10.02.2018

Ein (über-)fälliger Perspektivenwechsel!
Widerspenstig, eigensinnig, unbequem. Die unbekannte Geschichte behinderter Menschen

Udo Sierck Beltz Juventa 2017, 174 Seiten 16,95 €

In seinem neuesten Buch wendet sich Udo Sierck kritisch gegen die tradierte Geschichtsschreibung und unternimmt den Versuch, den historisch gefestigten Blick auf die Geschichte behinderter Menschen zu erschüttern. Hierfür nimmt er einen Perspektivenwechsel vor und richtet seinen Fokus insbesondere auf die positiven Eigenschaften und Fertigkeiten von behinderten Menschen, die häufig im Dunkeln bleiben. Im Gegensatz zur „Geschichtsschreibung der Opfer“ (S. 10) zeichnet er das Leben von zwanzig behinderten Menschen nach, die keineswegs passive Objekte, sondern aktive Subjekte waren, die widerspenstig, eigensinnig und unbequem handelten.

Zum Autor des Buches

Udo Sierck hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Bücher zum Thema „Behinderung“ veröffentlicht. Exemplarisch genannt werden kann: Budenzauber Inklusion (2013), NORMalisierung von rechts: Biopolitik ›Neue Rechte‹ (1995), Das Risiko, nichtbehinderte Eltern zu bekommen. Kritik aus der Sicht eines Behinderten (1989) und – zusammen mit Nati Radtke – Die WohlTÄTER-Mafia. Vom Erbgesundheitsgericht zur Humangenetischen Beratung (1984). Zudem ist er Dozent an der Evangelischen Hochschule Darmstadt und ein Mitinitiator der „Krüppelbewegung“, die für die Emanzipation behinderter Menschen kämpfte und in den 70er und 80er Jahren durch spektakuläre Protestaktionen auf die Missstände aufmerksam machte. Udo Sierck war in dieser Zeit Redaktionsmitglied der „Krüppelzeitung“ (1979-1985), einer „Zeitung von Krüppel für Krüppel“, wie es im provokanten Untertitel auf der Titelseite hieß, die als das erste Sprachrohr der deutschen Behindertenbewegung angesehen werden kann. (1) Vor diesem Hintergrund können die Adjektive „widerspenstig“, „eigensinnig“ und „unbequem“, die sich im Titel des Buches finden, durchaus auch zur Beschreibung seines eigenen Schaffens und Wirkens herangezogen werden.

Zum Aufbau und Inhalt des Buches

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel:

  1. Einleitung Erleiden und Handeln
  2. Reflexionen zur Opferrolle Perspektivwechsel
  3. Widerspenstigkeit und Behinderung
  4. Subjekt statt Opfer
  5. Ausgewählte Biographien

Für die Rezension kann das Buch grob in zwei Teile gegliedert werden. Der erste Teil umfasst die ersten vier Kapitel (etwa 105 Seiten), die in ihrer Ausrichtung eher „theoretischer Natur“ sind. Der zweite Teil, das fünfte Kapitel, beinhaltet zwanzig Biographien (etwa 50 Seiten). Diese Proportion liefert Anlass zur Kritik, da die spannenden Biographien, die eigentlich Kurzbiographien sind, am Ende etwas zu kurz kommen.

