteuer“ aufzuschreiben. 1933 erschien sein erstes Buch Down and Out in Paris and London unter dem Pseudonym „George Orwell“[31]. Beflügelt von dem unverhofften Erfolg stürzte er sich direkt in sein nächstes Buchprojekt. Wenig später wurde Burmese Days publiziert, mit dem er sein Kolonialtrauma aufarbeitete und mit dem britischen Imperialismus abrechnete.

Exkursion in den industriellen Norden Englands

Im Jahr der Veröffentlichung von Burmese Days fand Orwell Anstellung in einem Buchladen in London, dem Booklovers Corner. In dieser Zeit lernte er bei einer Party auch seine zukünftige Ehefrau Eileen Maud O’Shaughnessy kennen.[32]

Nach den Erlebnissen in London und Paris, war sein Bedürfnis, die Lebensbedingungen derjenigen näher kennenzulernen, die ihr Dasein am Rand der Gesellschaft fristeten, keineswegs befriedigt. So konnte er das Angebot seines Verlegers, ein Buch über die Lage des Proletariats im industriellen Norden Englands zu schreiben, nicht ausschlagen. Um die nötigen Informationen zu sammeln, musste er sich selbst ein Bild vor Ort machen. Die ausgiebigen Touren durch die Industriestädte des Nordens ermöglichten ihm einen authentischen Einblick in die Lebenswirklichkeit der working class. Er lebte unter den Arbeiter_innen und führte zahlreiche Interviews mit ihnen. Eindrücklich schildert er die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter, die er auf ihrer Schicht im Schacht mehrfach begleitete.

„Wenn man in ein Kohlebergwerk einfährt, sollte man versuchen, zur Abbaustelle zu gelangen, wenn die ‚Füller‘ an der Arbeit sind (…). Zu diesen Zeiten ist es da unten wie in der Hölle oder jedenfalls so wie in meinem Phantasiebild von der Hölle. Fast alles, was man sich in der Hölle vorstellt, ist da: Hitze, Lärm, Durcheinander, Dunkelheit, stickige Luft, und vor allem eine unerträgliche Enge. Alles ist da bis auf das Feuer, denn da unten gibt es kein Feuer außer dem schwachen Schein der Davylampen und Taschenlampen, die kaum durch die Kohlestaubwolken dringen.“[33]

Letztlich zogen ihn die einschneidenden Erfahrungen, die er in den Kohlengebieten machte, mehr und mehr in Richtung Sozialismus; „(…) denn bevor man sicher sein kann, ob man wirklich für den Sozialismus ist, muß man entscheiden, ob die gegenwärtigen Zustände erträglich oder unerträglich sind, und man muß in der entsetzlich schwierigen Klassenfrage eine deutliche Haltung einnehmen“.[34] Zweifellos half ihm die Konfrontation mit den unerträglichen Zuständen im industriellen Norden bei der Entscheidungsfindung. Darüber hinaus drängte ihn der Faschismus, der sich in dieser Zeit virusartig ausbreitete, dazu, Position zu beziehen. In der Welt von 1935, so Orwell, war es unmöglich, „unpolitisch“ zu bleiben.[35]

Im Frühjahr 1936 beendete er seine Exkursion und kehrte zunächst nach London zurück, bevor er und Eileen sich ein Landhäuschen in Wallington mieteten. Als er vom Putschversuch der Generäle in Spanien erfuhr, der einen Bürgerkrieg entfachte, beschloss er, die Ergebnisse seiner Sozialstudie schnellstmöglich niederzuschreiben, um vor Ort aktiven Widerstand gegen den Faschismus zu leisten. Am 15. Dezember 1936 lag das Manuskript zu The Road to Wigan Pier vor und eine Woche später brach er nach Barcelona auf.

Zwischen den Fronten im Spanischen Bürgerkrieg

Die Reise führte ihn zunächst von London nach Paris und von dort mit dem Nachtzug nach Spanien. Im Gepäck hatte er ein Empfehlungsschreiben der Independent Labour Party (ILP), das an John McNair adressiert war, der die ILP in Barcelona vertrat und bei dem er vorstellig werden sollte. Inzwischen war der Spanische Bürger_innenkrieg in vollem Gange und die konservativ-religiösen, monarchistischen und faschistischen Kräfte, die sich unter der Führung von Francisco Franco zu einem rechtsnationalistischen Block vereinten, hatte eine breite Schneise durch das Kernland der spanischen Republik gezogen und etwa die Hälfte des Territoriums erobert.[36] Zeitgleich „(…) wurde in weiten Teilen des republikanischen Herrschaftsgebietes die bestehende politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung umgestürzt“[37] und die soziale Revolution ausgerufen. Da der Revolutionseifer in Barcelona am größten war, verwundert es nicht, dass die Verhältnisse Orwell in blankes Staunen versetzen, als er dort ankam.[38]

