Denis Scheck
* 11.Monat.Jahr
† Tag.Monat.Jahr
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Tschechisch
Vater

Mundek Buergenthal

* 26. November 1901
† 15. Januar 1945 Außenlager Ohrdruf-Nord, KZ Buchenwald
Mutter

Gerda Buergenthal, geb. Silbergleit

* 1912
† 1991
Land des Kampfes für die Menschenrechte: Polen, Deutschland
Ort des Kampfes für Menschenrechte: Ghetto Kielce, KZ Auschwitz, KZ Sachsenhausen
Bereich Art Von Bis Ort
Schule Schüler 1947 1951 Göttingen, Deutschland
Bethany College Student 1952 1957 Bethany, West Virginia, USA
New York University School of Law Student 1957 1960 New York City, NY, USA
Harvard University Student 1961 1962 Cambridge MA, USA
State University of New York Professor für Recht 1962 1975 Buffalo, NY, USA
University of Texas Professor für Internationales Recht 1975 1980 Austin, Texas, USA
Interamerikanischer Menschenrechtsgerichtshof Richter und Präsident 1970 1991 San José, Costa Rica
American University Dekan und Professor für Internationales Recht 1980 1985 Washington DC, USA
Emory University and Carter Center Professor für Menschenrechte und Direktor 1985 1989 Atlanta, Georgia, USA
George Washington University Professor für Vergleichendes Recht und Rechtsprechung 1989 2000 Washington DC, USA
Interamerikanische Entwicklungsbank Richter 1989 1994 Washington DC, USA
UN Wahrheitskommission für El Salvador Mitglied 1992 1993 El Salvador, El Salvador
United Nations Human Rights Committee Mitglied 1995 1999 (Expertenkomitee)
Internationaler Gerichtshof Richter 2000 2010 Den Haag, Niederlande
George Washington University Law School Professor 2010 Today Washington DC, USA

Ort:
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Wie wurde die Geschichte bekannt?

Durch die Autobiographie von Thomas Buergenthal.

Wann wurde die Geschichte bekannt?

2007

Wo wurde die Geschichte bekannt?

USA, Deutschland

Durch wen wurde die Geschichte bekannt?

Durch Oral History-Interviews und die Autobiographie von Thomas Buergenthal

Preise, Auszeichnungen

Ehrendoktor der Juristischen Fakultät Heidelberg (Juli 1986) und der Juristischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen (April 2007)

Goler-T.-Butcher-Medaille (1997) und Manley-O.-Hudson-Medaille (2002) der Amerikanischen Gesellschaft für internationales Recht

Gruber Justice Prize (2008)

Namensnennung der Stadtbibliothek Göttingen nach T. Buergenthal (2008)

Elie Wiesel Award des United States Holocaust Memorial Museum (2015)

Olympischer Orden (2015)

Großes Bundesverdienstkreuz (2017)

Edith-Stein-Preis (2019)

Literatur (Literatur, Filme, Webseiten etc.)

Interviews

Zeitzeuge Thomas Buergenthal Seite des United States Holocaust Memorial Museum (englisch)

Profile Books: The author of A Lucky Child is interviewed by his publisher, Andrew Franklin of Profile Books, about his experiences as a child during the Holocaust, surviving Auschwitz and how this led him to become a human rights lawyer in later life.

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Ich spielte gegen Hitler, die SS und die Krematorien. Ich wollte gewinnen. Arno Luik im Gespräch mit Thomas Buergenthal. In: stern. Heft 14/2007.

Hassen lohnt sich nicht. Philipp Gessler interviewt Thomas Buergenthal. In: taz. 12. April 2007

Meine KZ-Nummer ist wie eine Medaille. Interview mit Thomas Buergenthal. In: Der Tagesspiegel. 13. Mai 2007.

Lebensgeschichtliches Interview mit Thomas Buergenthal. In: Quellen zur Geschichte der Menschenrechte. Arbeitskreis Menschenrechte im 20. Jahrhundert, 4. März 2015, abgerufen am 16. Dezember 2016.

