"Wilfredo Saavedra wird ständig schikaniert und von der Polizei beobachtet; seine Kanzlei wurde mehrfach geplündert. Wegen seiner Verteidigung der Umwelt und Menschen versetzt man ihn in permanente persönliche, berufliche und familiäre Instabilität."

José L. Castillo Román (Anwalt und Professor an der Universidad Nacional de Cajamarca)
* 13.11.1955

Staatsangehörigkeit bei Geburt: Peruanisch
Land des Kampfes für die Menschenrechte: Peru
Ort des Kampfes für Menschenrechte: 1980-2000 Region Cajamarca; seit 2000 Region Cajamarca und landesweites Engagement in Peru durch Mitwirkung in der Asamblea Nacional de los Pueblos del Perú y Tawantinsuyo (Nationalversammlung der Völker Perus und des Tawantinsuyo)

Ort:
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit:

Preise, Auszeichnungen

“Die Bauern und die Mittellosen verleihen keine Preise. Es hat mir immer gereicht, ihre Zuneigung zu erhalten”. – Wilfredo Saavedra 2019

Literatur (Literatur, Filme, Webseiten etc.)

Wilfredo Saavedra empfiehlt die Lektüre von Dokumenten über den Bergbaukonflikt in Cajamarca (Berichte, Dokumentationen), die von der Zivilgesellschaft, Menschenrechts- und Umweltorganisationen der Öffentlichkeit über das Internet zugänglich gemacht wurden.

Zeugenschaft vor / bei:

Jahr: 1989, 2014, 2012-2016

1989 – Oberster Gerichtshof von Cajamarca, wegen (angeblichem) Terrorismus
2014 – Oberster Gerichtshof von Cajamarca, wegen Unruhestiftung (Widerstand gegen das Conga-Bergbauprojekt
2012/16 – Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Störung, Schäden, Aneignung von Kompetenzen, Entführung

“Ich bin der Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau. Obwohl mein Vater, als er in der Hacienda Casa Grande arbeitete, die Arbeitsbedingungen und das Gehalt, das er erhielt, in Kauf nahm, erkannte er dennoch, dass er ausgebeutet wurde. Als die Hacienda Casa Grande 1970 in eine Genossenschaft umgewandelt wurde, veranlasste das Ausmaß der Korruption derjenigen, die diese leiteten, meinen Vater und andere Arbeiter dazu, dagegen anzugehen. Diese Phase prägte meine spätere Haltung gegenüber den Arbeitern ihrer Ausbeutung.

Meine liebe Mutter Idelsa, die 1970 starb, als ich erst 13 Jahre alt war, bereitete mich schon früh auf meine Konstitution als kritischer Bürger vor. Mit gerade mal drei Jahren brachte sie mir das Lesen bei. Schon damals las ich meinem Vater die Zeitungen vor. Die Werte, die ich damals kennenlernte, trugen dazu bei, meinen Charakter zu formen und mich gegen jede Art von Unrecht zu wehren.“

Beginnend mit seinem Aktivismus in einer Studierendenorganisation zugunsten von Preisnachlässen für öffentliche Verkehrsmittel für Studierende – ein Recht, das er erfolgreiche erkämpft hat – wurde Wilfredo Saavedra sich seiner Berufung bewusst, sich in den Dienst seiner Mitmenschen stellen zu wollen.

“Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich meine Mitmenschen beobachte, die unglücklich sind. Ihre materiellen Existenzbedingungen, die ich täglich auf meinen Wegen beobachte, bereiten mir Gewissensschmerzen. Ich verlange mir selbst alles Menschenmögliche ab, damit sich daran etwas ändert. Doch dass ich nicht mehr zu leisten imstande bin, frustriert mich und macht mich wütend”.

Zusätzlich zu den hier genannten Rechten setzt sich Wilfredo Saavedra auch für die Achtung der Souveränität der Völker, ihr Recht auf freie Selbstbestimmung und für Umweltrechte, die Erhaltung von Ökosystemen und Quellgebieten, für die Erhaltung des Weltklimas und für das Menschenrecht auf Zugang zu Wasser ein.

Menschenwürde
Geltung der Rechte für alle Menschen in allen Ländern und Gebieten unabhängig von ihrer internationalen Stellung
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Verbot von Sklaverei oder Leibeigenschaft
Verbot von Folter oder grausamer, unmenschlicher Behandlung
Anspruch auf Anerkennung als Rechtsperson
Gleichheit vor dem Gesetz
Anspruch auf Rechtsschutz
Verbot der willkürlichen Verhaftung oder Ausweisung
Anspruch auf öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen Rechtsverfahren
Rechtsstaatliche Garantien: Unschuldsvermutung, keine Strafen ohne Gesetz
Schutz der Privatsphäre
Recht auf Freizügigkeit (national und übernational)
Asylrecht
Recht auf Staatsangehörigkeit
Recht auf Eheschließung, Schutz der Familie
Recht auf Eigentum
Religionsfreiheit
Recht auf freie Meinungsäußerung
Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
Recht an der Gestaltung der öffentlichen Ordnung mitzuwirken
Recht auf soziale Sicherheit
Nahrung
Recht auf bezahlte Arbeit, gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit
Anspruch auf Erholung, Freizeit und bezahlten Urlaub
Anspruch auf ausreichende Lebenshaltung, auf Sicherheit bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität, Verwitwung und Alter, Schutz für Mütter und Kinder
Recht auf Bildung und Ausbildung
Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben, Freiheit von Wissenschaft und Bildung
Recht auf Gesundheit
Recht auf Wahrheit

EINLEITUNG

“In Gesellschaften wie den unseren in Lateinamerika sind die Rechtsnormen, die die Rechte der Bürger schützen, einfache Worthülsen, die nicht erfüllt werden. Meine Ausübung der Bürgerrechte und die Verteidigung der Rechte von Mutter Erde sind von der Überzeugung motiviert, dass irgendwann das, was in den Normen, die sich mit den Menschenrechten befassen, geschrieben steht, Realität wird. Dabei bin ich der Überzeugung, dass dieser Kampf kontinuierlich, unter Entbehrungen und im Kollektiv erfolgen muss, denn individuelle Anstrengungen reichen nicht aus, um dies zu erreichen, – das hat mich meine Lebenserfahrung gelehrt.”

