His participation in the politics that ended up leading to the end of the dictatorship is undeniable.

Flávio Gikovate
* 19.02.1954 in Belém
† 04.12.2011 in São Paulo
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Brasilianisch
Staatsangehörigkeit bei Tod: Brasilianisch
Vater

Raimundo Vieira de Oliveira

* Messejana
Mutter

Guiomor Sampaio de Souza

Bruder

Sóstenes

* 1955
Bruder

Sófocles

Bruder

Raimundo Junior

* 1959
Bruder

Raimar

Ehefrau

Regina Cecilio

Kind

Rodrigo

* Juni 1975
Kind

Gustavo

* 1979
Kind

Marcello

* 1980
Kind

Eduardo

* 1982

Sócrates Junior

* 1990
II. Ehefrau

Silvana Campos

III. Ehefrau

Simone Corrêa

Kind

Fidel

* 1995
IV. Ehefrau

Kátia Bagnarelli

Bruder

Raí

* 15. Mai 1965
Land des Kampfes für die Menschenrechte: Brasilien, Italien
Ort des Kampfes für Menschenrechte: São Paulo, Ribeirão Preto, Rio de Janeiro, Florenz
Bereich Art Von Bis Ort
University of São Paulo in Ribeirão Preto (USP-RP) Medizinstudium 1972 1977 Ribeirão Preto
Vereinssport Profifußballer 1978 1989 São Paulo, Florenz, Rio de Janeiro

Democracia Corinthiana

Ort: São Paulo
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Mitbegründer

Leitmotiv

Sócrates leistete Widerstand gegen die brasilianische Militärjunta, die das Land von 1964 bis 1985 mit eiserner Hand regierte und spielte eine wichtige Rolle im Demokratisierungsprozess.

Wie wurde die Geschichte bekannt?

Die Geschichte von Sócrates wurde in erster Linie bekannt durch seinen Erfolg als Fußballprofi.

Wann wurde die Geschichte bekannt?

Spätestens nach dem Auftritt der brasilianischen Nationalmannschaft bei der WM 1982 in Spanien war Sócrates weltberühmt.

Wo wurde die Geschichte bekannt?

Brasilien

Literatur (Literatur, Filme, Webseiten etc.)

Literaturverzeichnis

 

Bauer, Fritz (2018): Im Kampf um des Menschen Rechte. In: Foljanty, Lena & Johst, David (Hg.): Fritz Bauer. Kleine Schriften (1921-1961). Bd. 1. Frankfurt am Main & New York: Campus Verlag. S. 446-456.

Cruyuff, Johan (2018): Foreword. In: Downie, Andrew: Doctor Sócrates. Footballer, Philosopher, Legend. London; New York, Sydney; Toronto; New Delhi: Simon & Schuster. S. ix-xiv.

Downie, Andrew (2018): Doctor Sócrates. Footballer, Philosopher, Legend. London; New York, Sydney; Toronto; New Delhi: Simon & Schuster.

Fatheuer, Thomas (2014): Brasilien vom Fußball auf denken. In: Dilger, Gerhard; Fatheuer, Thomas; Russau, Christian; Thimmel, Stefan (Hrsg): Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie. Von Mythen und Helden, von Massenkultur und Protest. Hamburg: VSA Verlag. S. 48-90.

Fatheuer, Thomas (2014a): Vier Fußballrebellen. In: Dilger, Gerhard; Fatheuer, Thomas; Russau, Christian; Thimmel, Stefan (Hrsg): Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie. Von Mythen und Helden, von Massenkultur und Protest. Hamburg: VSA Verlag. S. 117-122.

Florencio, Robert u. Krennhuber, Reinhard (2012): Die Republik des Fußballs. [Abruf am 27.02.2021 unter: http://legacy.ballesterer.at/heft/weitere-artikel/die-republik-des-fussballs.html].

Gisler, Omar (2007): Fußball Derbys. Die 75 fußball-verrücktesten Städte der Welt. München: Copress Verlag.

Nyoka, Nation (2019): Sócrates, Brazil’s footballing philosopher-activist. [Abruf am 26.02.2021 unter: https://www.newframe.com/socrates-brazils-footballing-philosopher-activist/].

Sócrates (2016): „Müller ist ein Brasilianer!“. Interview mit dem 11Freunde-Magazin. [Abruf am 26.02.2021 unter: https://11freunde.de/artikel/m%C3%BCller-ist-ein-brasilianer/593572].

Theis, Wolfgang (2012): „Siegen oder Verlieren – aber immer mit Demokratie“. Die politische Bewegung der Democracia Corinthiana. Beitrag für den Kongress „Momentum12: Demokratie“, Hallstatt, 27.09. – 30.09.2012. [Abruf am 25.02.2012 unter: https://www.researchgate.net/publication/284183826_Siegen_oder_Verlieren_-_aber_immer_mit_Demokratie_Die_politische_Bewegung_der_Democracia_Corinthiana].

Weltspiegel (2020): Brasilien: Ultras gegen Bolsonaro. [Abruf am 03.03.2021 unter: https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/brasilien-ultras-gegen-bolsonaro-100.html].

11Freunde (2020): Die Falken fliegen wieder. [Abruf am 03.03.2021 unter: https://11freunde.de/artikel/die-falken-fliegen-wieder/2089286].

Eigene Werke

Sócrates, Brasiliero u. Gozzi, Ricardo (2016): Democracia corintiana: A utopia em jogo. Boitempo Editorial. (Portugiesisch)

Der Motor des Widerstandes von Sócrates war sein tiefer Wunsch nach Freiheit. Um ihn zu verwirklichen, solidarisierte er sich mit Gleichgesinnten, die ihm in seinem Kampf für Demokratie immer wieder Kraft spendeten. Darüber hinaus fand er Halt in der Bildung und bei seiner Familie, die ihm – zumindest in den 80er Jahren – ein sicherer Hafen war.

