Die Betrachtung der Menschen, die Widerstand leisteten und leisten, schafft Handlungsfähigkeit

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14.08.2021

„Die Betrachtung der Menschen, die Widerstand leisteten und leisten, schafft Handlungsfähigkeit“

Reden  unserer Kooperationspartner_innen am Gymnasium Eickel zur symbolischen Grundsteinlegung des Fritz Bauer Forum

OStD‘ Antje Fehrholz
Schulleiterin Gymnasium Eickel

 

Schulleiterin Antje Fehrholz und Lehrern Yvonne Knop

Sehr geehrte Anwesende,

ich freue mich heute hier sein zu können, um kurz darzustellen, warum sich eine Herner Schule für die Interaktive Fritz Bauer Bibliothek engagiert und die Einrichtung dieses Forums hier in Bochum sehr begrüßt.

Zu Beginn möchte ich skizzieren, wie das Gymnasium Eickel in Herne zur Pilotschule für die Bibliothek wurde. Im Anschluss werde ich den Bildungsauftrag von Schule in den Blick nehmen und zum Schluss einen Ausblick aufunsere Arbeit geben.

Bereits vor einigen Jahren habe ich während einer Projektwoche zum Thema „Demokratie“ mit einer Schüler_innengruppe aus den Jahrgängen 6 bis 9 für die Bibliothek gearbeitet und konnte hier feststellen, dass die jungen Leute ernsthaft, engagiert und kreativ an das Erzählen von Geschichten von Menschen, die in irgendeiner Form Widerstand geleistet haben, herangegangen sind.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die beeindruckenden Produkte zu Steven Biko, Rosa Parks und William L. Moore.

Auch die kontinuierliche Teilnahme des Gymnasiums Eickel am Briefmarathon von Amnesty International legt den Fokus immer wieder auf Menschen, die für die Menschenrechte eintreten und aus diesem Grunde inhaftiert, verfolgt werden oder um ihr Leben fürchten müssen.

Aus meiner Sicht gehen die Verteidigung der Menschenrechte, Toleranz und das Bewahren unserer DemokratieHand in Hand.

Und all denen, die mit offenen Augen in unserer Gesellschaft leben, muss ich nicht sagen, dass der Schutz der damit verbundenen Werte und Errungenschaften nötiger ist, denn je.

Zudem sehe ich es als Schulleiterin im Rahmen des Bildungsauftrags und in Verantwortung für die Gesellschaft als verpflichtend an, unsere Schülerinnen und Schüler auf diese hohen Güter aufmerksam zu machen und sie für deren Verletzlichkeit zu sensibilisieren, wobei es hier notwendig ist, auf die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft zu blicken.

Die Erfüllung dieses Bildungsauftrags wird vor allem erreicht durch außerunterrichtliche Projekte, zum Beispiel durch unsere jährliche Teilnahme am Dr. Otto Ruer-Preis, durch unsere Arbeit als „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ und leider nur sehr spärlich, das muss ich an dieser Stelle sagen, durch das Curriculum einzelner Fächer.

Aber aus meiner Sicht wird dieser Bildungsauftrag besonders nachhaltig durch die Arbeit für die Fritz BauerBibliothek erfüllt.

Denn in einem der vielen Gespräche mit Frau Dr. Wojak hat mich eine Aussage besonders motiviert, Schülerinnen und Schüler für diese Bibliothek zu begeistern:

Die Initiatorin des Fritz Bauer Forums, Dr. Irmtrud Wojak, neben einem Rollup der Fritz Bauer Bibliothek

Sie sagte, es ginge nicht darum, das Opfer in den Vordergrund zu stellen, wie es auch der Geschichtsunterricht nur zu gerne tut, sondern den Blick auf diejenigen zu richten, die eben nicht Opfer sein wollten beziehungsweise wollen, sondern ihre Kraft dafür nutzen, auf Missstände aufmerksam zu machen und ihre Rechte zu verteidigen.

Wie ich schon sagte, leistet der reine Schulunterricht hier nur sehr wenig, was auch in Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern immer wieder kritisiert wird.

Im Unterricht liegt der Schwerpunkt nämlich auf dem Erwerb der unterschiedlichsten Kompetenzen; lediglich die Fächer Deutsch, Sozialwissenschaften, Geschichte, Religion und Philosophie widmen sich inhaltlich explizit auch der Werteerziehung.