– Wilfredo Saavedra 2019

DIE GESCHICHTE

Wilfredo Estanislao Saavedra Marreos

Kindheit und Jugend

Wilfredo Saavedra wurde am 13. November 1955 auf der ehemaligen Zuckerrohrplantage Hacienda Casa Grande geboren, die sich damals im Besitz von Juan Gildemeister befand, der einer wohlhabenden Unternehmerfamilie mit deutschen Wurzeln entstammte. Casa Grande liegt im heutigen Bezirk gleichen Namens, in der Provinz Ascope, in der peruanischen Region La Libertad.

Wilfredo Saavedra war das erste von vier Kindern von Flavio Saavedra Bacón und Idelsa Marreos Vásquez, die ebenfalls in Casa Grande geboren wurden. Wilfredo Saavedras Vater arbeitete als Arbeiter auf der Plantage, die später in eine Kooperative umgewandelt wurde, heute aber wieder als Privatunternehmen betrieben wird.

Zwischen 1960 und 1974 absolvierte Wilfredo Saavedra seine Primar- und Sekundarschulausbildung an der Francisco Bolognesi Schule und der Casa Grande Nationalschule.

Studienzeit

Anschließend studierte er von 1976 bis 1983 Rechts- und Politikwissenschaften an der Nationalen Universität von Trujillo und schloss sein Studium als Jurist ab.

“Seit meinem Eintritt in die Nationale Universität von Trujillo (Region La Libertad) habe ich mich dafür engagiert, dass Studierende ermäßigte Fahrpreise für öffentliche Verkehrsmittel bezahlen müssten. Zusammen mit anderen Studierenden, die viel älter waren als ich, ist es uns gelungen, unsere Forderung zu erkämpfen. Natürlich war das ganz schön anstrengend. Ich habe bei diesen Kämpfen die goldene Uhr meiner lieben Mutter verloren (ich trug sie als einziges Erinnerungsstück, das mir von ihr geblieben war). Ich wurde mehrmals auf Polizeistationen festgehalten. Ich organisierte die Studierendenorganisation Frente de Estudiantes de Nivel Superior del Valle Chicama, das waren Studierende aus dem Einzugsgebiet von Casa Grande. Ich war der erste Präsident dieser Organisation. Später trat mein Bruder Benito meine Nachfolge an, und er setzte sich weiterhin für das von uns erkämpfte Recht auf vergünstigte Fahrkosten ein. Über diese Erfahrung begann ich, mir meiner Berufung bewusst zu werden, nämlich der, sich in den Dienst meiner Mitmenschen zu stellen” (Wilfredo Saavedra).

Zwischen 1982 und 1983 übte er seine vorberufliche Praxis als Jurastudent am Obersten Gerichtshof von Cajamarca, Region Cajamarca, aus.

Zwischen 1982 und 1986 engagierte sich Wilfredo Saavedra in der internationalen Menschenrechtsorganisation Amnesty International und beteiligte sich an Solidaritätsaktionen für Menschen aus anderen Ländern, deren Rechte verletzt worden waren.

1983-1989

Im gleichen Zeitraum trat Wilfredo Saavedra dem Komitee zur Verteidigung der Menschenrechte in Cajamarca (CODEH-CAJ) bei, einem vom Bistum Cajamarca und seinem Vertreter, Mons. José Dammert Bellido, geschaffenen Gremium, dem auch viele Bürger und Bürgerinnen angehörten. Gemeinsam setzten sie sich für die Rechte der Landbevölkerung (campesinos) ein, die in das Fadenkreuz zwischen der Polizei und Armee auf der einen und den Aufständischen der Gruppe des Leuchtenden Pfades (Sendero Luminoso) auf der anderen Seite geraten waren. Die Landbevölkerung litt besonders unter der politischen Gewalt, war Angriffen der Guerrilleros, die ab 1982 in der Region Cajamarca operierten, aber auch der staatlichen Ordnungskräfte ausgesetzt; viele Menschen wurden unschuldig inhaftiert oder kamen ums Leben. Aus diesem Grund setzte sich Wilfredo Saavedra zwischen 1983 und 1989 zusammen mit dem Priester Miguel Garnet (Engländer und eingebürgerter Peruaner), anderen Priestern und Nonnen, Walter Vela, Jaime Aliaga, den Anwälten José Leonidas Castillo Román und Ramón Alvarado Aliaga, für die Rechte der betroffenen Bürger*innen in den Provinzen Cajabamba, San Marcos, Celendín, San Miguel, Bambamarca, Chota, San Miguel, Contumazá und San Pablo ein. Diese Bemühungen inspirierten die Gründung weiterer Komitees zur Verteidigung der Menschenrechte, – sehr zum Missfallen der staatlichen Ordnungskräfte, die schon zu diesem Zeitpunkt Wilfredo Saavedra und seine Mitstreiter als “Terroristen-Anwälte” diffamierten.

Zeitgleich betätigte sich Wilfredo Saavedra zwischen 1984 und 1987 als Anwalt in der Stadt San Marcos in der Region Cajamarca, wo er seine erste Anwaltskanzlei aufbaute.

Zwischen 1985 und 1987 war Wilfredo Saavedra Präsident der Front zur Verteidigung der Interessen von San Marcos (FEDIP-SM) in der gleichnamigen Provinz und trug mit seinem persönlichen und beruflichen Einsatz zur Gründung des Provinzverbandes der Kleinbäuerlichen Gemeinschaften (Rondas Campesinas) in der Provinz San Marcos bei; dieser Einsatz dauerte bis 1989. Er setzte sich für die Verteidigung der Bürgerrechte ein und prangerte öffentlich die Korruptionsakte des damaligen vorsitzenden Richters dieser Provinz an.