„Zum erstenmal war ich in einer Stadt, in der die arbeitende Klasse im Sattel saß. Die Arbeiter hatten sich praktisch jedes größeren Gebäudes bemächtigt und es mit roten Fahnen oder der rot und schwarzen Fahne der Anarchisten behängt. Auf jede Wand hatte man Hammer und Sichel oder die Anfangsbuchstaben der Revolutionsparteien gekritzelt. Fast jede Kirche hatte man ausgeräumt und ihre Bilder verbrannt. Hier und dort zerstörten Arbeitstrupps systematisch die Kirchen. Jeder Laden und jedes Café trugen eine Inschrift, daß sie kollektiviert worden seien. (…) Unterwürfige, ja auch förmliche Redewendungen waren vorübergehend verschwunden. Niemand sagte ‚Señor‘ oder ‚Don‘ oder sogar ‚Usted‘. Man sprach einander mit ‚Kamerad‘ und ‚du‘ an und sagte ‚Salud!‘ statt ‚Buenos días‘. (…) Das Seltsamste von allem aber war das Aussehen der Menge. Nach dem äußeren Bild zu urteilen, hatten die wohlhabenden Klassen in dieser Stadt praktisch aufgehört zu existieren.“[39]

Orwell war tief beeindruckt vom egalitären Klima und von der revolutionären Aufbruchsstimmung. Die Klassengegensätze, die bis in die Gegenwart hinein das menschliche Dasein geißeln, schienen nicht nur ideell, sondern auch praktisch aufgehoben zu sein. Die Vorboten einer postkapitalistischen Gesellschaft, in der „(…) die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“[40], zeichneten sich deutlich ab und auch wenn er nicht auf Anhieb alles verstand, erkannte er „(…) sofort die Situation, für die zu kämpfen sich lohnte“.[41]

Sogleich meldete er sich bei McNair, der sein Büro im Gebäude der POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista) hatte, die mit der ILP verbandelt war. Als er von ihm gefragt wurde, was er tun könne, antwortete er:

„‚I’ve come to fight against fascism.‘

‚You’re not a Stalinist?‘

‚No.‘

‚Then you can join either the CNT or the POUM.‘

‚I’ll join the POUM.‘

‚You can join the POUM today.‘“[42]

Die Abgeklärtheit, die in seine Antworten hineingelesen werden könnte, ist jedoch trügerisch. Tatsächlich fiel es ihm zu Beginn seines Aufenthaltes schwer, die unterschiedlichen Parteien, die gegen den Faschismus kämpften, auseinanderzuhalten – geschweige denn, die ideologischen Differenzen zu durchschauen.

„Wenn jemand bei Monte Pocero auf die Stellung zu unserer Linken zeigte und sagte: ‚Das sind die Sozialisten‘ (also die P.S.U.C.), war ich verwirrt und sagte: ‚Sind wir nicht alle Sozialisten?‘“[43]

So einfach war es jedoch nicht, wie er schnell feststellen musste. Zum Leidwesen von Orwell war die Angelegenheit komplizierter, als in der ausländischen Presse dargestellt, die dazu neigte, den Bürger_innenkrieg auf den Kampf zwischen Faschismus und Demokratie zu reduzieren und ausblendete, dass auch eine soziale Revolution im Gange war.

Orwells zufolge, gab es auf der linken Seite drei relevante Assoziationen, die zwei unterschiedliche (Kriegs-)Strategien verfolgten. Die drei Assoziationen waren die PSUC, die POUM und die CNT-FAI. Die PSUC (Partido Socialista Unificado de Cataluña), die sich in Katalonien im Verlauf des Krieges unter den Fittichen der Sowjetunion zur führenden politischen Kraft entwickelte, war ein Zusammenschluss verschiedener Parteien, deren Kurs maßgeblich von den Stalinisten der Komintern bestimmt wurde.[44] Die CNT (Confederación Nacional del Trabajo) war – und ist – eine Konföderation anarchosyndikalistischer Gewerkschaften, die zur damaligen Zeit etwa zwei Millionen Mitglieder zählte. Der militante Arm der CNT war die FAI (Federación Anarquista Ibérica). Und schließlich die POUM, die als Reaktion auf den Stalinismus gegründet wurde und diesen entschieden ablehnte. Während die PSUC der Maxime: „Erst der Krieg, dann die Revolution“[45] folgte und mit allen Mitteln versuchte, eine soziale Revolution zu verhindern bzw. rückgängig zu machen, waren die CNT-FAI und die POUM der festen Überzeugung, dass der Widerstand gegen den Faschismus mit der sozialen Revolution zusammenfallen muss.[46]

In einer Parade vor der Lenin-Kaserne 1937

Als sich Orwell in den Lenin-Baracken der POUM auf seinen bevorstehenden Einsatz vorbereitete, ahnte er noch nichts von der Schärfe des Konflikts. Dort herrschte – wie in der ganzen Stadt – eine euphorische Stimmung, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die Milizionäre schlecht ausgebildet und schlecht ausgerüstet waren. Was den Umgang anbelangt, fiel vor allem auf, dass dem Satz „Gesetz ist Gesetz und Befehl ist Befehl“ jegliche Grundlage entzogen wurde. Wenn einem Milizionär ein Befehl nicht passte, trat er hervor und begann mit dem Kommandeur, den er als Genossen auf Augenhöhe ansah, über dessen Sinn und Unsinn zu diskutieren, bis eine einvernehmliche Lösung gefunden wurde.