Eigene Werke

Sachbücher

Buergenthal, Thomas, Law-making in the International Civil Aviation Organization. Syracuse University Press. 1969. ISBN 978-0815621393.

Sohn, Louis B.; Buergenthal, Thomas (1973). International Protection of Human Rights. Vol. 1. Bobbs-Merrill. ISBN 9780672818738. Vol. 2 ISBN 9780672821875 Vol. 3 ISBN 9780672842276.

Buergenthal, Thomas; Shelton, Dinah (1995). Protecting Human Rights in the Americas: Cases and materials (4th ed.). N.P. Engel. ISBN 978-3883571225.

Kokott, Juliane; Buergenthal, Thomas; Maier, Harold G. (2003). Grundzüge des Völkerrechts (in German) (3rd ed.). UTB Uni-Taschenbücher Verlag. ISBN 978-3825215118.

Buergenthal, Thomas; Thürer, Daniel (2010). Menschenrechte: Ideale, Instrumente, Institutionen (in German). Nomos Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3832951252.

Buergenthal, Thomas; Shelton, Dinah; Stewart, David; Vazquez, Carlos (2017). International Human Rights in a Nutshell (5th ed.). West Academic Publishing. ISBN 978-1634605984., Thomas, Shelton, Stewart, 4th ed. (2009).

Buergenthal, Thomas; Murphy, Sean D. (2018). Public International Law in a Nutshell (6 ed.). West Academic. ISBN 9781683282396., 5th ed. (2013), 4th ed. (2007).

 

Autobiografie

Thomas Buergenthal, A Lucky Child. Little Brown. 2007. ISBN 978-1-61523-720-3.

Thomas Buergenthal, Ein Glückskind. Wie ein kleiner Junge zwei Ghettos, Auschwitz und den Todesmarsch überlebte und ein zweites Leben fand. S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-009652-4. (Rezensionen bei  Zukunft braucht Erinnerung; Wilfried Weinke: Tag für Tag. In: Die Zeit. Nr. 13/2006, S. 45; Soraya Levin: Kindheit im Holocaust. rezensionen.ch, 14. Mai 2007)

Thomas Buergenthal, Ein Glückskind. Hörbuch, Interpret: Uwe Friedrichsen, mit einem Epilog von Thomas Buergenthal. Düsseldorf, Patmos, 2008, ISBN 978-3-491-91270-0.

 

Vorträge

A Brief History of International Human Rights Law in the Lecture Series of the United Nations Audiovisual Library of International Law

“The Lawmaking Role of International Tribunals,” Dean Fred F. Herzog Memorial Lecture, October 17, 2011, The John Marshall Law School, Chicago, Illinois.

Zeugenschaft vor / bei:

Thomas Buergenthal half die Liebe seiner Eltern und ihr Vorbild, auch in großer Gefahr nicht aufzugeben. Ohne die Hilfe anderer Menschen, die ihn in Notsituationen unterstützen, hätten er und seine Familie weder die Flucht vor den Nationalsozialisten überstehen können, noch hätte er ohne sie die Lager überleben können.

Menschenwürde
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Recht auf Wahrheit

EINLEITUNG

“Ein Glückskind” lautet der Titel der Autobiographie des US-amerikanischen Juristen Thomas Buergenthal. Die Bezeichnung „Glückskind“ klingt im Zusammenhang mit seiner Geschichte paradox. Thomas Buergenthal überlebte als Kind die grausame Welt der Ghettos und das Vernichtungslager Auschwitz. Als Jugendlicher lernte er die Welt des Wirtschaftswunders und der verdrängten Geschichte in der Bundesrepublik kennen und entdeckte als Student für sich die USA, wo er zu einem der angesehensten Juristen wurde. Im Gespräch erzählt der Jurist, wie er allem Leid zum Trotz daraus Schlüsse zieht, was Mitmenschlichkeit und Menschenwürde bedeuten. Er wurde ein international hoch geachteter Anwalt für die Menschenrechte.