Zwischen 1987 und 1989 wurde Wilfredo Saavedra dann zum Pflichtverteidiger (für bedürftige Angeklagte) ernannt und dem Zweiten Strafvollzugsgericht des Obersten Gerichtshofs von Cajamarca zugewiesen. Gleichzeitig leistete er fast allen damals existierenden Gewerkschafts- und zivilen Organisationen kostenlosen Rechtsbeistand: den Gewerkschaften von Sedacaj und Pronaa, den Provinzverbänden der Rondas Campesinas (vier Organisationen), den Vertretern der Markt-, Einzel- und Großhandelsarbeiter und dem Verband der Straßenverkäufer.

Im September 1989 wurde er zum Präsidenten des Regionalkomitees zur Verteidigung der Menschenrechte in Cajamarca ernannt. Ende desselben Monats wurde Wilfredo Saavedra, nachdem er die Verteidigung einiger Gefangener übernahm, die des Terrorismus bezichtigt wurden – darunter Studenten der Universität von Cajamarca – vom Leiter der Peruanischen Untersuchungspolizei (PIP) in Cajamarca vorgeladen, um die Verhafteten in seiner Eigenschaft als Pflichtverteidiger zu beraten. Diese Vorladung entpuppte sich allerdings als “Falle”: Als Wilfredo Saavedra die Polizeiwache betrat, wurde er in dem Raum, in dem er sich mit den Gefangenen treffen sollte, von 10 Uhr morgens bis etwa 24 Uhr isoliert, ohne den Grund für seine Festnahme zu erfahren; dann wurde er gefoltert.

1989-1999

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war Wilfredo Saavedra bereits mit seiner Frau Irma Esther Chuquisapon Cerna verheiratet, mit der er zwei Kinder – Tania und Luis – hatte, die zu diesem Zeitpunkt erst ein Jahr und acht Monate bzw. zwei Monate alt waren.

In der Zeit der Isolation war Wilfredo Saavedra verschiedenen Formen der Folter ausgesetzt. Der zuständige Provinzstaatsanwalt wusste von den Geschehnissen, verweigerte Herrn Saavedra jedoch jeglichen Rechtsschutz, da er im Kontext der politischen Gewalt keine Befugnis hatte, den Weisungen der Nationalpolizei etwas entgegenzusetzen. Die sich über elf Tage fortziehenden Folterakte wurden mit dem Ziel verübt, Wilfredo Saavedra dazu zu zwingen, sich selbst als (vermeintliches) Mitglied der Revolutionären Bewegung Tupac Amaru (Movimiento Revolucionario Túpac Amaru – MRTA) zu beschuldigen; die Folter führte in seinem Fall jedoch nicht zum gewünschten „Erfolg“.

Nach fünfzehn Tagen der Isolation wurde Wilfredo Saavedra mit einem zweifach gebrochenen linken Unterarm als einem der sichtbaren Ergebnisse der Folter vom Polizeipräsidium in die Haftanstalt verlegt. Er reichte eine Klage gegen seine Folterer an, die er allesamt an ihrer Stimme identifizieren konnte, da er mit ihnen zuvor während seiner Tätigkeit als Pflichtverteidiger regelmäßig verkehrt hatte. Das damalige Dritte Instruktionsgericht eröffnete eine Untersuchung gegen drei Polizeibeamte wegen Körperverletzung und des Amtsmissbrauchs im Falle Wilfredo Saavedra. Diese Untersuchung mündete in einen Abschlussbericht und der Erhebung einer öffentlichen Anklage mit einem Antrag auf Freiheitsstrafen gegen die Angeklagten, da ihnen eine unmenschliche und erniedrigende Behandlung von Wilfredo Saavedra während seiner Isolationshaft nachgewiesen werden konnte. Allerdings wurde das Verfahren gegen die drei Polizeibeamten an die Militärgerichtsbarkeit verwiesen, wo die Akte „verschwand“.

Seit dem ersten Tag seiner Inhaftierung im Polizeipräsidium und während des gesamten Gerichtsverfahrens beteuerte Wilfredo Saavedra seine Unschuld, ohne dass er von denjenigen, die ihn inhaftierten und über ihn richteten, gehört werden konnte. Nur einer der Richter – Dr. Luis Ruiz Vigo – Mitglied des Ersten Strafgerichts des Obersten Gerichtshofs von Cajamarca, plädierte für seinen Freispruch, doch war er damit in der Minderheit gegenüber den drei weiteren Mitgliedern des Gerichtes, die ihn für schuldig befanden.

Die belastenden Beweise gegen ihn stützten sich auf die Aussagen der weiteren Gefangenen, die ebenfalls im Polizeipräsidium gefoltert wurden. Sie beschuldigten Wilfredo Saavedra, ein „Kollaborateur, Mitglied oder Mitarbeiter der MRTA“ gewesen zu sein und 1988 an einem Angriff auf den Gerichtshof in der Provinz San Marcos, Cajamarca, teilgenommen zu haben. Auch der damalige Untersuchungsrichter, Simón Damacén Mori, sagte gegen ihn aus. Eben dieser Richter war zuvor von Anwalt Saavedra wegen mehrerer Strafhandlungen öffentlich angeprangert worden, – und damit alles andere als unvoreingenommen.

In diesem gänzlich unrechtmäßigen Verfahren wurde Wilfredo Saavedra zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; die zuständigen Richter standen unter enormem Druck von Seiten der Polizei und des Militärs. Die Zeit seiner Inhaftierung (1989 – 1999) verbrachte er in verschiedenen Gefängnissen des Landes: Cajamarca; El Milagro – Trujillo; Castro Castro – Lima und schließlich Huacariz – Cajamarca. Nach etwa sechs Monaten der Gefangenschaft hatte er sich gesundheitlich erholt und begann damit, verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten nachzugehen, die im Gefängnis angeboten wurden. So zeichnete er sich etwa als herausragender Sattler aus, was ihm ermöglichte, aus der Haft heraus zum Auskommen seiner Familie beizutragen.