 

 

Menschenwürde
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Verbot von Folter oder grausamer, unmenschlicher Behandlung
Rechtsstaatliche Garantien: Unschuldsvermutung, keine Strafen ohne Gesetz
Recht auf Freizügigkeit (national und übernational)
Recht auf freie Meinungsäußerung
Recht an der Gestaltung der öffentlichen Ordnung mitzuwirken
Recht auf Bildung und Ausbildung
Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben, Freiheit von Wissenschaft und Bildung

EINLEITUNG

„Basically, our aim was to democratise expression. Our group worked in the football world and we decided to vote on everything.“ Sócrates

Der brasilianische Fußballspieler, Aktivist und Kinderarzt Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira (genannt: Sócrates), dessen ungewöhnlich langer Name auch gedichtet sein könnte, träumte von einer Welt ohne Herrschaft und kämpfte unter brasilianischer Militärdiktatur (1964-1985) für die Demokratisierung seines Landes. Früh rebellierte der freiheitsliebende Sócrates, der als „Enfant terrible“ des Profisports gilt, gegen die autoritären Vereinsstrukturen, die ein Spiegelbild der gesellschaftliche Ordnung waren: oben die Herrschenden und unten die Beherrschten. Beim renommierten Sport Club Corinthians Paulista wurde er zu einer treibenden Kraft einer basisdemokratischen Revolution im Kleinen, die als Democracia Corinthiana in die Geschichte einging. Als begnadeter Ballkünstler und Nationalmannschaftskapitän, dem Millionen von Fußballfans begeistert zujubelten, verstand es Sócrates, das Politische mit dem Sportlichen zu verbinden und sein Prestige geschickt für den Widerstand gegen das Unrechtsregime in Anschlag zu bringen. „No one cared what the president said before a summit in Washington but everyone listened to what Sócrates said before the World Cup.“ (Downie 2018, S. 230) So wurde Sócrates, dessen Beitrag zur Demokratisierung Brasiliens kaum überschätzt werden kann, zu einer „Gallionsfigur der Anti-Diktaturbewegung“ (Theis 2012, o. S.).

DIE GESCHICHTE

Sócrates Bra­si­leiro Sam­paio de Souza Vieira de Oli­veira / 1954-2011

Familiärer Hintergrund

Sócrates wurde 1954 in Belém geboren, einer im Amazonasgebiet gelegenen Stadt im armen Norden Brasiliens. Er kam als erstes von insgesamt sechs Kindern seiner hart arbeitenden Eltern, Raimundo und Guiomor, zur Welt. Obgleich sein Vater nicht einmal die Grundschule beenden konnte, weil er – keine zehn Jahre alt – dazu genötigt wurde, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, erkannte er die Bedeutung der Bildung und sah in ihr einen möglichen Ausweg aus der Armut. Als Autodidakt nutzte er jede freie Minute zur Lektüre und verschlang alle Bücher, die er in die Finger bekommen konnte. Besonders angetan war er von den Klassikern der Antike, die in den Bücherregalen der Bildungsbürger*innen, zu denen er aufschaute, zum Inventar gehör(t)en. In den Namen seiner ersten drei Kinder, anhand derer sich ablesen lässt, mit welchen Klassikern er sich zum jeweiligen Zeitpunkt beschäftigte, spiegelt sich diese Begeisterung wider: Sócrates, Sóstenes und Sófocles. Danach setzte Guiomor dem Trend ein Ende und die letzten drei wurden Raimundo Junior, Raimar und Raí genannt. Alsbald hatte der strebsame und wissbegierige Raimundo seinen Highschool-Abschluss nachgeholt und sich zur Aufnahmeprüfung für den öffentlichen Dienst angemeldet, die er mit Bravour meisterte. Nun eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten und die Familie beschloss, ihr Glück in Ribeirão Preto zu versuchen, einer aufstrebenden, wohlhabenden Boomstadt mit ca. 145 000 Einwohner*innen etwa 300 Kilometer nordwestlich von São Paulo im Süden Brasiliens, wo Sócrates und seine Brüder aufwuchsen. (1)

Frühe Kindheit und Jugend

Der soziale Aufstieg des Vaters ermöglichten Sócrates eine sorgenfreie Kindheit und Jugend, in der er jede freie Minute nutzte, um dem unangefochtenen Volkssport Nummer eins in Brasilien nachzugehen, der einen religionsähnlichen Status genoss und bis heute genießt: dem Fußball.(2) Selbst wenn gerade kein Ball zur Hand war, wurden gewöhnliche Alltagsgegenstände umfunktioniert, um dennoch spielen zu können – zum Beispiel Avocadokerne. Es war die Ära von Pelé, dem Jahrhundertfußballer, die Brasilien drei Weltmeistertitel bescherte (1958, 1962 und 1970) und die Massen euphorisierte. Der Zauber der  Seleção, wie die brasilianische Fußballnationalmannschaft genannt wird, und die sportlichen Erfolge dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Brasilien seit dem Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten João Goulart 1964, der eine ambitionierte Sozialpolitik zur Eindämmung der extremen sozialen Ungleichheit verfolgte, eine Militärdiktatur war, in der die Generäle mit eiserner Hand regierten und Dissident*innen systematisch verfolgen, foltern und ermorden ließen – insbesondere in den „bleiernen Jahren“, den anos de chumbo, zwischen 1968 und 1974 nach dem Erlass einer Notstandsgesetzgebung.(3) Daher verwundert es nicht, dass Raimundo nach dem Putsch und der ihm folgenden Säuberungswelle Vorsichtsmaßnahmen ergriff, um seinen Job nicht zu gefährden und nicht zur Zielscheibe der neuen Machthaber zu werden. Zeitlebens behielt Sócrates im Gedächtnis, wie sein Vater im Hinterhof Bücher verbrannte, die er für anstößig hielt.

„He had Marx’s Das Kapital, he had Engels, he had everybody, he read everything, from the left and the right, Gramsci, Machiavelli, and he burnt them because he thought it could cause him embarrassment. And that was shocking to me.“(4)

Abgesehen davon, dass sein Vater aus ihm zu diesem Zeitpunkt noch unerklärlichen Gründen seine geliebten Bücher verbrannte, hatte Sócrates eine unbeschwerte und glückliche Kindheit, die sich vorwiegend auf Bolzplätzen abspielte. Früh zeigte sich sein Talent im Umgang mit dem Ball. So erinnerte sich Sóstenes, sein Bruder: 

Ever since he was about 11 or 12 years old, wherever he went people knew him, people could see he was different. People who knew football could see he was going places.“(5)