Nach einigen Tagen verließ Orwell im Januar 1936 die Lenin-Baracken, um für die nächsten vier Monate an der Aragon Front zu kämpfen. Die Bedingungen an der Front waren in jeder Hinsicht katastrophal. Abgesehen von den zahlreichen physischen Zumutungen litt er an einem „lack of action“.[47]

„Es gab anscheinend keine Hoffnung auf richtige Kämpfe. (…) Es heißt, man brauche tausend Kugeln, um einen Mann zu töten. Bei dem Tempo würde es zwanzig Jahre dauern, bis ich meinen ersten Faschisten getötet hätte. (…) Ich war in die Miliz eingetreten, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Ich hatte jedoch kaum gekämpft, sondern nur wie ein passives Objekt existiert. Ich tat nichts als Gegenleistung für meine Rationen, außer daß ich unter der Kälte und dem Mangel an Schlaf litt.“[48]

Im Februar 1937 wurden die Milizionäre der POUM – unter ihnen Orwell – zusammengezogen, um die nordöstlich von Alcubierre gelegene Stadt Huesca zu belagern und die Truppen vor Ort zu unterstützen. Inzwischen war auch Eileen Blair in Spanien angekommen und stattete ihrem Mann einen kurzen Frontbesuch ab, bevor sie die Verwaltungsarbeit, für die sie sich freiwillig gemeldet hatte, im Büro von McNair aufnahm. In und um Huesca war die Lage zunächst relativ ruhig – für Orwell zu ruhig, was ihn wohl dazu veranlasste, die Engpässe in der Zigarettenversorgung als „tödlich“ zu beschreiben.[49] Nach der Ruhe kam jedoch der Sturm – in doppelter Bedeutung, da er sich für einen waghalsigen Sturm auf eine faschistische Stellung meldete.

Kurz nach dem erfolgreichen Angriff wurden Orwell einige Tage Fronturlaub genehmigt, die er nutzte, um Eileen wiederzusehen. Angekommen in Barcelona, war die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die revolutionäre Atmosphäre schien verflogen zu sein und er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, eine fremde Stadt zu betreten. Verantwortlich für diesen Stimmungswandel waren die rechten Kräfte im linken Lager, die dank der Sowjetunion Oberwasser erlangten. Zum Entsetzen aller Revolutionsenthusiast_innen wollten sie die sozioökonomischen Errungenschaften rückgängig machen, da sie die Auffassung vertraten, dass nur so der Krieg zu gewinnen sei.[50] Die andere Seite, vertreten durch die CNT-FAI und die POUM, versuchte hingegen, die Revolution zu „retten“. Der schwelende Konflikt, der sich als Ringen um die politische Vormachtstellung darstellt, entlud sich alsbald in der offenen Konfrontation.[51] Der „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“[52] begann:

„Den Anfang bildete der Überfall bewaffneter Einheiten der PSUC auf die Telefonzentrale Barcelonas, die sich unter der Kontrolle der CNT befand. Über Tage lieferten sich Anarchisten und Anhänger des POUM Straßenkämpfe mit den Einheiten der Kommunisten. Schließlich gab die Führung des CNT den Kampf auf und forderte ihre Anhänger dazu auf, die Waffen niederzulegen, um auf diese Weise ein Blutbad zu vermeiden, das lediglich den Nationalisten in die Hände gespielt hätte.“[53]

Orwell, der zu dieser Zeit eigentlich Fronturlaub machen wollte und sich plötzlich in einem innerlinken Grabenkrieg wiederfand, fiel während der Kämpfe die Aufgabe zu, die Zentrale der POUM zu bewachen. Kurz nachdem die Waffen schwiegen, kehrte Orwell zurück an die Front. Sein Frontaufenthalt dauerte allerdings nur ein paar Tage, da er am 20. Mai 1937 von einem faschistischen Scharfschützen am Hals getroffen wurde, als er einen Blick über die Sandsäcke der Stellung wagte. Wie durch ein Wunder überlebte er den Volltreffer, da die Kugel seine Halsschlagader um etwa einen Millimeter verfehlte. „Qué suerte! Qué suerte!“ („Sie Glückspilz, Sie Glückspilz“) waren die Worte der verblüfften Ärzte, die mit dem Fall im Krankenhaus konfrontiert wurden.[54] Nicht weniger verblüffend ist der rasche Genesungsprozess, der es ihm innerhalb weniger Tage erlaubte, das Bett für kleine Spaziergänge im Krankenhausgarten zu verlassen. Kurz darauf konnte er in eine Heilanstalt nach Barcelona verlegt werden, wo sich unterdessen die Situation für all jene zugespitzt hatte, die sich dem offiziellen Kurs der PSUC – vermeintlich oder tatsächlich – widersetzten. Bereits mit der Niederlegung der Waffen nach den innerlinken Gefechten war es zu politischen „Säuberungen“ gekommen, die die POUM besonders betraf, weil sie als „trotzkistisch“ galt.[55]