Das Gefängnisregime war zumindest in den ersten beiden Jahren eher von wenigen Einschränkungen geprägt, da Wilfredo Saavedra täglich oder alle zwei Tage Besuche von seiner Frau und seiner Tochter sowie anderer Verwandter, Freunde und Vertreter und sozialer Organisationen, die er als Anwalt unterstützt hatte, empfangen konnte. Anwalt Saavedra wurde von den Mithäftlingen zu einem ihrer Vertreter gewählt, er leistete in der Anstalt Rechtsberatung und beteiligte sich an Alphabetisierungsmaßnahmen. Er half dabei, eine Bibliothek in der Anstalt aufzubauen. Dank des Engagements von Einzelpersonen und der Bevölkerung von Cajamarca erhielten Insassen über zwei Jahre (1990 – 1992) auch medizinische Hilfe und Nahrungsmittelspenden.

Nach Alberto Kenya Fujimori Fujimoris Aufstieg zum Präsidenten und dem Selbstputsch am 5. April 1992 wurde Wilfredo Saavedra in das Gefängnis El Milagro in Trujillo in der Region La Libertad, verlegt, wo er ein Jahr lang untergebracht war. Dort war er zusammen mit anderen Häftlingen unmenschlichen Lebensbedingungen ausgesetzt: 23,5 Stunden Zellenarrest pro Tag; eine halbe Stunde auf dem Hof; eine einzige Mahlzeit, die alles andere als angemessen zubereitet wurde; Wasser, das ohne sanitäre Kontrolle gelagert wurde; ein einziger Besuch pro Monat; ständige und permanente psychosoziale Belästigung und demütigende Behandlung durch die Polizei, die die Stationen bewachte.

Ende 1993 wurde er gewaltsam in das Hochsicherheitsgefängnis Castro Castro, Lima, verlegt, um die Insassen, die dort zuvor von der Polizei ermordet worden waren, „in ihren Zellen zu ersetzen“. Die Bedingungen waren sehr schlecht. Er konnte weder schreiben noch lesen; es gab keine Kommunikation mit der Außenwelt; er durfte einmal pro Monat einen 30-minütigen Besuch bekommen, der jedoch ohne körperlichen Kontakt und durch einen Maschendraht getrennt ablief; es gab eine Mahlzeit pro Tag; mit fünfzehn oder dreißig Minuten Hofgang; keine Möglichkeit zu arbeiten; jede Äußerung über einen rechtlichen Anspruch wurde mit Androhung von Strafen wie körperlicher Misshandlung und unbegrenzter Zellisolation beantwortet; die Zelle von 2,80 Meter Länge und 1,80 Meter Breite war mit zwei Zementbetten bestückt und wurde von drei Häftlingen bewohnt.

Im Jahr 1994 wurde Wilfredo Saavedra in das Hochsicherheitsgefängnis von Huacariz in der Stadt Cajamarcaverlegt, wo er bis zum 29. September 1999, das heißt dem Ende seiner Haftzeit, verblieb. In diesem Gefängnis war die Einsperrung in Zellen nur für bestimmte Zeiten angeordnet, sodass Anwalt Saavedra von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends arbeiten konnte. In den letzten Jahren der Gefangenschaft erhielt er die Unterstützung der Gefängnisleitung, um eine Rechtsberatung zu Gunsten der Insassen zu organisieren. In Absprache mit der Nationalen Universität von Cajamarca wurde ein Rechtsbüro im Gefängnis eingerichtet, das täglich von Jurastudierenden in ihrem letzten Ausbildungsjahr besetzt wurde und in dem diese unter der Leitung von Wilfredo Saavedra Gefängnisinsassen berieten. Es wurden auch Werkstätten in den Bereichen der Schuhmacherei, Schneiderei, Sattlerei und der Spielzeugherstellung eingerichtet und Häftlinge erhielten die Möglichkeit, eine Lehre zu absolvieren; die Ausbildungsgänge im Gefängnis wurden vom Bildungsministerium formell anerkannt.

Von der Verurteilung bis zu seiner Haftentlassung – einem Zeitraum von zehn Jahren – hat Wilfredo Saavedra seinen Sohn Luis nicht einmal gesehen. Aus wirtschaftlicher Not konnte seine Frau nur die gemeinsame Tochter großziehen, während ihr Sohn in der Obhut des Großvaters, Flavio Saavedra, blieb.

2000-2009

Nach seiner Entlassung beschloss Wilfredo Saavedra, der Region, in der man ihm so viel Schaden zugefügt hatte, nicht den Rücken zu kehren. Im Gegenteil wollte er sich bewusst in die dortige Gesellschaft wieder eingliedern und gegen das Vorurteil des “Terroristenanwalts” angehen. Daher richtete er sein Rechtsanwaltsbüro in der Stadt Cajamarca ein, wofür er von all den – meist mittellosen – Menschen, die er vor seiner Haft anwaltlich beraten und vertreten hatte, und die ihn nicht vergessen hatten, viel Zuspruch, Dankbarkeit und menschliche Wärme erhielt. Er wurde auch als Professor an der Fakultät für Rechts- und Politikwissenschaften der Nationalen Universität von Cajamarca angestellt, wo er von 2000 bis 2004 tätig war. Zugleich übernahm er unter anderem die Funktion des Vize-Dekans der Anwaltskammer von Cajamarca, die in dieser Zeit von angesehenen Juristen wie den Anwälten Ramon Alvarado Aliaga (inzwischen verstorben), Carlos Alarcon Galvez, Jaime La Torre Arana, Absalon Alvarez Alvarado und Numan Roger Urteaga Miranda geleitet worden war. Mit den beiden letztgenannten nahm Wilfredo Saavedra von 2002 bis 2004 als Vertreter der Anwaltskammer von Cajamarca an einer der größten Volksbewegungen zur Verteidigung des Berges Quilish teil, dessen Quellen bis heute die Bevölkerung von Cajamarca mit Wasser versorgen und der Teil des großen Yanacocha-Bergbauprojektes werden sollte, dass in der Region Cajamarca vom internationalen Bergbauunternehmen Newmont betrieben wird.