Der erste (Amateur-)Club, für den Sócrates auflief, hieß Raio de Ouro. Der Club hinterließ tiefe Spuren bei ihm und kann im Hinblick auf seine Persönlichkeitswerdung kaum überschätzt werden, da ihm durch seine Mannschaftskameraden zum ersten Mal in seinem jungen Leben die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und die eklatanten sozialen Ungleichheiten in Brasilien bewusst wurden:

„They each had a different life and different needs. Shit, I had eaten lunch, and some of them hadn’t had anything, and we were on our way to play football! It was a learning experience that I never got at school; no one told me about these things at home. That was because my dad went through all that. I only discovered much later the difficulties he had. He never wanted us to know.“(6)

 

Medizin vs. Fußball

Die einschneidende Zeit bei Raio de Ouro erwies sich jedoch nicht nur als Sprungbrett für seine persönliche Entwicklung, sondern auch für seine sportliche. Die Fußballscouts – immer auf der Suche nach jungen Talenten, gerade bei den kleinen Vereinen – nahmen zunehmend Notiz von ihm und hatten ihn „auf dem Zettel“, wie es im Fachjargon heißt. 1970 bekam der sechzehnjährige Sócrates schließlich das Angebot, für die Jugendmannschaft des namhafteren Botafogo Futebol Clube zu spielen. Dies kam für ihn allerdings nur unter der Voraussetzung in Frage, am Training unter der Woche nur sporadisch teilzunehmen, da es sich zeitlich mit seinen Abendkursen zur Vorbereitung auf die Universitätsaufnahmeprüfung überschnitt. Zusichern konnte er den Offiziellen lediglich seine Präsenz bei den Spielen am Wochenende. Zu diesem Zeitpunkt war Fußball für ihn nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Hobby, wohingegen es sein Traum war, Medizin zu studieren und Doktor zu werden. Zur Freude von Sócrates ließ sich der Verein, der von seinem Potenzial überzeugt war, auf den Deal und die von ihm selbstbewusst eingeforderte Sonderbehandlung ein.(7) „The arrangement was perfect for Sócrates, for he loved to study and hated to train.“(8)

Im zweiten Anlauf bestand Sócrates 1972 die gefürchteten Aufnahmeprüfungen zum Medizinstudium. Aufgrund seiner hervorragenden Prüfungsergebnisse konnte er sich letztlich sogar eine Universität aussuchen. Da er in seiner Heimatstadt bei seiner Familie und seinen Freunden bleiben wollte, schrieb er sich an der University of  São Paulo in Ribeirão Preto (USP-RP) ein. Im selben Jahr debütierte er in der ersten Mannschaft von Botafogo und sorgte mit seinen Dribbelkünsten und seinen Hackentricks sogleich für Furore. In der Saison 1974 wurde er zum Jugendspieler des Jahres gekürt und die Lokalpresse wählte ihn 1974, 1975, 1976 und 1977 zum Spieler des Jahres in Ribeirão Preto – und das, obwohl er nicht recht in das Bild vom idealen Spielertypus passte.(9) Die niederländische Fußballlegende Johan Cruyff verglich ihn später mit Lionel Messi, dem sechsfachen Weltfußballer des Jahres, und betonte: „If he was playing today, Sócrates would, in many respect, be the opposite of Messi, who is small and quick.“(10) Die außergewöhnliche Physis von Sócrates: 1,92 Meter groß, Schuhgröße 41 und 80 Kilo schwer, brachten ihm den Spitznamen Magrão ein, was so viel bedeutet wie „Bohnenstange“. Ferner fehlte es ihm an Muskelmasse und Kondition, um ein ganzes Spiel durchzustehen und sein Fitnesslevel lag etwa 30 bis 40 Prozent unter dem seiner Mannschaftskameraden. Darüber hinaus war er starker Raucher und hatte einen Hang zu Alkoholexzessen.(11) Dementsprechend betonte er: „When I arrived at the first team in Botafogo I was the antithesis of an athlete“.(12) Anstatt jedoch seinen Lebensstil zu verändern, um den gestiegen Anforderungen des Leistungssport gerecht zu werden, veränderte er seine Spielweise und machte aus der Not eine Tugend:

„Whatever I could use with just one touch I would use – whether it was my backside, my knee, my elbow and my back-heel, which ended up being my signature move. It was pure sensibility, survival (…). That was my solution. I started to work on it. The sensation I had was that I couldn’t fail with any pass because I had a physical inability to withstand contact.“(13)

So entwickelte er eine ihm eigene Spielweise und perfektionierte das, was heute unter Expert*innen als das Nonplusultra gilt: den One-Touch-Fußball. Sócrates fiel jedoch nicht nur auf dem Rasen auf. Er verfügte über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und nahm die straffe Vereinshierarchie, die auf sozialer Ungleichheit gründete, als Problem wahr. Dies ließ ihn Partei für diejenigen ergreifen, die in der Vereinshierarchie ganz unten standen. Er forderte, dass der Platzwart, die Masseur*innen, die Reinigungskräfte etc., an den Siegprämien beteiligt werden, da sie ebenso wichtig seien wie die Spieler. Obgleich es zur damaligen Zeit äußerst ungewöhnlich war, dass ein Spieler den Anspruch erhob, mitzubestimmen, wurde der Vorschlag schließlich angenommen. Darüber hinaus versuchte er immer wieder Diskussionen über (tages-)politische Themen anzustoßen und seine Mannschaftskameraden zur Bildung zu bewegen, indem er Zeitungen mitbrachte – aus denen er den Sportteil entfernte – und an hochfrequentierten Orten platzierte. „No one picked it up, ever. I said to them, ‚Fuck, you need to learn, keep up with things, grow as people‘.“(14) Seine Bemühungen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sócrates zu diesem Zeitpunkt versuchte, sich – so weit es ging – aus dem politischen Geschehen rauszuhalten. In einem Interview äußerte er sich sogar wohlwollend über die verhängte Zensur der Militärs.(15) Später blickte der „Che Guevara des Fußballs“(16) freilich mit Entrüstung auf seine naiven Kommentare zurück.