Thomas Buergenthal im Interview (deutsch und englisch)

 

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DIE GESCHICHTE

Thomas Buergenthal

“Ein Glückskind” – Überlebender von Auschwitz, internationaler Richter und Anwalt der Menschenrechte

 

„Ein Glückskind. Wie ich als kleiner Junge Auschwitz überlebte und ein neues Leben fand“, lautet der Titel der deutschen Ausgabe der Autobiographie des US-amerikanischen Juristen Thomas Buergenthal. Die Bezeichnung „Glückskind“ klingt in diesem Zusammenhang paradox. Im polnischen Kattowitz ließ Thomas Buergenthals Mutter Gerda sich von einer Freundin zum Besuch einer Wahrsagerin überreden. Diese sagte ihr, dass schreckliche Dinge auf ihre Familie zukämen, wozu es im Jahr 1939 keiner Wahrsagerin bedurfte, ihrem Kind aber werde nichts geschehen, es sei ein „Glückskind“. Auch wenn Gerda Buergenthal dies später lächelnd als Hokuspokus bezeichnete, so hat ihr diese Vorhersage doch geholfen, die Suche nach ihrem Sohn, von dem sie bei der Ankunft ihres Transports im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz getrennt wurde, nie aufzugeben.

Thomas Buergenthals Geschichte ist die eines Überlebenden, der als Kind die Welt der Ghettos und Lager kennenlernte, als Jugendlicher die Welt des Wirtschaftswunders und der verdrängten Geschichte in der Bundesrepublik, und der als Student die USA für sich entdeckte, wo er zu einem der angesehensten internationalen Juristen und Anwalt der Menschenrechte wurde. Er wurde 1934 in Lubochna geboren, einem damals idyllischen Ort in der Tschechoslowakei, der heute in der Slowakei liegt. Mundek Buergenthal, sein Vater, war 1933 hierher an den Rand des Tatra-Gebirges der Karpaten geflohen, nachdem die Nazis in Deutschland an die Macht gekommen waren. Er eröffnete mit seinem Freund Erich Godal, ebenfalls ein Gegner der Nationalsozialisten, ein kleines Hotel, die “Villa Godal”. Einerseits in der Hoffnung, wenn der Spuk vorüber ist schon bald nach Berlin zurückzukehren, andererseits, um politischen Flüchtlingen und Gegnern der Nazis für einige Zeit eine sichere Zuflucht geben zu können.

In Lubochna lernte Mundek Buergenthal 1933 seine Frau Gerda kennen, eine geborene Silbergleit, die von ihren Eltern von Göttingen aus in den Urlaub in jenes Hotel geschickt worden war. Die Eltern Silbergleit wollten vermutlich etwas nachhelfen, dass die junge Frau einen nicht-jüdischen Verehrer vergaß. Vor allem aber sollte die 21jährige Gerda wenigstens eine Zeit lang den Belästigungen durch organisierte Nazi-Jugendliche in den Straßen Göttingens entkommen, die immer unangenehmer wurden. Die Begegnung von Mundek und Gerda war, so jedenfalls behielt es Gerda in Erinnerung, Liebe auf den ersten Blick. Nach drei Tagen waren sie verlobt, elf Monate später kam ihr Sohn Thomas zur Welt.

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Ab 1939 war die dreiköpfige Familie auf der Flucht. Die faschistische Hlinka-Garde enteignete das Hotel, an dem Mundek Buergenthal zuvor Anteile erworben und den Freund ausgezahlt hatte. Kurze Zeit später befanden sie sich mit ihren Koffern und sonst nichts auf dem Weg zur polnischen Grenze. Genauer gesagt, sie wurden im Niemandsland zwischen der Tschechoslowakei und Polen eine ganze Woche lang hin und her geschickt, da die polnischen Grenzsoldaten die Flüchtlinge nicht einreisen lassen wollten. Es war eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet schwerbewaffnete deutsche Soldaten, nachdem die Nazis in die Tschechoslowakei einmarschiert waren, den Grenzübertritt der Familie Buergenthal mit einem Machtwort durchsetzten.