George Kopp an der Aragon Front in Spanien 1937

Während in Moskau den Dissident_innen der Schauprozess gemacht wurde und der Große Terror seinem Höhepunkt zusteuerte, fand in Spanien auf der Grundlage einer konstruierten Dolchstoßlegende eine regelrechte Hetzkampagne statt, die die POUM als verräterische „fünfte Kolonne Francos“ brandmarkte. So dauerte es nicht lange, bis die Partei verboten, ihr führendes Mitglied, Andreu Nin, gefoltert und ermordet und zahllose Mitglieder wegen „Hochverrats“ verhaftet wurden. Zu den letzteren gehörte auch Georges Kopp, ein Freund von Orwell, unter dessen Kommando er gegen die Faschisten gekämpft hatte. Als er von seiner Verhaftung erfuhr, war er fassungslos und versuchte, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um ihn zu befreien. Er setzte sogar seine eigene Freiheit aufs Spiel – jedoch ohne Erfolg.

Da Orwell nach seinem Halsdurchschuss als kampfuntauglich galt, für Kopp nichts mehr getan werden konnte und die Gefahr, in die Fänge der Stalinisten zu geraten von Tag zu Tag stieg, drängte es sich auf, Spanien zu verlassen. Im Morgengrauen des 23. Juli 1937 flohen Eileen und er und entgingen damit ihrer sicheren Verhaftung. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Frankreich, traten sie ihre Rückreise nach England an.

Angesichts des Desasters, das Orwell in Spanien hinter sich ließ, und der fürchterlichen Erlebnisse, die er dort machte, erstaunt sein hoffnungsvolles Resümee: „Seltsamerweise hat das ganze Erlebnis meinen Glauben an die Anständigkeit menschlicher Wesen nicht vermindert, sondern vermehrt“.[56] Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass ihm in Spanien die Möglichkeit einer klassenlosen Gesellschaft, eines „Vereins freier Menschen“[57] – im Sinne einer „konkrete Utopie“[58] – praktisch vor Augen geführt wurde.[59]

Homage to Catalonia

Kaum hatten Eileen und er in ihrem ruhigen kleinen Landhäuschen in Wallington wieder Quartier bezogen, begann Orwell damit, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Zum Leidwesen seiner ohnehin angeschlagenen Gesundheit gönnte er sich – aller Strapazen zum Trotz – keine Atempause, obgleich er sie bitter nötig gehabt hätte. So lag nach wenigen Monaten das fertige Manuskript zu seinem Buch Homage to Catalonia vor, auf das er persönlich sehr stolz war. Dennoch erwies es sich als schwieriges Unterfangen, einen Verlag für das Buch zu finden, da seine offene Kritik am Stalinismus zu diesem Zeitpunkt auf taube Ohren stieß. Durch die Überarbeitung und die übliche Winterbronchitis, die ihn alljährlich heimsuchte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand derart, dass er die nächsten Monate in einer Heilanstalt verbringen musste. Obgleich sich der Verdacht auf Tuberkulose, der im Raum stand, nicht erhärtete, war die Lage ernst. Daher folgten Eileen und er dem Rat der Ärzte, das kommende Winterhalbjahr in wärmeren Gefilden zu verbringen. Sie entschieden sich für Marokko, wo sie die nächsten sechseinhalb Monate blieben, bevor sie im Frühjahr 1939 wieder nach England zurückkehrten.[60]

Zweiter Weltkrieg

Nachbildung des Gemäldes von Picasso auf Fliesen als Wandbild in Originalgröße in der Stadt Gernika

Für Orwell, der das politische Tagesgeschehen genau verfolgte, war es lediglich eine Frage der Zeit, bis die Nazis, die mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brachen, England erreichen würden. Inzwischen lebten Eileen und er in London, wo er im Juni 1940 der British Home Guard beitrat. Wenig später begann die Luftschlacht um England und die ersten deutschen Bomben regneten auf die Zivilbevölkerung Londons. Basierend auf den Erfahrungen, die die Nazis im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite Francos bei der Bombardierung u. a. von Gernika gesammelt hatten, sorgten sie für ein Flammeninferno. Die beiden schwebten in Lebensgefahr und Eileen schlug vor nach Kanada zu fliehen, um von dort Widerstand zu leisten, woraufhin ihr Orwell kaltschnäuzig entgegnete, dass es besser sei, zu sterben – falls nötig. Selbst vom Schreiben ließ er sich nicht abhalten. So beginnt sein Buch The Lion and the Unicorn. Socialism and the English Genius mit den Worten: „As I write, highly civilized human beings are flying overhead, trying to kill me“.[61] Im Hinblick auf sein Sozialismusverständnis ist die schmale Schrift, die 1941 publiziert wurde, höchst aufschlussreich. In ihr heißt es:

„Socialism aims, ultimately, at a world-state of free and equal human beings. It takes the equality of human rights for granted. Nazism assumes just the opposite. The driving force behind the Nazi movement is the belief in human inequality (…).“[62]