Abseits des Fußballzirkus lernte er in dieser Zeit Regina Cecilio kennen, die ihm von seinem Bruder Sóstenes vorgestellt wurde und die er 1974 heiratete. Kurz darauf kam ihr erster gemeinsamer Sohn Rodrigo zur Welt.(17)

 

Der steile Aufstieg als Profifußballer

Die Erfolge, die er mit Botafogo feierte, weckten Begehrlichkeiten und riefen die „Big Five“, die fünf großen Vereine São Paulos, auf den Plan: Corinthians, Palmeiras, Portuguesa, Santos und São Paulo, die allesamt Interesse an ihm zeigten und ihn verpflichten wollten. Viele hätten alles gegeben, um für einen dieser Vereine auflaufen zu dürfen, doch Sócrates brachten die Angebote in die Bredouille, da sie die aufgeschobene Grundfrage Medizin oder Fußball erneut auf die Agenda setzten und eine Antwort erzwangen. Ende 1977 hatte er sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen und er wusste, dass er nicht gleichzeitig Profifußballer und Arzt sein konnte. Die wichtigste Entscheidung seines Lebens stand bevor und ließ sich nicht länger aufschieben.

„The main factor in his decision was the most obvious one, as his father constantly reminded him: he could practise medicine after playing football, but he couldn’t play football after practising medicine. Money was also a factor. Even in an era when the gap in pay between footballers and other workers was not nearly as pronounced. Sócrates was guaranteed to earn at least 10 times more as a footballer than a young doctor and he would not have to put in overnight shifts every month to make ends meet.“(18)

So entschied er sich für den Fußball und unterzeichnete nach intensiven Verhandlungen einen Vertrag beim renommierten Arbeiter*innenverein Sport Club Corinthians Paulista, der 1910 von zwei Malern, einem Maurer, einem Chauffeur und einem Schuster als Gegenmodell zum damals vorherrschenden Elitefußball unter einer Gaslaterne in der Straße der Einwanderer gegründet worden war und sich in den 20er und 30er einen Namen machte.(19) Mit dem Wechsel 1978 stieg der soziale Druck enorm, da er nun im Rampenlicht der fußballbegeisterten Öffentlichkeit stand, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgte. Gleich das erste Spiel, das er im schwarz-weißen Jersey, den Vereinsfarben der Corinthians, gegen den Lokalrivalen FC Santos, dem Club der urbanen Elite, bestritt, fand vor 117,000 Zuschauer*innen im Morumbi Stadion statt. Die berühmt-berüchtigten Corinthian Fans, die – nicht zu Unrecht – als O bando de loucos („Das Pack der Verrückten“) bezeichnet werden, erwarteten von ihm nicht weniger als sich im Schweiße seines Angesichts für den Verein, den sie so liebten, aufzuopfern (Bild 1).(20)

„To play for Corinthians is to respect a culture, a people, a nation. To play for Corinthians is like being called up for an irrational war and never doubting that it’s the most important that ever existed. It is like being asked to think like Marx, fight like Napoleon, pray like the Dalai Lama, give your life to a cause like Mandela, and cry like a baby.“(21)

Obgleich er große Schwierigkeiten hatte, sich einzugewöhnen und sogar mit dem Gedanken spielte, die Fußballschuhe wieder gegen das Stethoskop einzutauschen, arrangierte er sich mit seiner neuen Lebenssituation und wurde zum unverzichtbaren Stammspieler der Corinthians, die mit ihm und dank ihm 1979 die Staatsmeisterschaft von São Paulo gewannen.(22) Für Sócrates, der im Finale sogar ein Tor gegen AA Ponte Preta schoss, war es der bis dato größte Erfolg seiner Karriere.(23) Im selben Jahr wurde er zudem für die brasilianische Nationalmannschaft – die Seleção – nominiert, die nach der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien neu aufgestellt wurde.(24) Unter der Trainerlegende Telê Santana mauserte er sich zum geschätzten Mannschaftskapitän und bildete zusammen mit Zico, Falcão und Toninho Cerezo das „magische Mittelfeld-Quartett“. Mit den „Fantastischen Vier“ – wie sie auch genannt wurden – in ihrem Zentrum trat die brasilianische Mannschaft als haushoher Favorit bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien an und obwohl sie überraschend mit 2:3 gegen Italien ausschied, gilt sie – neben der Weltmeistermannschaft von 1970 um Pelé – als die Beste Seleção aller Zeiten.(25) Das vorzeitige Ausscheiden in einem der spektakulärsten Spiele der bisherigen WM-Geschichte, war für Sócrates, der Fußball als Kunstform begriff, zwar ärgerlich, jedoch verkraftbar, da es ihm weniger auf den Erfolg ankam als vielmehr auf die Art und Weise zu spielen – eine Haltung, die im heutigen Profifußball, der mehr Geschäft als Spiel ist, nahezu ausgestorben zu sein scheint.(26) So betonte er in einem seiner letzten Interviews 2011:

„Was bedeuten schon Titel? Gar nichts. Gewinnen ist nicht alles. Ich werde ja immer wieder gefragt, ob ich traurig bin, dass wir 1982 nicht Weltmeister wurden (…). Im Gegenteil! Mit unserer Art Fußball zu spielen, konnten wir die Menschen auf der ganzen Welt begeistern. Fragen Sie doch einmal nach, woran sich die Menschen erinnern, wenn Sie an die WM 1982 denken. Sie werden sagen: Brasilien! Kein Mensch spricht doch heute noch von dem Finale zwischen Italien und Deutschland.“(27)

Für den „Weltmeister der Herzen“ gab es also keinen Grund in Lethargie zu verfallen. Darüber hinaus war die Entscheidung im – weitaus wichtigeren – Kampf um Demokratie, auf den sich Sócrates nun konzentrierte, noch nicht gefallen. „One dream had failed in Spain. He was not going to let the dream of democracy escape his grasp so easily.“(28)

 

Widerstand gegen die Militärdiktatur: Democracia Corinthiana

1981 befand sich der Sport Club Corinthians Paulista in einer anhaltenden (sportlichen) Krise,  die ein Fenster für tiefgreifende Reformen öffnete, die in den Augen von Sócrates längst überfällig waren. Die Ursache des Problems lag für ihn in der steilen Vereinshierarchie und der unterwürfigen Rolle, die die Spieler gegenüber den Funktionären einnahmen, von denen sie wie Marionetten behandelt wurden.(29) Er forderte Mitspracherecht und Selbstverwaltung und sah – entgegen des von der Militärjunta okkupierten Zeitgeistes – die Lösung nicht in weniger, sondern in mehr Demokratie.