Seine Beteiligung als Anwalt an dieser Bürgerbewegung wurde durch die Vertretung anderer Berufsverbände verstärkt. Im Jahr 2002 wurde die Vereinigung der Berufsverbände der Region Cajamarca (ACOPROCA) zusammen mit den Berufsgruppen der Ärzte, Ingenieure, Journalisten, Krankenschwestern, Geburtshelfer, Buchhalter, Soziologen, Tierärzte und Zahnärzte organisiert, um die Forderungen der Bauern und Bäuerinnen zu unterstützen, die in den vom Bergbau betroffenen Gebieten lebten und die Gefahren für ihr Leben, ihre Tiere und ihre Ernten, aber auch für das Ökosystem der Bergregion fürchteten. Es war unzweifelhaft, dass der Betrieb einer Mine in diesem Berg verheerende Folgen für die gesamte Bevölkerung der Region haben würde, und die sehr vehementen Mobilisierungen haben dazu geführt, dass am Berg Quilish bis heute kein Bergbau betrieben werden darf.

Zwischen 2004 und 2010 führte Wilfredo Saavedra seine Arbeit als Anwalt fort und setzte sich insbesondere für die Menschen ein, die sich im ländlichen Raum zu rondas campesinas zusammengeschlossen hatten, aber ebenso Gruppen im städtischen Bereich von Cajamarca und auf Provinzebene. Er führte Schulungen durch und übernahm die rechtliche Vertretung der Gemeinschaften und Individuen, die von den zunehmenden Bergbauaktivitäten in der Region betroffenen waren. Zu erwähnen ist an dieser Stelle auch sein Einsatz zugunsten der Durchsetzung von Bürgerrechte gemeinsam mit dem Bezirkskomitee der städtischen Gruppen (rondas urbanas) von Cajamarca, damals vertreten durch seinen Präsidenten, Herrn Ernesto Terrones Saucedo, sowie seine Beiträge zur Stärkung der Nachbarschaftskomiteesvon Cajamarca (24 Organisationen), die bis 2017 unter der Leitung von Herrn Gabriel Gonzales Delgado standen.

Gleichzeitig engagierte sich Wilfredo Saavedra bei Solidaritätsaktionen mit dem kubanischen Volk. In den Provinzen San Marcos, Celendín, Chota, Cajabamba, Bambamarca, Cajamarca und Contumazá wurden „peruanisch-kubanische Häuser der Freundschaft“ organisiert, um Bewusstsein für die Konsequenzen des Finanz-, Wirtschafts- und Handelsembargos für das kubanische Volk zu schaffen, sich für die Verteidigung der Rechte von fünf kubanischen Bürgern einzusetzen, die in den Vereinigten Staaten von Amerika inhaftiert waren (und später ihre Freiheit erlangten), und um über das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker zu diskutieren, das im internationalen Völkerrecht verankert ist. Herr Saavedra nahm zwischen 2004 bis 2010 an diesen Solidaritätsaktionen teil, die einen Höhepunkt in der Veranstaltung des VII. Nationalen Treffens der peruanisch-kubanischen Freundschaftshäuser in Cajamarca (2007) mit ca. 850 Delegierten, die 150 verschiedene Häuser aus ganz Peru repräsentierten, fand.

2009-2019

Die aufgrund der Ausweitung des Bergbaus eskalierenden sozialen Konflikte in der Region Cajamarca veranlassten Wilfredo Saavedra und andere dazu, sich intensiver der Herausforderung des Bergbaus zu stellen, und sich insbesondere mit dem US-Bergbauunternehmen Newmont als Mehrheitsaktionär der Yanacocha-Mine zu befassen. Ende 2009 wurde Wilfredo Saavedra zum Präsidenten der Front zur Verteidigung der Umwelt von Cajamarca (FDAC-CAJ) gewählt und setzte die Arbeit seiner Vorgänger fort, die darin bestand, die Verteidigung der Rechte der Zivilbevölkerung und der Umwelt zu forcieren und die Bergbauentwicklungen in Cajamarca kritisch zu überwachen. In der FDAC-CAJ hatten sich damals unter anderem Vertreter*innen von Organisationen von Studierenden, Lehrer_innen, Stadtbewohner_innen, Facharbeiter_innen, Händler_innen, Marktarbeiter_innen, Straßenverkäufer_innen, Beamten, Hausfrauen, verschiedener Kirchen und Landbewohner_innen zusammengeschlossen.

Bis 2009 waren bereits 18 Todesfälle infolge von Bergbaukonflikten in den verschiedenen Provinzen von Cajamarca registriert worden. Die Arbeit der FDAC-CAJ wurde durch eine gezielte Medienkampagne und über diverse politische und soziale Kanäle durch die Yanacocha Mining Company behindert, die versuchte, die Umweltaktivist_innen als „Kämpfer gegen Fortschritt und Entwicklung”, „Gewalttäter“, „Terroristen” und weitere despektierliche Bezeichnungen zu brandmarken und sie vor der Bevölkerung Cajamarcas zu diskreditieren bzw. zu isolieren. Die Aktivitäten der FDAC-CAJ wurden (und werden nach wie vor) jedoch von der Landbevölkerung und städtischen Sektoren von Cajamarca anerkannt. Dies spiegelt sich in etwa darin wider, dass alle Organisationen, die der Front angehören, ihr Vertrauen in Wilfredo Saavedra regelmäßig bekräftigten.