Wenn also Schule auch den Auftrag hat, kritische, selbstbewusste, tolerante, engagierte und nicht zuletzt mutigeMenschen, die ihre Meinung vertreten, nach der Schulzeit in die Gesellschaft zu entlassen, und der reine Unterricht dafür nicht ausreichend bietet, wie ist dies dann zu schaffen?

Wie erreichen wir Lehrerinnen und Lehrer es also, dass diese jungen Menschen, die uns über mehrere Jahre anvertraut werden, die demokratische Gesellschaft, in der die Menschenrechte tatsächlich verankert sind, bewahren und verteidigen?

Wie schaffen wir es, dass diese jungen Menschen Bedrohungen erkennen, Missstände anprangern und fundiert und mit Überzeugung diskutieren?

Die Antwort ist einfach: Indem wir mit ihnen über Situationen sprechen, in denen unsere Demokratie in Gefahr ist, in denen unsere Rechte eingeschränkt werden, in denen Menschen auf Widerstand stoßen, weil sie für ihre Rechte eintreten, in denen Menschen diskriminiert werden.

Wir schaffen dies, indem wir mit unseren Schülerinnen und Schülern Vorbilder suchen, die zeigten und zeigen,dass es sich lohnt, für andere – für die Menschenrechte einzutreten, indem wir über diese Menschen und ihren Mut sprechen, indem wir deren Handeln als wertvoll anerkennen.

Wir erzählen ihre Geschichten und tragen sie weiter, damit man sie nicht vergisst.

So geben wir diesen Menschen eine Stimme – gegen Unterdrückung und Diskriminierung.

Die Betrachtung der Opfer schafft Mitleid und Bedauern.

Die Betrachtung der Menschen, die Widerstand leisteten und leisten, schafft Handlungsfähigkeit.

Sie ist ein Weckruf, sie ist eine Motivation, sie dient als Vorbild und schafft Beispiele, unsere Menschenrechte und die Demokratie, in der wir leben, zu verteidigen.

Schule schafft so ein Lernen durch Erzählen und Zuhören und nicht zuletzt bietet die Beschäftigung mit Menschen, deren Geschichte des Widerstands weitergetragen wird, eine Möglichkeit zur Erziehung zu Zivilcourage.

Der Wunsch des Gymnasiums Eickel ist es, die Fritz Bauer Bibliothek, die nun auch einen realen Standort hat, zu einer riesigen Datenbank anwachsen zu lassen und andere Schulen zur Mitarbeit zu motivieren.

Wir möchten auf diesem Wege viele Menschen dazu ermuntern, sich am Kampf um des Menschen Rechte zubeteiligen, so wie Fritz Bauer es gewollt hätte.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und gebe nun gerne weiter an unsere Schülerinnen und Schüler beziehungsweise an meine Kollegin Frau Knop, die die AG Menschenrechte leitet.

 

“Die Fritz Bauer Bibliothek bietet eine einmalige Chance für Schulen, sich vertiefend mit dem Thema Menschenrechte auseinanderzusetzen”

Yvonne Knop
Lehrerin am Gymnasium Eickel

 

Yvonne Knop, Lehrerin am Gymnasium Eickel

Sehr geehrte Anwesende,

auch ich freue mich heute hier zu sein und im Namen aller Schülerinnen und Schüler, welche an der AG Menschenrechte teilgenommen haben, sprechen zu dürfen.

Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Frau Dr. Wojak, ohne die unsere AG niemals hätte stattfinden können und auch Frau Theiß, die das Projekt gemeinsam mit Frau Fehrholz an die Schule holte und uns auf dem Weg zu diesem Abend tatkräftig unterstützte. Genauso möchte ich auch meiner Kollegin Lisa Stremmer danken, welche die AG mit mir im vergangenen Schuljahr leitete.