„What is needed in Corinthians football – and not just at Corinthians, nor even just football – is to close the gap between the boss and the employee (…). In our specific case the employee, the player, has duties that are very well-defined. That’s as it should be. But the relationship ends right there. You never stop being anything other than an employee. The human being doesn’t exist. Personal questions are never taken into account.“(30)

Sócrates wollte nicht weniger, als die zwischenmenschlichen Beziehungen revolutionieren und das tradierte Über- und Unterordnungsverhältnis zu Gunsten einer egalitären Solidargemeinschaft aufheben, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Die praktische Umsetzung der demokratischen Ideen wurde allerdings erst möglich durch diverse Personalwechsel – sowohl im Präsidium als auch auf dem Trainerstuhl. Auf letzterem nahm Mário Travaglini Platz, der die damals vorherrschende Vorstellung, das Fußballspieler „(…) either children to be mothered, idiots to be indulged, or delinquents to be brought into line“(31) seien, nicht teilte und bei dem die Rufe aus der Mannschaft nach Partizipation Gehör fanden, die vor allem von Sócrates, Wladimir, Casagrande, Biro-Biro und Zenon kamen.(32) Noch wichtiger war jedoch, dass der langjährige Präsident Vicente Matheus, der als erklärter Sympathisant der Militärdiktatur den Club autoritär führte, durch Waldemar Pires ersetzt wurde, der wiederum Adílson Alves zum Chef der Fußballabteilung ernannte. Der völlig unerfahrene Adílson Alves, „(…) a political animal and a former student leader (…)“(33), der Sócrates stark beeinflussen sollte, war eine äußerst ungewöhnliche Wahl, da er kein Fußballfunktionär, sondern Soziologe und Biscuitfabrikant war.(34)

„A lifelong Corinthians fan, he was cheered by the thought of democracy returning and dreamt of using the club as a vehicle to speed the process up. He publicly told the players they should question what was going on around them, and further endeared himself to Sócrates when he declared that football clubs were not ‘capitalist enterprises there to make profit’.“(35)

Mit den personellen Veränderungen war der Rahmen für ein Projekt geschaffen, das als Democracia  Corinthiana(36)in die Geschichte einging. Adílson ging auf die Spieler zu, die ihre Chance witterten, und gemeinsam beschlossen sie, den Club basisdemokratisch aufzustellen. So wurde der von den Machthabern vereinnahmte und zu propagandazwecken ausgeschlachtete brasilianische Fußball, der sich nun von seiner Sonnenseite zeigte, zu einer Keimzelle des Widerstands gegen den Autoritarismus. Sócrates beschrieb das neue System kollektiver Selbstverwaltung, das peu á peu die tradierte Befehlsstruktur ersetzte, wie folgt:

„Wir haben jede Entscheidung kollektiv getroffen und uns an der gesamten Clubführung beteiligt. (…) Der einfachste Angestellte hatte das gleiche Gewicht wie der Repräsentant des Unternehmens, seine Stimme hatte den gleichen Wert. Es war alles sehr demokratisch. Diese Zeit war wunderbar und hat uns alle verändert. (…) Die Personen, die in dieser Mikrogesellschaft involviert waren, haben ständig kommuniziert, jeder hat teilgenommen und mit entschieden. Die Neuen waren am Anfang wirklich verzweifelt: ›Warum spricht hier niemand über Fußball?‹“(37)

Für den Stab und die Spieler, die es nach Jahren der Militärdiktatur gewohnt waren, eine unterwürfe Haltung einzunehmen und zu gehorchen, muss es eine neue Erfahrung gewesen sein, nicht mehr dem Kapitän das Ruder zu überlassen, sondern selbst zu rudern und mitzugestalten – um es in Anlehnung an Fritz Bauer zu sagen.(38) „It was no longer them and us, bosses and workers, masters and servants.“(39) Das Über- und Unterordnungsverhältnis, die „Trainerdiktatur“(40), wurde ersetzt durch ein Verhältnis auf Augenhöhe. Alles stand zur Diskussion und die großen wie die kleinen Fragen wurden kollektiv beantwortet: „Welche Spieler sollen verpflichtet werden?“, „Wer trainiert uns?“, „Wer spielt auf welcher Position?“, „Wann beginnt und endet das Training“, „Legen wir auf dem Weg zu den Auswärtsspielen eine Toilettenpause ein?“ usw.(41) So entstand ein Stück gelebte Demokratie inmitten einer Militärdiktatur.

„It was one of those rare coincidences in history where suddenly, all at the same time, people who were completely different came together behind a common cause right at the moment when they were desperately needed.“(42)

Freilich war den Beteiligten bewusst, dass sie im Vereinsumfeld Überzeugungsarbeit leisten müssen und das Projekt mit dem sportlichen Erfolg steht und fällt. Die Mannschaft spielte nicht mehr nur für den Verein, sondern für die Demokratie. Schließlich galt es zu beweisen, das ihr System der Selbstverwaltung – entgegen aller Bedenken – „funktionieren“ kann. Dies erhöhte die Motivation ungemein und es dauerte nicht lange, bis die ersten Siege verzeichnet werden konnten, die den Anfang vom Ende der Krise markierten und den Weg für den Gewinn der Staatsmeisterschaft 1982 und 1983 bahnten. Beflügelt von der Aufbruchstimmung und der Überzeugung den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, wurde im Kollektiv der wegweisende Entschluss gefasst, den Kampf für Demokratie im Verein mit dem Kampf um Demokratie in der Gesellschaft zu verknüpfen und den brasilianischen Frühling zu unterstützen, der nach dem verabschiedeten Amnestiegesetz für Oppositionelle 1979 Einzug hielt und immer breitere Bevölkerungskreise erfasste.(43) Natürlich war dieser Schritt mit einem hohen Risiko verbunden, da nicht abzusehen war, wie die Militärs auf ihr Engagement reagieren würden. Zenon berichtete später rückblickend: „We suffered at times (…). We got threats from outside, from the government, telling us to quieten down, not to be so forthright. The Military sent us messages.“(44) Alsbald stellte sich jedoch heraus, dass der Bekanntheitsgrad der Spieler, die Millionen von Anhänger*innen hinter sich versammelten, als Schutzschild fungierte, da es zu unpopulär gewesen wäre, mit offener Gewalt gegen die Democracia  Corinthiana vorzugehen.(45) Darüber hinaus schwächte die wirtschaftliche Talfahrt zu Beginn der 80er Jahre die Militärdiktatur und die erstarkte Demokratiebewegung erzwang Zugeständnisse, die neue Handlungsspielräume eröffnete. „Corinthians war die perfekte Metapher für die Situation des Landes. Der Club kam von einer autoritären Führung, befand sich in einer Krise, und die Spieler wollten mehr Partizipation – wie das ganze Land.“(46)