Wilfredo Saavedra und seine Mitstreiter_innen gründeten ihren Aktivismus auf der Annahme, dass die Ausweitung der Yanacocha-Mine auf das Conga-Kupferabbau-Projekt das wichtigste Ökosystem von Jalca, das sich in der Einflusszone des Projekts (zwischen 3.400 und 4.300 Meter über dem Meeresspiegel) befindet, ernsthaft gefährden und die Provinzen Celendín, Bambamarca und Cajamarca direkt und unwiderruflich schädigen würde. Daher schlossen sich die Vertretungen der Fronten zur Verteidigung der Umwelt aus diesen drei Provinzen zusammen und erhielten Unterstützung aus den Verbänden der benachbarten Provinzen San Marcos, San Pablo, Chota und sowie aus den Ronda Campesina-Verbänden der Provinzen Cajabamba, San Miguel, Santa Cruz, San Ignacio, Cutervo, Contumazá und Jaén. Im Bewusstsein, dass mit dieser Erweiterung des Bergbaus nicht nur das Leben der Menschen, sondern aller Lebewesen, die die biologische Vielfalt des Jalca-Systems ausmachten, ernsthaft gefährdet war, entschied man sich, die Interessen der betroffenen Bevölkerung vor der Nationalregierung zu vertreten. Es wurde eine Reihe von Aktionen durchgeführt, an denen Behördenvertreter_innen teilnahmen, einschließlich öffentlicher Anhörungen mit Vertretern_innen des Präsidialamtes (Abteilung für Konfliktverhütung) und des peruanischen Kongresses (Kommission der Anden-, Amazonasvölker sowie für Umwelt) in den Monaten September und Oktober 2011, im Auditorium der Provinzgemeinde Cajamarca. Im November 2011 kam es schließlich zu einem Treffen mit den Ministern für Umwelt, Landwirtschaft und Energie und Bergbau, mit denen eine Begehung der Lagunen durchgeführt wurde, die für das Conga-Projekt in Abraumhalden umfunktioniert werden würden.

Nachdem sich die Minister für die Durchführbarkeit des Bergbauprojekts aussprachen (mit Ausnahme von Umweltminister Ricardo Giesecke), organisierten die Fronten zur Verteidigung der Umwelt und die von diesen vertretene Bevölkerung den zivilen Widerstand gegen die Inbetriebnahme des Conga-Projekts, wobei das traditionell in den kollektiven Selbstverwaltungsstrukturen der Landbevölkerung praktizierte Prinzip „Führen durch Gehorsam“ zum Einsatz kam, das darin bestand, dass die in den Volksversammlungen verabschiedeten und angenommenen Beschlüsse von den Führern dieses Prozesses eins zu eins umgesetzt werden mussten, um so die Verselbständigung oder Korrumpierung einzelner gewählter Vertreter*innen der Bewegung sowie die Deformation der Bewegung zu vermeiden.

Im Zuge dieses Widerstandsprozesses organisierten die Verteidigungsfronten den Ersten Nationalen Wassermarsch (2.-10. Februar 2012), der mit einem Treffen von Demonstranten aus verschiedenen Regionen Perus in der Stadt Lima endete. Aufgrund der Anzahl der Demonstranten und der Vorschläge bezüglich des Respekts der Mutter Erde, der Verteidigung des Lebens, der Bürgerrechte und der Forderung, diese Welt zu einer Welt zu machen, die das Leben von Menschen ermöglicht, zog der Marsch die Aufmerksamkeit der internationalen Medien auf sich. Die Bewegung forderte den Erlass von vier neuen Gesetzesvorhaben: einem Gesetz, das Wasser zu einem Menschenrecht erklärt, zwei Gesetzen, die jeweils die Verwendung von Zyanid und Quecksilber bei der Gewinnung von Rohstoffen untersagen, sowie ein Gesetz zum Schutz von Quellgebieten. (Diese Forderungen wurden 2015 mit dem Zweiten Nationalen Wassermarsch anlässlich des G20-Weltgipfels zum Klimawandel in Lima erneut aufgestellt.)

Infolge des Ersten Nationalen Wassermarsches trafen sich am 29. und 30. März 2012 18 Vertreter von Verteidigungsfronten und geleichgesinnten Umweltschutzorganisationen aus den Regionen Tacna, Moquegua, Arequipa, Cusco, Puno, Huancavelica, Ayacucho, Junin, Lambayeque, La Libertad, Huaraz, Iquitos, San Martin, Amazonas, Piura, Lima, sowie den Provinzen Lima und Ica, in der Stadt Cajamarca und gründeten die Nationalversammlung der Völker Perus und des Tawantinsuyu (ANPPT). Diese Organisation entstand aus der Notwendigkeit heraus, eine Plattform zu schaffen, die die diversen Anstrengungen zur Durchsetzung der Umwelt- und der Menschenrechte aus verschiedenen Gebieten Perus zusammenführt. Die Organisation verfolgt keine parteipolitischen Ziele. In ihrer Satzung ist festgelegt, dass ihr Zweck in der Entwicklung von Aktionen zur Koordinierung, Überwachung, Verteidigung und Widerstand gegen die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen besteht. In Cajamarca wurde Wilfredo Saavedra zum nationalen Vertreter dieser Organisation gewählt, eine Funktion, die er bis heute (2020) ausübt.