Nur mit größter Raffinesse gelang es Gerda und Mundek Buergenthal in den folgenden unendlich schweren Jahren, den Verfolgern immer einen Schritt voraus zu sein. Der Mut seiner Eltern und ihr Erfindungsreichtum, die Menschlichkeit und ihr wunderbarer Humor, den sie trotz allem immer wieder fanden, prägten sich dem Sohn Thomas ein, der bei der Flucht nach Kattowitz noch keine fünf Jahre alt war. In Kattowitz, dass zu einem Fluchtpunkt deutscher Juden im südlichen Polen geworden war, bezogen sie nach einem kurzen Aufenthalt in Warschau eine kleine Wohnung und es kam zu jener Szene mit der Wahrsagerin, die der siebenzwanzigjährigen Gerda vorhersagte, dass ihr Sohn “ein Glückskind” sei.

Das Vorbild und die immer spürbare Liebe der Eltern sowie später ein norwegischer Mitgefangener, Odd Nansen, halfen Thomas Buergenthal, der am Ende auf sich allein gestellt war, das Vernichtungslager Auschwitz und den Todesmarsch in das KZ Sachsenhausen, wo Thomas Buergenthal er im April 1945 endlich befreit wurde, zu überleben.

Bis dahin erlebte er, wie seine Eltern sich – Staatenlose die sie waren – je nach Notwendigkeit als Deutsche, Tschechen oder Polen ausgaben; wie sie immer wieder eine Wohnung suchten und fanden, sei sie auch noch so beengt; auch, dass sie mit anderen Flüchtlingen Freundschaften schlossen und es ihnen fast immer gelang, etwas zu Essen oder zu Trinken zu besorgen. Er erlebte, dass ihre Visa für die Einreise nach England am 1. September 1939 vom Britischen Konsulat gekommen waren, doch just an dem Tag die Nazis in Polen einmarschierten und keine Schiffe mehr aus polnischen Häfen nach England ausliefen. Mit Hunderten weiteren Flüchtlingen sollten sie mit einem Militärzug über die Grenze nach Russland abgeschoben werden. Doch der Zug wurde aus der Luft angegriffen und in dieser Situation entschied der Vater, dass die Familie Buergenthal nach Kielce gehen sollte und nicht nach Russland.

Vier Jahre lebten sie im jüdischen Ghetto von Kielce in einem kleinen Zimmer, das auch als Küche diente. Ein großer Vorteil war, dass Mundek Buergenthal eine Zeit lang in der Kantine der deutschen Schutzpolizei eine Arbeitsstelle fand, weil er dadurch heimlich Fleischreste mit nach Hause nehmen konnte. Das Leben im Ghetto war gefährlich und ein dauernder Kampf, auch zwischen polnischen und deutschen Juden. Vor allem aber war das Ghetto ein rechtsfreier Raum, seine Bewohner_innen der Willkür der Schutzpolizei und Gestapo ausgeliefert. Die Deutschen veranstalteten Razzien, erschossen Menschen, demütigten und verhöhnten fromme Juden, indem sie ihnen die Bärte abschnitten.

Ausgerechnet dort, in Kielce, lernte Thomas seine Großeltern mütterlicherseits kennen, die ins Warschauer Ghetto deportiert worden waren und nun von seinen Eltern – auf geradezu wunderbare Weise – ebenfalls in das Ghetto der Stadt geholt wurden. Sie bekamen ein Zimmer in der Nähe und mit ihren Geschichten versetzten sie den Enkel Thomas in eine Welt, in der „alle Menschen friedlich zusammenlebten und es kein Verbrechen war, ein Jude zu sein“ (2). Als das Ghetto 1942 liquidiert wurde, verloren die Buergenthals die Großeltern Rosa Blum-Silbergleit und Paul Silbergleit aus den Augen und sollten sie nie wiedersehen. Mit 20.000 Ghetto-Bewohner_innen wurden sie in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.