In der Folge wurden vor allem Sócrates und Wladimir, der sich zudem für die Black-Power-Bewegung engagierte, zu den Gesichtern der Democracia Corinthiana in der Öffentlichkeit und ließen keine Gelegenheit aus, um für ihre Sache zu werben und die eklatanten soziale Missstände anzuprangern.(47)

„Sócrates positioned himself as a spokesman for Brazil’s poor and he spent as much time talking about democracy and social justice as he did about football. Radio and TV interviews started off with questions about fixtures and line-ups, but Socrates’ answers soon veered into politics, education, public health and the economy. The expected two-minute interview on the next day’s game often turned into a half-hour debate on public policy.“(48)

Mit dem mutigen Entschluss, das Projekt nach außen zu tragen und zum Teil der landesweiten Demokratiebewegung zu werden, verwandelte sich nun auch das Fußballstadion zum Ort des Protestes gegen das Unrechtsregime, sodass die Auftritte der Mannschaft zu Akten des Widerstandes wurden. Besonders deutlich zeigt sich dies darin:

– dass die Mannschaft mit Trikots spielte, auf denen in großen Buchstaben Democracia  Corinthiana oder – wie im internationalen Spiel gegen Juventus Turin – DIA 15 VOTE [49] zu lesen war,

– dass die Mannschaft beim Endspiel um die Staatsmeisterschaft gegen den FC São Paulo mit einem riesigen Spruchband mit der Aufschrift „Ganhar ou perder, mas sempre com democracia“ (zu Deutsch: „Siegen oder verlieren – aber immer mit Demokratie“) ins Stadion einliefen,

– und dass die Mannschaft als Zeichen der Solidarität Accessoires in der Farbe der Anfang 1983 ins Leben gerufenen landesweiten Kampagne „Diretas Já“ („Direktwahlen jetzt“) trug, um der Forderung, das Oberhaupt des Staates direkt wählen zu können, Nachdruck zu verleihen.

Mit der Unterstützung der Democracia Corinthiana und zahlloser weiterer Akteur_innen beschleunigte die Diretas Já-Kampagne den Untergang der Militärdiktatur. Die Generäle, die unter massivem Druck standen, hatten bereits die Absicht bekundet, die Macht abzugeben, allerdings wollten sie den Transformationsprozess nicht aus der Hand geben und den Übergang, der zeitlich nicht terminiert wurde, selbst gestalten. So sollte das erste zivile Oberhaupt Brasiliens seit dem Putsch von 1964 nicht von der Bevölkerung, sondern von einer Kommission bestimmt werden, die sich überwiegend aus Personen zusammensetzte, die dem Militär wohlwollend gegenüberstanden.(50)

„Millions of Brazilians objected to what was yet another abuse and a little-known congressman named Dante de Oliveira decided to risk action. Oliveira presented parliament with a constitutional amendment demanding a direct ballot for president, and support for the proposal grew slowly but surely throughout 1983 and into the New Year. More than 30,000 people turned out to back the Idea in Curitiba in January; 250,000 appeared in Sáo Paulo a fortnight later (…).“(51)

Schließlich entschied der Kongress, dass über den Änderungsantrag von Oliveira tatsächlich abgestimmt werden soll. Am Vorabend der Wahl wurde zu einer Massendemonstration in São Paulo aufgerufen, um den Parlamentarier*innen zu verdeutlichen, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ihr Oberhaupt selbst wählen möchte. Über eine Millionen Menschen folgten dem Ruf. Unter ihnen auch Sócrates und zahlreiche weitere Spieler, die die Kampagne nicht nur auf dem Platz, sondern auch auf der Straße unterstützten (Bild 2). Im Rahmen der Demonstration entschloss sich Sócrates sogar dazu, sein persönliches Schicksal an den (Miss-)Erfolg der Kampagne zu knüpfen. Nach seinem Auftritt als Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien zeigten zahlreiche europäische Vereine Interesse an seiner Verpflichtung und seit Wochen wurde in der Presse wild über einen Wechsel nach Italien spekuliert. Auf der Bühne sorgte er nun für Klarheit, als er den Demonstrationsteilnehmer*innen versprach, auf die finanziellen Vorteile zu verzichten und in Brasilien zu bleiben, wenn dem Änderungsantrag zugestimmt wird.(52)

The amendment needed a two-thirds majority to pass the lower chamber (…), when the last vote was cast, the count read 298 votes for, and 65 against. It was 22 votes short of the necessary majority, a defeat caused by the 113 congressmen who under duress from the military had failed to show up for the most important vote of their lives.“(53)

So wurde der erste demokratische Präsident Brasiliens seit 1964, Tancredo Neves,  nicht direkt von der Bevölkerung gewählt, sondern indirekt von einer Kommission ernannt. Enttäuscht vom Ausgang der Diretas Já-Kampagne, sah sich Sócrates genötigt, das Land in Richtung Europa zu verlassen, woraufhin auch Casagrande, Zenon und Biro-Biro den Verein wechselten. Dies führte zum Niedergang der Democracia Corinthiana.(54) Das traurige Ende des Projektes darf freilich nicht über seine enorme Bedeutung im Demokratisierungsprozess hinwegtäuschen, auf die der langjährige Präsident von Brasilien Luiz Inácio Lula da Silva hinwies:

„Corinthians Democracy helped take the message of change and democracy to lots and lots of people. Corinthians is one of the biggest teams in Brazil and seeing players putting democratic ideas into practise showed how important the fight was.“(55)

 