Letztlich überlebten Eileen und Orwell die verheerenden Luftangriffe, die im Frühjahr 1941 allmählich abflauten, weil sich die Nazis verstärkt auf den sog. jüdisch-bolschewistischen Feind im Osten konzentrierten. Noch im selben Jahr bekam er das Angebot, in der Indien-Abteilung der BBC zu arbeiten. Zwei Jahre dauerte es, bis er sich eingestand, dass seine Arbeit dort mehr oder weniger sinnlos war. Er kündigte und übernahm einen Redakteurposten beim sozialistischen Politmagazin Tribune, der ihm etwas mehr Freiraum verschaffte, um an seinem Kurzroman Animal Farm zu arbeiten, der sich als kritische Parabel auf die Geschichte der Sowjetunion liest. Im Zentrum der Erzählung steht eine Revolution von Farmtieren, denen es gelingt, sich vom Joch menschlicher Herrschaft zu befreien. Nachdem sie die Kontrolle übernommen und die Reichtümer der Farm gerecht verteilt hatten, lebten sie freier und glücklicher, als sie je zu träumen gewagt hätten. Die Freude währte allerdings nur kurz, da die kaltschnäuzigen Schweine mit Napoleon, dem Oberschwein, an ihrer Spitze, die Revolution verrieten und eine (Schweine-)Diktatur errichteten, die dem Leitsatz folgte: „ALL ANIMALS ARE EQUAL BUT SOME ANIMALS ARE MORE EQUAL THAN OTHERS“.[63]

ABB. 6: Eileen mit dem kleinen Richard 1944

Eileen mit dem kleinen Richard 1944

Anfang 1944 war das Manuskript von Animal Farm fertig. Jedoch erwies es sich als unmöglich, einen Verlag für das antistalinistische Buch zu finden. Schließlich kämpfte man Schulter an Schulter mit der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland. Im Unterschied zur Verlagssuche war ein privates Vorhaben früher als gedacht von Erfolg gekrönt: die Adoption eines neugeborenen Babys, das den Namen Richard Horatio Blair erhielt. Das Familienglück schien perfekt.[64]  Dennoch entschied sich Orwell dazu, Anfang 1945 als Kriegsberichterstatter nach Frankreich zu gehen, um das nahende Kriegsende hautnah mitzuerleben. Während er in Paris Bekanntschaft mit Ernest Hemingway machte und das Vorrücken der Alliierten im Westen journalistisch begleitete, musste sich Eileen unverhofft einer Operation unterziehen, die tödlich endete.[65]

Durchbruch als Schriftsteller in der Nachkriegszeit

Trotz aller Widrigkeiten war es Orwell zwischenzeitlich gelungen, einen Verlag für Animal Farm zu finden, das am 17. August 1945 publiziert und sogleich zu einem Bestseller wurde. Freilich ist dieser Durchbruch, der Orwell schlagartig berühmt machte, nicht nur seinem schriftstellerischen know-how zu verdanken, sondern auch dem beginnenden Kalten Krieg, der das Interesse an sowjetkritischer Literatur sprunghaft ansteigen ließ. Einen nicht unerheblichen Teil der Erlöse aus dem Buchverkauf spendete er einer Organisation namens Freedom Defence Committee, die sich für die Freiheitsrechte einsetzte und deren stellvertretender Vorsitzender er in dieser Zeit wurde. Der Erfolg von Animal Farm war für ihn allerdings kein Grund, sich auf dem Erreichten auszuruhen, zumal das Schreiben eine therapeutische Funktion erfüllte. Allein im ersten Jahr nach dem Tod von Eileen verfasste er 130 Artikel und Rezensionen. Obgleich ihn der geschäftige Alltag in London von seinem schmerzlichen Verlust ablenkte, verstärkte er mittelfristig sein Bedürfnis, einen geeigneten Zufluchtsort zu finden, um in Ruhe schreiben zu können. Darüber hinaus wollte er Richard die Möglichkeit geben, in ländlichen Gefilden aufzuwachsen. Auf der schottischen Insel Jura, die zu diesem Zeitpunkt gerade 300 Einwohner_innen zählte, wurde er schließlich fündig und mietete ein großes altes Bauernhaus.

Die Geburt von Big Brother

Das Bauernhaus auf der Insel Jura

In der Abgeschiedenheit von Jura fand Orwell die idealen Arbeitsbedingungen, um an seinem neuen Buch zu arbeiten. Ende 1947 lag der Rohentwurf für seinen dystopischen Roman vor, der – was seine politische Stoßrichtung anbelangt – ganz in der Tradition von Homage to Catalonia und Animal Farm steht. Seine Fertigstellung verzögerte sich jedoch, da sich Orwells Gesundheitszustand rapide verschlechterte und er von fürchterlichen Hustenattacken heimgesucht wurde. Der Verdacht auf Tuberkulose, der sich beim letzten Krankenhausaufenthalt bereits aufgedrängt hatte, bestätigte sich nun in einer Spezialklinik. Trotz der Diagnose wurde er nach einigen Monaten der Behandlung im Juli 1948 wieder entlassen, sodass er dort weitermachen konnte, wo er zuvor aufgehört hatte. Etwa ein Jahr später wurde sein Magnum Opus mit dem Titel 1984 dann veröffentlicht.

