Gegen den Wind – 95. Geburtstag von Kurt Nelhiebel

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29.06.2022

GEGEN DEN WIND

95. Geburtstag von Kurt Nelhiebel

Von PD Dr. Irmtrud Wojak

Kurt Nelhiebel liest an seinem Schreibtisch in Bremen den „Brief des Vaters“, 2017.
Zum heutigen 95. Geburtstag wollen wir dies Video gern teilen (auch wenn die Kamera leider mit Autofokus lief).

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Wer zum heutigen 95. Geburtstag auf das Lebenswerk von Kurt Nelhiebel zurückblicken will, kann dies auf seiner Webseite kurt-nelhielbel.de tun, beginnend mit seiner Zeit als Soldat in der Wehrmacht. Kurt Nelhiebel wurde in die Zeit der großen Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre hineingeboren, erlebte als Sohn eines Antifaschisten das Erstarken der sudetendeutschen Nazis und die Besetzung seiner Heimat durch deutsche Truppen. Der nach dem Krieg und seiner Vertreibung Journalist und später langjährige Redakteur bei Radio Bremen ist nicht nur Verfasser eines großen Werkes mit zeitgeschichtlichen Texten, Geschichten und Gedichten sowie ein treffsicherer Karikaturist der politischen Zeitläufte geworden. Kurt Nelhiebel ist auch mit 95 Jahren noch ein leidenschaftlicher Kommentator der politischen Zeitläufte in Briefen und in Beiträgen für den Frankfurter Weltexpresso. Seine Geschichten und Texte zum Zeitgeschehen aus neunzig Jahren publizierte Nelhiebel 2017 bei PapyRossa unter dem Titel Gegen den Wind und zog eine Bilanz:

„Die Quintessenz meiner Arbeit bestand in dem Wunsch, die Verantwortlichen für das, was während des Zweiten Weltkriegs und hinterher geschah, ein für alle Mal in der Versenkung verschwinden zu sehen. Nicht nur weil die Gerechtigkeit das verlangte, sondern auch weil ich das als Vorsorge für die Zukunft für notwendig hielt. Deshalb mein Kampf gegen das Vergessen, deshalb die Erinnerung an Auschwitz und an die Ursachen der Vertreibung.

Dass sich die Bundesrepublik Deutschland nicht unwiderruflich von den Schuldigen getrennt, sondern sie in Gnaden aufgenommen hat und ihnen, ausgerechnet ihnen, den Aufbau eines demokratischen Staates anvertraute und ihn damit, sicher ungewollt, mit dem Nazi-Ungeist infizierte, während seine Gegner von der Mitwirkung am Neuaufbau ausgeschlossen wurden, dass also eine Selbstreinigung niemals stattgefunden hat, das ist die Last, die ich mit mir herumschleppe.“

Besonders eindrucksvoll ist – angesichts des aktuellen Krieges in der Ukraine leider noch mehr – der persönliche Briefwechsel mit seinem Vater Eugen Nelhiebel aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs sowie Kurt Nelhiebels Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit unmittelbar danach. Sie dokumentieren die vom Vater ermutigte, fortwährende Auseinandersetzung des werdenden Autors und Journalisten mit den Brüchen in der eigenen Geschichte.

Als junger Mann eingezogen, überlebte der fast noch Schüler die Endphase des Krieges nur knapp und geriet in Berlin in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Ein Brief des Vaters rettete ihm auf dem mühsamen Fußweg zurück in die geliebte nordböhmische Heimat das Leben.

„Die Entscheidung muss bald fallen, soll denn unsere Jugend völlig verbluten? Wann wird das Volk endlich von der Kriegsfurie erlöst?“, hatte der Vater dem Sohn am 28. Januar 1945 geschrieben. Diese in der NS-Zeit lebensgefährliche Frage, die das Kriegsende herbeisehnte und die Kurt sich rot angestrichen hatte, war seine Rettung. Tschechische „Partisanen“, die ihn auf dem Heimweg erschießen wollten, fanden den Brief in seiner Tasche und ließen den eben noch Wehrmachtssoldat daraufhin nach Hause ziehen.