Ende der Fußballkarriere

Nach zähen und intensiven Verhandlungen wechselte Sócrates 1984 zum AC Florenz nach Italien, wo ihm die erfolgshungrigen Fans einen warmen Empfang bereiteten (Bild 3). Als die hohen Erwartungen jäh enttäuscht und der erhoffte Erfolg ausblieb, kippte die Stimmung und der unbequeme Sócrates, der nicht bereit war, sich den autoritären Strukturen und Abläufen im Verein zu beugen, wurde für die Misere (mit-)verantwortlich gemacht. Darüber hinaus erregte seine politische Einstellung, aus der er keinen Hehl machte, die Gemüter und sorgte für zusätzliche Spannungen. Obgleich sie von vielen Personen im „roten Florenz“ ausdrücklich begrüßt wurde, war sie der rechtsgerichteten Vereinsführung ein Dorn im Auge. So kam beispielsweise der konservative Präsident des Clubs kurz nach seiner Ankunft völlig entrüstet auf ihn zu und fragte ihn, ob er wisse, dass die zum Himmel gestreckte Faust, mit der er die begeisterten Fans zuvor begrüßt hatte, das Symbol der italienischen Kommunisten sei, woraufhin Sócrates ihm kaltschnäuzig antwortete: „No. But I love it.“(56) Vor dem Hintergrund der schwierigen Gesamtsituation dauerte es nicht lange, bis der Wunsch in ihm keimte, den Verein zu verlassen. Er wusste, dass er in Florenz – unter diesen Umständen – nicht glücklich werden kann und kehrte nach einem Jahr wieder nach Brasilien zurück.(57) Bei der WM 1986 in Mexiko führte er zum letzten Mal die brasilianische Nationalmannschaft aufs Feld, die unglücklich gegen Frankreich ausschied, bevor er seine Profikarriere bei Flamengo Rio de Janeiro, dem FC Santos und bei Botafogo, seinem Jugendverein, 1989 auslaufen ließ.(58) Nach seinem Karriereende ging es beruflich, familiär und persönlich bergab, obgleich er noch mehrere Funktionen bei unterschiedlichen Fußballvereinen bekleidete und versuchte, in der Medizin Fuß zu fassen. Darüber hinaus blieb er eine gewichtige Stimme im politischen Diskurs und publizierte regelmäßig Artikel in der Wochenzeitschrift Carta Capital.(59) In einem seiner letzten Interviews sagte er:

„Wir haben zwei große politische Gruppen: die organisierten Fußballfans und die Bewegung der Landlosen (MST). Die Bourgeoisie fürchtet, dass diese Gruppen noch stärker werden. Stell dir mal vor – die größten Fangruppen in einer gemeinsamen Aktion, etwa gegen die Erhöhung der Eintrittspreise. Der Grad der Politisierung dieser Organisationen wird unsere Zukunft bestimmen.“(60)

 

Tod und Nachwirkungen

Am Morgen des 4. Dezember 2011 starb Sócrates, der von seiner jahrzehntelangen Alkoholsucht schwer gezeichnet war, im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Darminfektion. Am Abend desselben Tages versammelten sich die Spieler des SC Corinthians Paulista und die Spieler des Erzrivalen Palmeiras São Paulo beim Derby, das über die brasilianische Meisterschaft entschied, um den Mittelkreis und zollten Sócrates ihren Respekt, indem sie ihre Fäuste zum Himmel streckten – wie er es getan hatte, wenn er ein Tor schoss. Angeblich soll er vor seinem Tod gesagt haben, dass er an einem Sonntag sterben möchte, an dem die Corinthians Meister werden.(61) Wenn dem tatsächlich so war, dann erfüllte sich auch dieser Wunsch.

Sócrates starb, aber sein Erbe lebt weiter – vor allem in Brasilien und São Paulo. Dies wurde zuletzt deutlich, als tausende Fußballfans der großen Vereine von São Paulo gemeinsam ihre Stimme gegen die rechtsextreme und demokratiefeindliche (Corona-)Politik des Präsidenten Jair Bolsonaro erhoben und ihren Protest lauthals auf die Straße trugen. An vorderster Front standen die „Treuen Falken“, die antirassistischen Corinthians-Ultras, die sich auf Sócrates beriefen und mit einer riesigen Blockfahne aufwarteten, auf der zu lesen war: Democracia Corinthiana.(62)

Autor: Stefan Schuster
Kontakt: stefan.schuster87@gmx.de

 

Literaturverzeichnis

 

Bauer, Fritz (2018): Im Kampf um des Menschen Rechte. In: Foljanty, Lena & Johst, David (Hg.): Fritz Bauer. Kleine Schriften (1921-1961). Bd. 1. Frankfurt am Main & New York: Campus Verlag. S. 446-456.

Cruyuff, Johan (2018): Foreword. In: Downie, Andrew: Doctor Sócrates. Footballer, Philosopher, Legend. London; New York, Sydney; Toronto; New Delhi: Simon & Schuster. S. ix-xiv.

Downie, Andrew (2018): Doctor Sócrates. Footballer, Philosopher, Legend. London; New York, Sydney; Toronto; New Delhi: Simon & Schuster.

Fatheuer, Thomas (2014): Brasilien vom Fußball auf denken. In: Dilger, Gerhard; Fatheuer, Thomas; Russau, Christian; Thimmel, Stefan (Hrsg): Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie. Von Mythen und Helden, von Massenkultur und Protest. Hamburg: VSA Verlag. S. 48-90.

Fatheuer, Thomas (2014a): Vier Fußballrebellen. In: Dilger, Gerhard; Fatheuer, Thomas; Russau, Christian; Thimmel, Stefan (Hrsg): Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie. Von Mythen und Helden, von Massenkultur und Protest. Hamburg: VSA Verlag. S. 117-122.

Florencio, Robert u. Krennhuber, Reinhard (2012): Die Republik des Fußballs. (Abruf am 27.02.2021 hier).

Gisler, Omar (2007): Fußball Derbys. Die 75 fußball-verrücktesten Städte der Welt. München: Copress Verlag.

Nyoka, Nation (2019): Sócrates, Brazil’s footballing philosopher-activist. (Abruf am 26.02.2021 hier).

Sócrates (2016): „Müller ist ein Brasilianer!“. Interview mit dem 11Freunde-Magazin. (Abruf am 26.02.2021 hier).

Theis, Wolfgang (2012): „Siegen oder Verlieren – aber immer mit Demokratie“. Die politische Bewegung der Democracia Corinthiana. Beitrag für den Kongress „Momentum12: Demokratie“, Hallstatt, 27.09. – 30.09.2012. (Abruf am 25.02.2012 hier).

Weltspiegel (2020): Brasilien: Ultras gegen Bolsonaro. (Abruf am 03.03.2021 hier).