Im Gegensatz zu anderen Umweltbewegungen in Peru forderten die Beteiligten am Widerstand in Cajamarca die angemessene, nachhaltige Nutzung des Potenzials der natürlichen Ressourcen ein. Wilfredo Saavedra äußerte sich dazu folgendermaßen: „Mit den täglichen Akten des Widerstands und den Protesten artikulierten wir nicht nur, dass wir den Tagebau, der auf die Verwendung von Quecksilber und Zyanid setzt, ablehnen, dass die internationalen Umweltstandards eingehalten werden und die Rechte der betroffenen Gemeinschaften respektiert werden müssten. Wir haben darüber hinaus auch deutlich gemacht, dass wir von extraktiven Wirtschaftsformen wegkommen müssten und stattdessen die Potenziale in der Landwirtschaft und Viehzucht in der Region stärken und in lokale Wertschöpfungsprozesse investieren sowie die Landschaftsräume für die Entwicklung von nachhaltigem Tourismus nutzen könnten. Doch die verantwortlichen Politiker haben diese Ideen ignoriert. Die Mobilisierungen wurden von der Nationalpolizei und der Armee unter Einsatz von Gewalt unterdrückt; unter Missachtung der fundamentalen Menschenrechte wurden zwei Ausnahmezustände verhängt. Fünf Menschen kamen ums Leben (3. und 4. Juli 2012, vier Demonstranten in der Stadt Celendín, ein Demonstrant in Bambamarca) und etwa 200 Menschen wurden verletzt.

Im Zuge des Widerstandsprozesses zwischen Ende November 2011 und Oktober 2012 sahen sich über 300 Bürger_innen – darunter Wilfredo Saavedra – mit Ermittlungsverfahren und später mit Anklagen vor den Strafgerichten in Cajamarca sowie in den Provinzen Bambamarca, Celendín und Lambayeque konfrontiert. Die meisten dieser Anklagen sind als Ausdruck der Kriminalisierung der freien Meinungsäußerung und des sozialen Protests zu verstehen mit der Intention, eine abschreckende Wirkung auf Bürger_innen zu erzielen und weitere Beteiligung an Protesten zugunsten des Umweltschutzes und des Widerstands gegen Bergbauprojekte zu unterbinden. Allein gegen Wilfredo Saavedra wurde in 68 Fällen ermittelt (z.B. wegen angeblicher Behinderung von Beamten an der Ausübung ihrer Aufgaben). Die große Mehrzahl der Ermittlungsverfahren wurde eingestellt; in einem Verfahren wurde er wegen der Beeinträchtigung der öffentlichen Verkehrsmittel zu vier Jahren Haft auf Bewährung verurteilt (diese Strafe war im September 2017 abgegolten) sowie zur Zahlung einer Entschädigung von 10.000,00 Soles. Eine weitere, noch anhängige Untersuchung bezieht sich auf die vermeintliche Entführung eines Mitarbeiters des Bergbauunternehmens Newmont, sowie wegen unrechtmäßiger Aneignung von Funktionen, Sachschäden, Verletzungen und Diebstahls. Dieser Fall wird vor der Gerichtsbarkeit von Bambamarca verhandelt. Der Straftatbestand der Entführung wird mit bis zu 30 Jahren Gefängnis bestraft.

Infolge anhaltender ziviler Proteste und Initiativen der Fronten zur Verteidigung der Umwelt wurde das Conga-Projekt 2016 eingestellt und seitdem nicht wieder aufgenommen. Explorationen finden nicht statt. Das Unternehmen kümmert sich seither lediglich um die Bewachung die Instandhaltung der Zufahrtswege. Die ortsansässigen Kleinbauern und Kleinbäuerinnen sind wachsam und beobachten die Situation weiter.

Anfang 2019 hat Wilfredo Saavedra zusammen mit vier weiteren Mitstreitern einen Anwaltspool gebildet, bei dem sich jeder von ihnen dazu verpflichtet hat, mit seinem Wissen und seinen professionellen Dienstleistungen dazu beizutragen, Einzelpersonen und sozialen Organisationen in städtischen und ländlichen Gebieten der Cajamarca-Region Rechtsberatung und -vertretung bei Verletzungen von Menschen- und Umweltrechten zukommen zu lassen sowie Schulungen über die Rechte und Pflichten der Bürger sowie zum Umweltschutz durchzuführen.

Rechtsberatung und Verteidigung von Bürger_innen, Gemeinden und zivilen Organisationen

Seinen Aufzeichnungen zufolge hat Rechtsanwalt Wilfredo Saavedra seit dem Jahr 2000 über 2.300 Bauern und Bäuerinnen sowie Umweltaktivisten in der Region Cajamarca, die von Bergbaufirmen und/oder von staatlichen Institutionen misshandelt, angegriffen oder angeklagt wurden, unentgeltlich beraten und verteidigt.

Darunter:

– 130 Bauern, Bäuerinnen und Studierende, die wegen der Proteste zum Schutze des Quilish-Berges in Cajamarca verhaftet wurden (Jahr 2004).

– 204 Bauern und Bäuerinnen, die Mitglieder der Wassernutzungskomitees von San Martin und Tupac Amaru sind und zwischen dem Berg Quilish und der Stadt Cajamarca leben, aufgrund der Verunreinigung ihrer Gewässer durch die Yanacocha-Mine. Diese Bauern wurden später “überzeugt”, ihre Klage gegen entsprechende Geldsummen fallenzulassen (2005).

– Vertretung von vier Bauern und Lehrern aus der Provinz San Marcos, die von der Firma Misky Mayo angeklagt wurden, weil sie zivilen Widerstand gegen die Explorationen – und damit die Zerstörung – des Berges Mogol geleistet hatten (Jahr 2008).

– Die Kleinbauerngemeinde Cumbico (500 Einwohner_innen), Distrikt Magdalena, Provinz Cajamarca, die sich dagegen gestemmt hat, dass etwa 75 Hektar ihres Gemeindelandes abgetrennt und einer Einzelperson zugesprochen würden, die wiederum beabsichtigte, dises Land an die Bergbaufirma Yanacocha weiterzuverkaufen (von 2003 bis 2015).

– Die Kleinbauerngemeinde von San Andrés de Negritos (1.200 Bauern und Bäuerinnen, Distrikt La Encañada, Provinz Cajamarca), gelegen im Alto Perú-Gebiet, das mit seinen 284 Seen als äußerst gefährdet eingestuft wurde und im Prozess ist, dauerhaft unter Schutz gestellt zu werden. In einem zwölf Jahre währenden Prozess (2006-2018) konnte nachgewiesen werden, dass sich Privatpersonen, die nicht der Gemeinde angehörten, mit falschen Grundstückstiteln ein Gebiet von 1.030 Hektar einverleiben wollten.