Mundek Buergenthal hingegen, der im Ghetto die Werkstatt für die Schutzpolizei leitete, gelang es noch einmal, seine kleine Familie zu retten, indem er sie zusammen mit einigen Arbeitern während der Liquidationen in der Werkstatt versteckte. Sie wurden im Herbst 1942 in das Arbeitslager von Kielce gebracht, zusammen mit zwei Kindern, Ucek und Zarenka, die die Buergenthals mit einer beherzten Aktion unter ihren Schutz genommen hatten, als deren Mutter ebenfalls deportiert wurde. Thomas Buergenthals kleiner Bruder und seine Schwester, denn das waren die beiden inzwischen geworden, wurden mit dreißig anderen Kindern ermordet, als der deutsche Vernichtungsfuror auch das Arbeitslager hinwegfegte. Niemals werde er den Tag vergessen, schreibt er in seinen Erinnerungen, als Ucek und Zarenka von ihnen fortgerissen wurden. Und warum ließ der Stadtkommandant ihn am Leben?

Nach Auflösung des Arbeitslagers wurden die Buergenthals in das Sägewerk Henryków transportiert, wo Waggons für die Wehrmacht hergestellt wurden und Thomas sich als Laufbursche des zivilen Kommandanten betätigte, was ihm – da er sich als nützlich erwies – erneut das Leben rettete.

Nach dem gescheiterten Fluchtversuch einiger Häftlinge, die von der Gestapo gefasst wurden, wurde er als Kind Zeuge von Hinrichtungen, die ihn lehrten, wie man den Nazis einen Strich durch die Rechnung machen konnte. Einer der gefassten Häftlinge, ein junger Mann, legte nämlich seinen Kopf selbst in die Schlinge und küsste dem Häftling, der die Rolle des Henkers übernehmen musste, die zitternde Hand, was den Gestapobeamten völlig aus der Fassung brachte. Wütend schleuderte er den Stuhl unter dem Häftling mit einem Fußtritt weg. Die Würde und Menschlichkeit, die der junge Häftling wenige Augenblicke vor seiner Ermordung bewies, bewegten den Jungen tief. Sie bestärkten ihn in der Überzeugung, dass der “moralische Widerstand im Angesicht des Bösen nicht weniger Mut beweist als der physische Widerstand, ein Argument, das leider in der Diskussion um das Fehlen eines bedeutenden jüdischen Widerstands während des Holocaust häufig untergeht”. (3)

 

Auschwitz-Birkenau

Im August 1944 wurde Thomas Buergenthal nach Auschwitz deportiert, direkt nach der Ankunft von seiner Mutter getrennt – die er erst Ende 1946 wiedersehen sollte – und mit seinem Vater im ehemaligen so genannten Zigeunerlager untergebracht. Dessen Insassen, viele Tausend Sinti- und Romafamilien, hatten die Nazis kurz vorher ermordet.

Wie kann ein Kind Auschwitz überleben, getrennt von seiner Mutter, kahlgeschoren und in Häftlingskleidung gesteckt, tätowiert mit einer Nummer, die ab jetzt seinen Namen ersetzt, umgeben von elektrischem Stacheldraht, brüllenden Blockältesten und grausamen Kapos, Häftlingen, die um zu überleben für die Lagergestapo arbeiteten? Wie gelang es Menschen, in dieser Umgebung und unter diesem Terror die Menschenwürde zu bewahren, während andere in der Hoffnung, dadurch zu überleben, ihren Anstand und Würde opferten?