11Freunde (2020): Die Falken fliegen wieder. (Abruf am 03.03.2021 hier ).

 

Abbildungsverzeichnis

 

Bild 1: Organized Fans of Corinthians: Alessandra A., Festa da Fiel, CC BY 2.0.

Bild 2 und Header: Sócrates bei einer Kundgebung im Jahr 1984 im Rahmen der Demokratiebewegung: Jorge Henrique Singh, Socrates (futebolista) participando do movimento político Diretas Já, CC BY-SA 3.0.

Bild 3: Sócrates in einer Trainingspause beim AC Florenz (rechts): Gemeinfrei.

 

Anmerkungen

(1) Vgl. Downie 2018, S. 7ff.

(2) Vgl. ebd., S. 10 u. S. 13.

(3) Fatheuer 2014, S. 73ff.; Theis 2012, o. S.

(4) Sócrates zit. n. Downie ebd., S. 146.

(5)  Sóstenes zit. n. Downie ebd., S. 1.

(6)  Sócrates zit. n. Downie ebd., S. 12.

(7)  Vgl. Downie ebd., S. 14f.

(8)  Sócrates zit. n. Downie ebd., S. 15.

(9)  Vgl. Downie ebd., S. 22f. u. S. 33.

(10) Cruyff 2018, S. x.

(11) Downie ebd. S. 25ff., S. 38 u. 151.

(12) Sócrates zit. n. Downie ebd., S. 28.

(13) Ebd.

(14) Sócrates zit. n. Downie ebd., S. 85.

(15) Downie ebd., S. 44f.

(16) Kfouri zit. n. Florencio u. Krennhuber 2012, o. S.

(17) Vgl. Downie ebd., S. 30f.

(18) Downie ebd., S. 59.

(19) Vgl. ebd., S. 65; Gisler 2007, S. 220. Bei Geißler (2007) heißt es zum Verein, der auch als die „Freude der Armen“ bezeichnet wird: „Corinthians setzte sich schon früh über die allgemein geltenden Rassenschranken hinweg und wurde so, wie die Klubhymne behauptet, zum ›brasilianischsten aller brasilianischen Klubs‹. Dies erklärt auch die unglaubliche Popularität (…). Zum Halbfinale um die Landesmeisterschaft 1976 reisten beispielsweise über 70 000 Fans mit dem Zug nach Rio, um ihre Elf gegen Fluminese zu unterstützen. Umfragen attestieren Corinthians landesweit über 17 Millionen Anhänger“ (S. 220f.).

(20) Vgl. Downie ebd., S. 60.

(21) Sócrates zit. n. Downie ebd., S. 58.

(22) In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass die Staatsmeisterschaft zu diesem Zeitpunkt für die allermeisten Fußballfans und Funktionäre wichtiger war als die nationale Meisterschaft, die erst 1971 eingeführt und zusätzlich ausgetragen wurde.

(23) Vgl. Downie ebd., S. 97.

(24) Vgl. Downie ebd., S. 75.

(25) Rückblickend beschrieb Sócrates das Spiel gegen Italien als das „(…) most exciting game I’ve ever played in“ (zit. n. Downie ebd., S. 3).

(26) Vgl. Downie ebd., S. 151ff.; Nyoka 2019.

(27)  Sócrates 2016, o. S.

(28) Downie ebd., S. 5.

(29) Vgl. ebd., S. 136.

(30) Sócrates zit. n. Downie ebd., S. 137.

(31) Downie ebd., S. 141.

(32) Vgl. Theis 2012, o. S.

(33) Downie ebd., 147.

(34) Ebd., S. 139ff.

(35) Downie ebd., S. 140.

(36) Der Name Corinthians Democracy wurde später von  Washington Olivetto geprägt (vgl. Downie ebd., S. 197).

(37) Sócrates zit. n. Fatheuer 2014, S. 79f.

(38) Bei Bauer (2018) heißt es: „Demokratie ist kein Dampfer, dessen Kapitän man sich anvertraut, sondern ein Boot, in dem wir alle mitrudern müssen“ (S. 449).

(39) Downie 2018, S. 141.

(40) Theis 2012, o. S.

(41) Vgl. Downie ebd., S. 143f.

(42) Kfouri zit. n. Downie ebd., S. 135. Zum großen Einfluss des Journalisten Juca Kfouri auf das Denken und Handeln von Sócrates siehe: Downie ebd., S. 147f.

(43) Vgl. Fatheuer 2014, S. 80; Theis 2012, o. S.

(44) Zit. Downie ebd., S. 205.

(45) Vgl. Florencio u. Krennhuber 2012, o. S.

(46) Sócrates zit. n. Fatheuer 2014, S. 80.

(47) Vgl. Downie ebd., S. 148.

(48) Downie ebd., S. 183.

(49) Mit den Schriftzug DIA 15 VOTE auf den Trikots wollte die Mannschaft – im Wissen darum, dass eine hohe Wahlbeteiligung den Militärs schadet – die Zuschauer_innen dazu ermutigen, an den Wahlen für die Abgeordnetenkammer und für ein Drittel der Sitze im brasilianischen Senat am 15. November 1982 teilzunehmen (vgl. Downie ebd., S. 193).

(50) Vgl. Downie ebd., S. 216ff.

(51) Ebd., S. 218f.

(52) Vgl. ebd., S. 220f.

(53) Ebd., S. 223.

(54) Vgl. Teis 2012, o. S.; Downie ebd., S. 229.

(55) Zit. n. Downie ebd., S. 180.

(56) Zit. n. Downie ebd., S. 245.

(57) Vgl. Downie ebd., S. 232ff.

(58) Vgl. ebd., S. 279ff.

(59) Vgl. Fatheuer 2014a, S. 232ff.

(60) Zit. n. ebd., S. 119.

(61) Vgl. Downie ebd., S. 225f.

(62) Vgl. 11Freunde 2020, o. S.; Weltspiegel 2020, o. S.; Gegenüber dem Weltspiegel (2020) äußerte Rogerio Bassetto im Rahmen der Proteste: „Wir Corinthians-Ultras gehörten (…) zu den ersten, die in den 80ern gegen die Militärdiktatur auf die Straße gegangen waren. Das hat mein Bewusstsein geprägt. Ich habe diese Fahne gestaltet, um das Erbe von Socrates wach zu halten. Denn er hat uns politisiert“ (o. S.).

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