Seit Herbst 2020 werteten sieben Schülerinnen und Schüler der Jahrgangstufe 8 und der EF im Rahmen der AG-Menschenrechte diverse Quellen aus, recherchierten fleißig Artikel und wählten passendes Bildmaterial aus. Ziel war es, sich intensiv mit den Biografien sieben besonderer Menschen, die allesamt der Kampf für die Menschenrechte eint, auseinanderzusetzen und Steckbriefe dieser Personen für die interaktive Fritz Bauer Bibliothek zu erstellen. Entstanden sind sieben Artikel für die interaktive Fritz Bauer Bibliothek, einer einmaligen Datenbank für Menschenrechtskämpfer und -Kämpferinnen, welche im Juni auf der Webseite der Fritz Bauer Bibliothek veröffentlicht wurden.

Manju Weis untersuchte dabei die Geschichte von Oskar Schindler, welcher während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit seiner Frau Emilie etwa 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten bewahrte.

Chiara Pohl wählte die Geschichte von Adolfo Kaminsky, welcher – ebenfalls während des Zweiten Weltkrieges – zahlreiche Jüdinnen und Juden vor der Verfolgung und Deportation rettete, indem er gefälschte Ausweise für sie anfertigte.

Raphael Braune setzte sich mit der Biografie von Joshua Wong auseinander. Dieser erlangte internationale Aufmerksamkeit als einer der Wortführer der Proteste in Hongkong.

Die Biografie des US-amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden wurde von Aaron Maurer beleuchtet, während Jan Kotlowski sich insbesondere mit dem Leben von Harriet Tubman, die als Begründerin der Underground Railroad tausende Sklaven in den USA in ihre Freiheit führte, befasste.

Mit einer weiteren US-Amerikanerin setzte sich Jasmin Merten auseinander. Sie wählte die Biografie von Marsha P. Johnson, einer bedeutenden Aktivistin der LGBT-Bewegung, deren Todesfall bis heute als ungeklärt gilt – genau wie der von Fritz Bauer.

Jordan Döring untersuchte die Lebensgeschichte von Martin Luther King, dem weltberühmten Bürgerrechtler und Kämpfer für die Rechte von Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern. So verschieden diese Biografien nun auch sein mögen: Sie alle verbindet der unermüdliche Kampf für die Menschenrechte sowie die Hoffnung auf eine vereinte, friedliche Welt.

An die 100 Besucher_innen kamen und sahen erstmals das 5000 qm Grundstück und im Zentrum die Fritz Bauer Bibliothek

Besonders beschäftigte die Schülerinnen und Schüler die Frage, was die Personen, über deren Geschichte sie so lange und tiefgründig nachgeforscht haben, eigentlich zu ihrem mutigen Handeln befähigt hat. Woher kommt ihr Mut, sich für bestimmte Rechte einzusetzen? Sind diese Menschen Helden? Und was können wir für die Menschenrechte tun?

Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Biografien, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler auseinandergesetzt haben. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die AG-Menschenrechte mit den Einträgen in die Datenbank der Fritz Bauer Bibliothek einen wichtigen Schritt für die Wahrung der Menschenrechte und somit für eine demokratische Zukunft getan hat.

Darüber hinaus ist zu betonen, was Frau Fehrholz bereits gesagt hat: die AG und die Fritz Bauer Bibliothek boten und bieten eine einmalige Chance für Schulen, sich vertiefend mit dem Thema der Menschenrechte auseinanderzusetzen und somit den Schülerinnen und Schülern eine Werte- und Demokratieerziehung zu ermöglichen, die weit über das vorgegebene Curriculum hinaus geht. Dies ist im Angesicht aktueller weltweiter politischer Entwicklungen wichtiger denn je und es ist unsere Aufgabe Schülerinnen und Schüler aufzuklären und sie zum eigenständigen, kritischen Denken zu befähigen. Demnach wird der Grundstein heute nicht nur wortwörtlich gelegt, sondern auch im weiteren Sinne und ich hoffe, dass noch viele weitere Schulen durch die Fritz Bauer Bibliothek bereichert werden mögen.

Vielen Dank und viel Erfolg für den Weg der Fritz Bauer Bibliothek.

 

 

Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de

Zitat: Antje Fehrholz, “Die Betrachtung der Menschen, die Widerstand leisteten und leisten, schafft Handlungsfähigkeit”, in: Fritz Bauer Blog, 15. August 2021, URL: https://www.fritz-bauer-forum.de/die-betrachtung-der-menschen-die-widerstand-leisteten-und-leisten-schafft-handlungsfaehigkeit/

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