In dem Roman thront der Diktator Big Brother, dem Orwell die Attribute Stalins zuschreibt, an der Spitze eines totalitären Unrechtsstaates (Oceania), in dem die Partei (INGSOC) mit eiserner Hand nach den Slogans „WAR IS PEACE“, „FREEDOM IS SLAVERY“ und „IGNORANCE IS STRENGTH“[66] regiert. Selbst die kleinsten Abweichungen von der offiziellen Parteilinie werden als unverzeihlicher Angriff gewertet und unnachgiebig verfolgt. Dissident_innen verschwinden spurlos, werden gefoltert und umgebracht. Die Überwachung durch den Staat scheint absolut und das gesamte menschliche Dasein wird in den Dienst der Partei gestellt, der es einzig um den Erhalt ihrer Macht geht. Gestützt wird das totalitäre Regime von einem Propagandaapparat, der am laufenden Band Fake News produziert, Geschichtsklitterung betreibt und sogar eine eigene Sprache erfindet, in der Wörter wie Moral, Gerechtigkeit und Demokratie nicht vorkommen. Der Hauptprotagonist, Winston Smith, der naiv an das Gute im Menschen glaubt, entschließt sich trotz der offenkundigen Aussichtslosigkeit, der er sich von Anfang an vollends bewusst ist, zum Widerstand gegen das Unrecht. Letzten Endes wird er von der Thoughtpolice verhaftet und im Ministry of Love solange gefoltert und traktiert, bis er Big Brother, den er eigentlich hasst, liebt.

1984 ist mit Abstand das bedeutendste Buch von Orwell, sofern der Bekanntheitsgrad als Maßstab angelegt wird. Mehrfach betonte Orwell, der bis an sein Lebensende freiheitlich-demokratischer Sozialist blieb, dass es keinen Angriff auf den Sozialismus darstellt.[67] Vielmehr wollte er vor Pervertierungen im Namen des Sozialismus und den Gefahren autoritärer Regime im Allgemeinen warnen.

Die letzten Monate

Die unermüdlichen Arbeiten an 1984 gingen nicht spurlos an ihm vorüber und forderten alsbald ihren Tribut. Sein Gesundheitszustand, der sich zwischenzeitlich wieder verschlechtert hatte, nötigte ihn dazu, eine Zwangspause einzulegen. Ein Kuraufenthalt in einem Sanatorium im Südwesten Englands sollte ihn wieder auf die Beine bringen. Dort intensivierte sich die Beziehung zu Sonia Brownwell, die er einige Jahre zuvor kennengelernt hatte und die bei einem Besuch seinen (zweiten) Heiratsantrag annahm. Da sich die erhoffte Besserung seines Zustands nicht einstellte, wurde Orwell Anfang September 1949 ins University College Hospital nach London verlegt. Zum Zeitpunkt der Trauung, die kurz darauf in seinem Krankenzimmer stattfand, war er bereits so schwach, dass er das Hochzeitsmenu im Bett serviert bekam. Schließlich starb er am 21. Januar 1950 mit 46 Jahren an Lungenblutungen.

George Orwell: Eine Widerstandsgeschichte mit Ecken und Kanten

In der Rückschau auf den Lebensweg von George Orwell beeindruckt nicht nur sein praktisch-handgreiflicher Widerstand in Wort und Tat, sondern auch der langwierige Prozess, der ihn dazu brachte und befähigte. Am Beginn dieses (Bewusstwerdungs-)Prozesses stand die kritische Selbstreflexion und das damit verbundene Nein gegenüber dem kolonialen Unrecht. Die Erkenntnis, sich schuldig gemacht zu haben, lässt ihn Partei für die Verdammten dieser Erde ergreifen und wird zum Motor seines Widerstands, der sich zunächst nach „innen“ – gegen sich selbst – und dann erst nach „außen“ gegen jegliche Form menschlicher Herrschaft richtete. Daher wäre es falsch, in George Orwell einen geborenen Widerstands- und Menschenrechtskämpfer zu sehen, der er offenkundig nicht war. Seine Lebensgeschichte ist keineswegs makellos, sondern eine mit Ecken und Kanten, die durch die stetige Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen gekennzeichnet ist, die er nie völlig ablegen konnte.[68]

Freilich beeinflussten die Ereignisse im „Zeitalter der Extreme“[69] im Allgemeinen und seine Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg im Besonderen seine großen literarischen Werke, hinter denen politische Zwecke stehen. Er selbst betonte: „Every line of serious work that I have written since 1936 has been written, directly or indirectly, against totalitarianism and for democratic socialism, as I understand it“.[70] Dass bei der Lektüre von Animal Farm und 1984 zahlreiche zeitgenössische Beispiele vor dem inneren Auge aufscheinen, zeugt von der Weitsichtigkeit und der Aktualität seiner Schriften, mit denen es ihm gelang, Widerstand über den eigenen Tod hinaus zu leisten. In Anbetracht seines „Kampfes um des Menschen Rechte“[71] sei ihm die Untertreibung verziehen: „I cannot honestly say that I have done anything except write books and raise hens and vegetables“.[72]

Autor: Stefan Schuster, MA
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Literaturverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis

Abb. 1:  The Blair family: Orwell, Ida, Marjorie and Richard (senior) 1916. UCL LIBRARY SERVICES SPECIAL COLLECTIONS ORWELL ARCHIVE – 2B1.