– Fünf Bauern aus dem Gebiet von Santa Rosa in der Nähe des Marañon-Flusses aus den Provinzen San Marcos und Cajabamba, die zivilen Widerstand gegen die Staudammprojekte Rio Grande I und Rio Grande II durch die Firma Odebrecht leisteten.

– Beratung von vier ehemaligen Arbeitern der Yanacocha-Bergbaufirma, die sich bei ihrer Arbeit schwere Vergiftungen durch Schwermetalle zugezogen haben.

– Beratung der Gemeinden im La Shacsha-Gebiet, Distrikt Baños del Inca, in dem eine Erweiterung des Carachugo-Bergbauprojekts der Yanacocha-Firma durchgeführt wurde, mit der Folge, dass über 30 Quellen oder Wassersammelstellen für die dort lebende Bevölkerung zerstört wurden; zugleich Verteidigung der Rechtmäßigkeit der Verordnung Nr. 051-2006-MDBI, die von der Distriktbehörde von Baños del Inca erlassen wurde und die die Unverletzlichkeit dieses Gebietes erklärte (Jahre 2012 bis 2014).

– Beratung der Einwohner der Provinz São Paulo und ihrer Front zur Verteidigung der Umwelt in ihrem Widerstand gegen das Vorhaben von Yanacocha, das Gebiet Pozo Seco für Bergbauzwecke zu nutzen (Jahre 2012 bis 2013).

– Verteidigung von 14 Bürger_innen aus der Provinz Celendín und dem Distrikt Cortegana, die von der Firma Odebrecht und dem Innenministerium wegen ihrer Proteste gegen das Staudammprojekt Chadin II am Marañon-Fluss angeklagt wurden (Jahre 2017 bis 2018).

– Verteidigung der Mitglieder der Wasserkomitees in der Peripherie der Stadt Cajamarca (350 Bauern und Bäuerinnen) wegen des Versiegens ihrer Wasserquellen infolge der Ausbeutung der Maqui-Maqui-Mine (von 2004 bis heute).

– Beratung der Vorsitzenden der Front zur Verteidigung der Umwelt von Cañete und der Bauerngemeinschaft Mala, Provinz Cañete, Lima, in Bezug auf die Auswirkungen eines Bergbauprojekts auf ihr Gemeindeland (Jahr 2015).

– Beratung der Vorsitzenden der Fronten zur Verteidigung der Umwelt in Puno, Tacna, Moquegua, Arequipa, Ayacucho, Huancavelica, Cusco, La Libertad, Lambayeque, der Provinzen Lima und dem Großraum Lima, in Wilfredo Saavedras Funktion als Vertreter der Nationalversammlung der Völker Perus und des Tawantinsuyu (ANPPT), in Bezug auf die Bergbauprojekte in ihren jeweiligen Gebieten und des Schutzes der Ökosysteme und Wassereinzugsgebiete (von 2012 bis heute).

– Rechtliche Vertretung des Vorsitzenden der Nachbarschaftsinitiative von La Florida in der Stadt Cajamarca, José Rojas Carrera, der im Zuge des Widerstands gegen das Conga-Projekt angeklagt war (Jahre 2014 bis 2018).

– Beratung der Vorsitzenden der Front zur Verteidigung der Umwelt der Provinz Cajabamba bei der Verteidigung des Landes und der Rechte der Gemeinden gegen das Shulliden Shauindo-Bergbauprojekt (2018 bis heute). Die vor dem Obersten Gericht von Cajamarca angeklagten Personen wurden freigesprochen. Gegenwärtig unterstützt Wilfredo Saavedra weiterhin die Bildung der neuen Front zur Verteidigung des Cajamarcquino-Flussbeckens, die sich aus den Einzugsgebieten und Verbänden Cajabamba, San Marcos und Cajamarca zusammensetzt.

– Beratung von Führern und Mitgliedern der Rondas Campesinas im Bezirk José Sabogal, Provinz San Marcos, Cajamarca, hinsichtlich ihres Rechts auf Ausübung ihrer traditionellen Rechtsverfahren, das im ILO Abkommen 169 zu Indigenen und in Stämmen lebenden Völkern verbürgt ist.

– Beratung des Vorstandes der peruanischen Lehrer_innengewerkschaft SUTEP und ihrer Mitglieder in den Provinzen Cajamarca und San Marcos über die Rolle, die Lehrer_innen in ihren Arbeitsbereichen angesichts der Einflussnahme von Bergbauunternehmen spielen sollten, sowie zum Thema des Schutzes von kommunalen Gebieten.

– Beratung der Vertreter der Front zur Verteidigung der Umwelt und weiterer Aktivisten aus der Provinz Cajamarca im Bereich der Umweltrechte.

Um Wilfredo Saavedras Durchhaltevermögen, und auch die Risiken, die er täglich eingeht, vollständig zu erfassen, muss man berücksichtigen, dass Cajamarca trotz der etwa zwanzigjährigen Bergbauaktivitäten in der Region nach wie vor zu den ärmsten des Landes gehört. Die Beschäftigungsmöglichkeiten sind sehr begrenzt, und die Reduzierung des Ackerlandes, die Abholzung der Wälder, die Wasserverschmutzung und die Knappheit von sauberem Trinkwasser sind für die Menschen dieser Region, in der sich die zweitgrößte und profitabelste Goldmine der Welt befindet, die Yanacocha-Mine, tägliche Realität. Aufgrund seines Widerstands und seines Engagements sieht Wilfredo Saavedra sich kontinuierlich mit Morddrohungen konfrontiert.

 

Autoren: Dr. Anna Barrera Vivero (GLS Zukunftsstiftung Entwicklung, Bochum), in enger Zusammenarbeit und ausdrücklicher Einwilligung des Anwalts Wilfredo Saavedra (Cajamarca, Peru)

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