Wieder waren es eine Mischung aus Taktik und Glück und mitfühlende Menschen, vor allem sein Vater, die Thomas zu Hilfe kamen, so dass er die alle paar Wochen stattfinden Selektionen überlebte, sich verstecken konnte und vor allem nicht krank wurde, was in Auschwitz einem Todesurteil in der Gaskammer gleichkam. Zu einer Zeit, in der andere ihren moralischen Kompass verloren, schreibt Thomas Buergenthal in seiner Autobiographie, bewiesen seine Eltern Charakterstärke (4). Und wieder war es eine Arbeitsstelle, die seinem Vater etwas Schutz gab, diesmal als Laufbursche für einen Kapo, einem Häftling, der für die SS arbeitete.

Aber es kam noch etwas anderes hinzu, nämlich dass er sich mit allen seinen Kräften gegen das ihm zugedachte Schicksal auflehnte: “Ich wuchs in den Lagern auf, ich kannte kein anderes Leben, und mein einziges Ziel war, am Leben zu bleiben, von einer Stunde zur anderen, von einem Tag auf den anderen.” (5) Es gelang ihm, die eigene Todesangst zu überwinden, als er sich nach der Trennung von seinem Vater – zu der es bei einer der überraschenden Selektionen im so genannten Zigeunerlager dann doch kam – eingestehen musste, dass es keinen Ausweg mehr gab und er in wenigen Minuten in der Gaskammer sterben würde. Mit dem Eingeständnis wich die Anspannung: „Wärme durchströmte meinen Körper. Ich war im Frieden mit mir selbst. All meine Befürchtungen waren verschwunden, und ich hatte keine Angst mehr zu sterben.“

Thomas Buergenthal überlebte das Krankenlager von Auschwitz, in das er nach der Selektion abgeschoben wurde, und wurde ein paar Wochen später in das so genannte Kinderlager transportiert, dessen Insassen zum Müllsammeln eingesetzt wurden. Dort blieb er bis zur Räumung des Lagers im Januar 1945 und sah sogar seine Mutter nochmal für wenige Minuten auf der anderen Seite eines Elektrozauns. Seinen Vater sah er nie wieder, dieser starb in Buchenwald und nicht in Flossenbürg, wie Thomas Buergenthal erst viel später feststellte, und der Junge musste allein auf den Todesmarsch ins KZ Sachsenhausen gehen. Jetzt erst, meinte er später, begann der schwerste Abschnitt seines Überlebenskampfes und doch hatte er das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben: “gegen Hitler, die SS und die ganze Tötungsmaschinerie der Nazis” (6).

 

Odd Nansen – Retter in der Not, Befreiung und letzter Abschnitt

Mit schwersten Erfrierungen an den Füßen erreichte Thomas Buergenthal das KZ Sachsenhausen in Oranienburg. Jetzt gab es keine Wahl mehr und er musste auf die gefürchtete Krankenstation, zwei Zehen wurden amputiert. Kurze Zeit später lernte er den Norweger Odd Nansen kennen, Sohn des berühmten Polarforschers, der sich des kleinen Tommy, über den er später ein Buch mit diesem Namen als Titel veröffentlichte, annahm. Ohne Odd Nansen hätte der kleine Tommy niemanden mehr gehabt, der ihn besuchte. Wenn Odd Nansen an seinem Bett saß, taten die Füße weniger weh und er konnte sogar manchmal lachen, erinnert er sich noch Jahrzehnte später in seinem Vorwort zu Nansens KZ-Aufzeichnungen. (7)

Der letzte Abschnitt seines Überlebenskampfes führte Thomas Buergenthal nach der Befreiung des KZ Sachsenhausen mit der polnischen Armee nach Berlin und zurück nach Polen. Nach langer und verzweifelter Suche spürte ihn seine Mutter, die nach Göttingen zurückgekehrt war, im jüdischen Waisenhaus von Otwock auf. Kurz bevor er nach Palästina aufgebrochen wäre, kommt es zu dem nicht mehr für möglich gehaltenen Wiedersehen. Das Glück beider war, dass ihr Nachname nicht Levy oder Cohen war, sondern mit Buergenthal ein ausgefallener Nachname. Andernfalls wäre Thomas auf den unendlichen Listen Vermisster niemals aufzuspüren gewesen.