Abb. 2: Portrait of Eric A. Blair [George Orwell] aged 18. ORWELL ARCHIVE 2B18.

Abb. 3: On Parade at the Lenin Barracks 1937. ORWELL ARCHIVE – 2D4.

Abb. 4: George Kopp at the Aragon Front, Spain 1937. Orwell Archive – 3D7.

Abb. 5: Nachbildung des Gemäldes von Picasso auf Fliesen als Wandbild in Originalgröße in der Stadt Gernika. Papamanila, Mural del Gernika, CC BY-SA 3.0.

Abb. 6: Eileen and baby Richard 1944. Orwell Archive – 3B14.

Abb. 7: Orwells Landhaus auf der schottischen Insel Jura. Ken Craig, Barnhill (Cnoc an t-Sabhail) – geograph.org.uk – 451643, CC BY-SA 2.0.

 

Anmerkungen

[1]     Vgl. Candeias 2019, o. S.

[2]     Zum Begriff der Kulturindustrie siehe Horkheimer & Adorno 2004, S. 128ff.

[3]     Pfister 2003, o. S.

[4]     Fanon 1981.

[5]     Vgl. Bauer 2018, S. 1403.

[6]     Die nachfolgenden Ausführungen basieren überwiegend auf der Biografie von Shelden 2006 sowie auf den autobiografischen Schriften Orwells.

[7]     Orwell 1982b, S. 119.

[8]     Orwell 1982, S. 123.

[9]     Ebd. In diesem Zusammenhang betont Orwell (1982): „Sehr früh schon bekam man die Vorstellung, daß an einem Arbeiterkörper etwas unerklärlich Abstoßendes sei; man kam ihm nicht näher, als man mußte“ (S. 126).

[10]    Adorno 1971.

[11]    Vgl. Orwell o. J./o. S.

[12]    Orwell 1982, S. 135.

[13]    Ebd.

[14]    Ebd. S. 134.

[15]    Ebd., S. 137.

[16]    Zur allgemeinen Situation in Britisch-Indien siehe vertiefend Hobsbawm 1996, S. 122ff., Hobsbawm 2004, S. 108f. & Wood 2016, S. 128ff.

[17]    Zur politischen Situation in Burma zur damaligen Zeit siehe vertiefend Büthe 1984, S. 75ff.

[18]    Zit. n. Shelden 2006, S. 90.

[19]    Orwell 1982, S. 145.

[20]   Ebd., S. 143.

[21]    Orwell 1931, o. S. „Es ist merkwürdig, aber bis zu diesem Moment war mir nicht klar, was es bedeutet, einen gesunden, bewussten Menschen zu zerstören. Als ich sah, wie der Gefangene zur Seite trat, um der Pfütze auszuweichen, sah ich das Geheimnis, die unaussprechliche Falschheit, ein Leben zu verkürzen, wenn es in seiner Blüte steht. Dieser Mann lag nicht im Sterben, er lebte, wie wir (…). Seine Augen sahen (…) und sein Gehirn erinnerte, sah voraus und dachte noch nach – sogar über Pfützen. Wir waren eine Gruppe von Männern, die zusammen gingen, die die gleiche Welt sahen, hörten, fühlten und verstanden; und in zwei Minuten würde einer von uns mit einem plötzlichen Schnappschuss verschwunden sein – ein Verstand weniger, eine Welt weniger.“ (Übersetzt vom Autor).

[22]   Fanon 1986.

[23]   Marx 2012.

[24]   Cicero zit. n. Bauer 2018, S. 671.

[25]   Orwell 1982, S. 144.

[26]   Orwell 1982, S. 143.

[27]   Orwell 1982, S. 144.

[28]   Ebd., S. 147.

[29]   Ebd., S. 147f.

[30]   Ebd.

[31]    Wahrscheinlich wählte er den Vornamen George, weil er ihn für einen soliden englischen Namen hielt. Für den Nachnamen hingegen stand der Fluss Orwell im Südosten Englands in der Nähe des Elternhauses Pate (vgl. Shelden 2006, S. 181).

[32]    Vertiefende Ausführungen zur Person finden sich bei Shelden 2006, S. 227ff.

[33]    Ebd., S. 22.

[34]    Ebd., S. 119.

[35]    Vgl. Orwell 1940, o. S.

[36]    Siehe dazu die Grafik von Seidel 2016, S. 104.

[37]    Seidel 2016, S. 78.

[38]    Vgl. ebd., S. 81 und Büthe 1984, S. 184ff.

[39]    Orwell 2012, S. 7.

[40]   Marx & Engels 1969, S. 482.