Zum ersten Teil des Buches

In der Einleitung weist Udo Sierck darauf hin, dass die positiven Eigenschaften und Fähigkeiten von behinderten Menschen häufig hinter dem tradierten Opferbild verschwinden und unsichtbar gemacht werden. So heißt es zu Beginn des zweiten Kapitels: „Eine Geschichtsschreibung über die widerspenstigen Behinderten existiert nicht“ (S. 10). Zu Recht sieht Udo Sierck in der bisherigen Geschichtsschreibung eine Geschichtsschreibung der Opfer, die sich – nebenbei bemerkt – in hervorragender Weise ergänzt mit den Heilsgeschichten der heil- und sonderpädagogischen Historiographie, die stets von den „Wilden“ zur „Humanität“ führt, um es mit Adorno zu sagen. (2) Um Missverständnissen vorzubeugen: Udo Sierck negiert weder die gesellschaftliche Ausgrenzung, die bis heute anhält, noch den Opferstatus von behinderten Menschen. Für ihn ist beides denkbar: „Den Verhältnissen zu trotzen und ihnen dennoch phasenweise oder gänzlich zu erliegen“ (S. 11). Er plädiert also für eine ganzheitliche Perspektive, die sowohl die aktiven als auch die passiven Momente im Handeln der historischen Subjekte einfängt. Ausgehend von seinen kritischen Reflexionen zur Opferrolle, in denen er unter anderem aufzeigt, dass behinderte Menschen nicht nur Opfer, sondern durchaus auch Täter sein können, begibt er sich im dritten Kapitel auf Spurensuche nach widerspenstigem Verhalten in der Sozialgeschichte. Außerdem finden sich im dritten Kapitel interessante Exkurse zu den Themen: „Leistung und Arbeit“, „Wahnsinn“, „Sexualität“ und „Dankbarkeit“. Im kurzen vierten Kapitel, dessen Überschrift sich als Imperativ liest, „Subjekt statt Opfer“, fordert Udo Sierck dazu auf, aus der passiven Opferrolle auszubrechen und sich aktiv einzumischen. Darüber hinaus weist er im Hinblick auf die Behindertenbewegung auf die Gefahr hin, sich vereinnahmen zu lassen und seine Widerspenstigkeit schleichend zu verlieren.

Zum zweiten Teil des Buches

Der verhältnismäßig kurze zweite Teil des Buches umfasst insgesamt zwanzig Biographien von eigensinnigen, widerspenstigen und unbequemen Menschen, die dem tradierten Opferbild der Geschichtsschreibung offenkundig widersprechen. Auf folgende Biographien geht Udo Sierck ein: Paracelsus, Pierre Desloges, Adolf Menzel, Margarete Steiff, Amalie Skram, Ferdinand Cheval, Max Hermann-Neiße, Antonio Gramsci, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Clara Haskil, Julius Klingebiel, Ernst Herbeck, Fredi Saal, Gusti Steiner, Judith Scott, Temple Grandin, Franz Christoph, Bernadette G., Rudi Prerostund Alison Lapper. Die von ihm recherchierten und zusammengestellten Biographien decken sowohl zeitlich als auch räumlich ein breites Spektrum ab. Sie reichen bis zum Anbruch der europäischen Moderne zurück und überschreiten die Grenzen Europas. Einziges Manko: Die Geschichten spielen alle im globalen Norden. Spannend wäre es gewesen, von afrikanischen, südamerikanischen oder asiatischen Biographien zu erfahren. Abgesehen davon wecken die dargestellten Biographien das Interesse und laden zu weiteren Nachforschungen ein. Die Art und Weise, wie sie erzählt werden, ist zweifelsohne Ausdruck einer gelungenen Theorie-Praxis-Vermittlung, da die Schlussfolgerungen und Erkenntnisse, die sich aus dem ersten Teil des Buches ergeben, im zweiten Teil ihre praktische Umsetzung finden.

Kurzes Fazit

Udo Sierck leistet mit seinem Buch einen wertvollen Beitrag für einen (über-)fälligen Perspektivenwechsel im Hinblick auf die Geschichte behinderter Menschen. Er öffnet den Blick auf das widerspenstige, eigensinnige und unbequeme Handeln und bricht mit der Betrachtungsweise der tradierten Geschichtsschreibung, die behinderte Menschen – meist einseitig –  in die passive Opferrolle presst. Das Buch regt zum Nachdenken an und versetzt die verdinglichenden Denkgewohnheiten in Bewegung. Abschließend ist ihm zuzustimmen, wenn er schreibt: „Behinderte Körper und ungewöhnliche Verhaltensweisen waren und sind die Störenfriede einer trügerischen Normalität – Grund genug, sie zu würdigen“ (S. 27).

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