In den Jahren bis 1951 holte Thomas Buergenthal dann in Göttingen den verpassten Schulstoff nach und folgte schon bald darauf der Verheißung: „Amerika!“ Zu einem einjährigen Aufenthalt aufgebrochen, wusste er, dort angekommen, schon nach kurzer Zeit, dass er für immer bleiben und ein neues Leben ohne die ständige Erinnerung an die Lager anfangen würde.

Odd Nansen, dem er sein Überleben im KZ Sachsenhausen verdankte, war für Thomas Buergenthal unvergesslich. Er fand ihn schon bald nach der Rückkehr nach Göttingen mit Unterstützung seiner Mutter wieder. Sie trafen sich zunächst in Deutschland und dann besuchte er die Nansen-Familie in Norwegen, wo er einen wunderbaren Sommer verbrachte. Eine verlorene Kindheit lässt sich nicht nachholen, aber das Lachen, die Gespräche, die Ausflüge in der Natur taten doch ihre gewiss heilsame Wirkung.

Die Begegnungen und Gespräche mit Odd Nansen, der ein Tagebuch über Sachsenhausen schrieb, waren für die berufliche Zukunft des jungen Überlebenden Thomas Buergenthal durchaus wegweisend. Im Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe des Tagebuches schrieb er 2015, wie sehr der Humanist und wunderbare Mensch Odd Nansen seinen späteren Weg mit geprägt hat: “Whether I knew it or not at the time, my decision to study international law and to work in the human rights field was in large measure inspired by the principles he believed in and lived by.” (8)

 

Überleben ist Widerstand

Thomas Buergenthal Geschichte ist die eines der wichtigsten Juristen unserer Zeit geworden. Seine Autobiographie publizierte er 2007 zu einem Zeitpunkt, an dem viele verantwortlich denkende Menschen anfingen, sich zu fragen, was wohl geschieht, wenn uns die Überlebenden der Lager in unserem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht mehr begleiten werden. Wie schnell kann es tatsächlich dazu kommen, dass eine gesellschaftliche Krisenstimmung die brennende Frage aufkommen lässt: Haben wir unsere Geschichte eigentlich richtig interpretiert? In diesem Fall: Haben wir das Schicksal der Überlebenden, ihre Mahnungen und Warnungen, wirklich verstanden? Ist ihr Widerstand im Kampf um des Menschen Rechte zu unserem eigenen Tun geworden?

Thomas Buergenthals Schicksal und Leben selbst geben auf diese Fragen eine Antwort, die stärker kaum sein könnte und hoch aktuell ist. Sein Überleben ist ein Zeugnis für die Stärke eines Kindes, die nicht bloß anrührend ist, sondern aufrüttelnd. Er konfrontiert uns damit, dass das Überleben von Auschwitz nicht allein bedeutet, ein Opfer der Nazis zu sein, für immer abgestempelt mit einer KZ-Nummer und eingetragen in die Listen einer furchtbaren Vernichtungsmaschinerie, die von der deutschen Erinnerungskultur ebenso minutiös rekonstruiert wurde, wie die Nazis sie zuvor erreichtet haben. Wie die Geschichte verläuft und unser Schicksal sich gestaltet, das zeigt uns Thomas Buergenthal, hängt vielmehr von den eigenen Entscheidungen ab. Das ist seine Botschaft, dass der Mensch das einzige Wesen ist, das selbst unter extremen Bedingungen wählen kann – und wohl auch muss. Selbst im Lager Auschwitz gab es Menschen, die menschlich blieben, und Einzelne, die ihre Menschlichkeit hinter sich ließen und, wie Buergenthal schreibt, keine „human beings“ mehr waren. “Nein!” zu sagen, wenn Unrecht geschieht, so hat dies der Jurist Fritz Bauer im Blick auf Auschwitz und die NS-Prozesse formuliert, das ist und bleibt unser Pensum.