[41]    Orwell 2012, ebd.

[42]   Zit. n. Shelden 2006, S. 276. „‚Ich bin gekommen, um gegen den Faschismus zu kämpfen.‘ / ‚Du bist kein Stalinist?‘ / ‚Nein.‘ / ‚Dann kannst Du dich entweder der CNT oder der POUM anschließen.‘ / ‚Ich werde der POUM beitreten.‘ / ‚Du kannst noch heute der POUM beitreten.‘“ (Übersetzt vom Autor)

[43]   Orwell 2012, S. 54.

[44]   Bei Hitchens (2002) ist daher auch von der „‚Stalintern‘“ (S. 159) die Rede.

[45]   Für Orwell (2003) war diese Maxime lediglich eine hohle Phrase, da er den Eindruck hatte, dass die Stalinisten die Revolution nicht verschieben, sondern verhindern wollten (vgl. S. 217).

[46]   Vgl. ebd., S. 198ff. & Bookchin 2005, S. 220. Zur bewegenden Geschichte der POUM siehe Alba & Schwartz 2009.

[47]   Shelden 2006, S. 282.

[48]   Orwell 2012, S. 47 & 112.

[49]   Vgl. Orwell 2003, S. 55.

[50]   Vgl. Hobsbawm 2012, S. 209. „In dieses Bild passt auch, dass die Spanienpropaganda der Komintern allein auf die Verteidigung der Demokratie zielte und nicht auf die Wahrung möglicher Errungenschaften des Sozialismus“ (Seidel 2016, S. 117).

[51]    Zu dem innerlinken Konflikt siehe vertiefend Seidel 2016, S. 113ff.

[52]   Ebd., S. 132.

[53]   Ebd.

[54]   Ebd., S. 153.

[55]    Zur Frage, ob die POUM tatsächlich „trotzkistisch“ war, siehe Orwell 2003, S. 247f.

[56]   Orwell 2012, S. 238.

[57]    Marx 2008, S. 92.

[58]   Bloch 1985.

[59]   Vgl. Büthe 1984, S. 186.

[60]   Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Orwell in dieser Zeit – trotz seines bedenklichen Gesundheitszustandes – den Roman Coming Up for Air schrieb.

[61]   Orwell 2018, S. 3. „Während ich schreibe fliegen hochzivilisierte Menschen über mir und versuchen, mich zu töten.“ (Übersetzt vom Autor)

[62]   Ebd., S. 40. „Das Ziel des Sozialismus ist letztlich ein Weltstaat von freien und gleichberechtigten Menschen. Er setzt die Gleichheit der Menschenrechte als selbstverständlich voraus. Der Nationalsozialismus bezweckt genau das Gegenteil. Die treibende Kraft hinter der nationalsozialistischen Bewegung ist der Glaube an die Ungleichheit der Menschen (…).“ (Übersetzt vom Autor)

[63]   Orwell 2013, S. 97. „ALLE TIERE SIND GLEICH, ABER EINIGE TIERE SIND GLEICHER ALS ANDERE.“ (Übersetzt vom Autor)

[64]   Lediglich für kurze Zeit wurde es etwas gedämpft, als Ende Juni 1944 eine deutsche V-I Rakete die Wohnung der Blairs zerstörte. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, jedoch war die Familie dazu genötigt, umzuziehen (vgl. Shelden 2006, S. 403f.).

[65]   Eileen Blair starb mit 39 Jahren auf dem Operationstisch an einem Herzinfarkt, der durch das Narkosemittel ausgelöst wurde (vgl. Shelden 2006, S. 416f.).

[66]   Orwell 2008, S. 6. „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ „Ignoranz ist Stärke“. (Übersetzt vom Autor)

[67]   Vgl. Shelden 2006, S. 474.

[68]   Zur Einordung der Vorurteile Orwells und seiner Auseinandersetzung mit ihnen siehe Hitchens 2002 & 2012. Zu Orwells antisemitischen Vorurteilen im Besonderen, die er letztlich überwand, siehe Solomon 2019, o. S. In diesem Zusammenhang soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass Orwell 1949 eine hochumstrittene Liste von Personen anfertigte, die er für die dem Stalinismus nahe ›crypto Communists & fellow-travellers‹ (Orwell zit. n. Hitchens 2002a, S. 162) hielt, und diese an das Information Research Department(IRD) des British Foreign Office weiterleitete. Siehe dazu vertiefend ebd., S. 155ff.

[69]   Hobsbawm 2012.

[70]   Orwell 1946, o. S. „Jede ernsthafte Zeile meines Werkes, die ich seit 1936 verfasst habe, ist direkt oder indirekt gegen den Totalitarismus und für den demokratischen Sozialismus, wie ich ihn verstehe, geschrieben worden.“ (Übersetzt vom Autor).

[71]   Bauer 2018c, S. 446.

[72]   Zit. n. Shelden 2006, S. 2. „Ich kann nicht ehrlich sagen, dass ich etwas anderes getan habe, als Bücher zu schreiben und Hühner und Gemüse zu züchten.“ (Übersetzt vom Autor)

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