„Ich wollte gewinnen“, sagt Thomas Buergenthal, und das Gefühl, einen Sieg gegen die Nazis und Hitler errungen zu haben, das er hatte, als er Auschwitz-Birkenau in neuer Ungewissheit verließ, hat sich in ihm tief eingebrannt: „Du hast versucht, mich umzubringen, aber siehst du, ich bin immer noch am Leben!“ Das Außergewöhnliche an seiner Geschichte ist, dass er bei dieser Erkenntnis nicht stehen blieb. Er spricht nicht von Last oder von Schuld, die vererbt werden, schon gar nicht von Pflichtübungen in Moral und historischem Gedenken. Das Wunderbare und beinahe Unfassbare an seiner Geschichte ist die Erkenntnis, dass ein Mensch, ein Kind sich selbst überwinden und stärker als der Tod sein kann. Ein wahrhaft großes Plädoyer für Menschlichkeit und den Kampf um des Menschen Rechte, den Thomas Buergenthal zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat.

 

Ein besserer Anwalt der Menschenrechte

„Vielleicht liegt es auf der Hand, dass meine Vergangenheit mich zu den Menschenrechten und zum Völkerrecht hinzog, ob mir das damals klar war oder nicht. Jedenfalls befähigte sie mich dazu, ein besserer Anwalt der Menschenrechte zu sein, und sei es nur deshalb, weil ich in der Lage war, nicht nur intellektuell, sondern gefühlsmäßig zu verstehen, was es bedeutet, ein Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu sein. Ich konnte diese Dinge tief in mir selbst spüren.“ (9)

Aufgrund seiner Erfahrungen machte sich Thomas Buergenthal die Menschenwürde und Wahrung der Menschenrechte zur Lebensaufgabe. Sein Leben in den USA begann 195. Am 4. Dezember kommt der Siebzehnjährige im Hafen von New York an. Er studiert Jura an der New York University und an der Harvard University in Cambridge Massachusetts. Der Junge, der seine Kindheit auf der Flucht und in Lagern verbringen musste, erwarb den Titel eines Masters of Law und eines Doctor of Juridical Science, wird Professor und Direktor des International Rule of Law Center an der George Washington University (Washington DC), widmet seine ganze berufliche Tätigkeit dem Völker- und Menschenrecht.

Die Menschenrechte, sagt Thomas Buergenthal, waren zu Beginn seiner juristischen Tätigkeit noch weitgehend unbekannt und schon gar kein Gegenstand universitärer Lehre. Aber ihm ging es auch nicht um die Wissenschaft allein, sondern um die Praxis, um die Anwendung der Menschenrechte. Zwölf Jahre übte er das Amt eines Richters aus, übernahm eine Amtszeit als Präsident des in Costa Rica residierenden Inter-American Court of Human Rights, den er mitbegründete, und er wurde 1992 als eines von drei Mitgliedern von der UNO in die Wahrheitskommission für El Salvador berufen, die die furchtbaren Menschenrechtsverletzungen während zwölf Jahren Bürgerkrieges in dem mittelamerikanischen Land aufdeckte. Von März 2000 an war er zehn Jahre lang Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, um dann an die George Washington University zurückzukehren.

 

Anmerkungen

(1) Thomas Buergenthal, Ein Glückskind. Wie ich als kleiner Junge Auschwitz überlebte und en neues Leben fand. Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt am Main 2015.
(2) Ebd., p. 79.
(3) Ebd., p. 12.
(4) Ebd., p. 14.
(5) Ebd., p. 98.
(6) Ebd., p. 109.
(7) Odd Nansen, From Day to Day. One Man’s Diary of Survival in Nazi Concentration Camps. Edited by Timothy J. Boyce. Preface by Thomas Buergenthal: “The Odd Nansen I knew”, p. 50.
(8) Ebd., S. 52.
(9) Buergenthal, Ein Glückskind, p. 15 f.

 

Autorin und Interview: Dr. Irmtrud Wojak
Kontakt: info@fritz-bauer-bibliothek.de
Kamera: Jakob Gatzka

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