Kurt Nelhiebel hat mir öfters von diesem rettenden Brief des Vaters erzählt und er ist mir in letzter Zeit bestimmt nicht zufällig in den Sinn gekommen. Werden solche Briefe jetzt wohl auch in Russland geschrieben? Schreibt dort vielleicht gerade einer der alten „Rotarmisten“, auf die der junge Wehrmachtssoldat Kurt Nelhiebel auf dem Weg in seine Heimat traf und die ihn damals lachend laufen ließen, einen Brief an einen Enkel oder Urenkel, der als Soldat in der Ukraine steht? Schreiben ukrainische Väter jetzt solche Briefe? Oder sind für die ukrainischen Väter der jungen Soldaten, die jetzt im Donbass gegen die angreifenden russischen Truppen und gegen die Separatisten kämpfen, solche Fragen außerhalb ihres Denkens? Unmoralisch womöglich, denn sie sind die unrechtmäßig Angegriffenen?!

Wer die verschiedenen offenen Briefe der jüngsten Zeit liest, zuletzt den aus der Ukraine überschrieben mit „Kampf um ein gemeinsames Europa“ – ein Appell für mehr militärische Unterstützung, abgedruckt in der taz –, steht vor solchen Fragen. Ebenso vor dem Vorwurf der Briefschreiber*innen, es bedeute die Ukraine zu opfern und die „Vision Europas“ zu vergessen, wenn wir uns in Deutschland jetzt nicht für die „richtige Seite“ entscheiden.

Kurt Nelhiebel hat in der böhmischen Heimat die Verfolgung während des NS-Regimes erlebt, später den Missbrauch von Heimatliebe für nationalistische Zwecke seitens der Vertriebenenverbände mit alten Nazis als Wortführern. Nach der unvermeidlichen Übersiedlung in die Bundesrepublik hat er sich in Anbetracht der Wiederbewaffnung an die Seite der Antifaschist*innen gestellt. Das Scheitern der Entnazifizierung und die Etablierung des Antikommunismus als Staatsdoktrin brachte er immer wieder kritisch zur Sprache, nicht zuletzt, dass nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung mit „Zweierlei Maß“ geurteilt wurde. Vor diesem Hintergrund und mit dieser Erfahrung kann ihn der Krieg gegen die Ukraine nicht beirren, so sehr er ihn persönlich trifft. Am 19. Februar 2022 machte er den bevorstehenden Angriff Russlands auf die Ukraine bereits im Weltexpresso unter dem Titel „Zündeln am Pulverfass“ zum Thema. Am 4. März erschien unter dem Titel „Cäsarenwahn“ sein „Offener Brief eines Antifaschisten an Wladimir Putin“:

„Herr Präsident“, schreibt Nelhiebel, „diesen Offenen Brief schreibt Ihnen der Sohn eines deutschen Antifaschisten, der gegen seinen Willen für Hitler in den Krieg ziehen musste und während der Kämpfe um Berlin in sowjetische Gefangenschaft geriet. Inzwischen bin ich 95 Jahre alt geworden und habe mein ganzes Leben damit zugebracht, die Menschen vor dem Ungeist des Nazismus und einem neuen Weltenbrand zu warnen. Dabei stand ich immer an der Seite Russlands. Und jetzt fallen Sie mir in den Rücken.  

Ihr Angriff auf die Ukraine macht alles zunichte, was im Laufe von Jahrzehnten mühsam erstritten worden ist, zum Beispiel die Erkenntnis, dass militärische Gewalt keines der Probleme aus der Welt schafft, die sich aus der Kluft zwischen Arm und Reich ergeben. Hundert Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahrzehnten allein in Deutschland zur Stärkung der Streitkräfte aufgewendet werden, weil Ihr Krieg gegen die Ukraine allen Angst macht. Sie wollen die Ukraine entmilitarisieren und verursachen gleichzeitig ein noch nie da gewesenes Wettrüsten.“

Heute, zweieinhalb Monate nach diesen Zeilen Nelhiebels, sind Finnland und Schweden als Folge des Krieges der Nato beigetreten, nachdem der türkische Präsident Erdoğan den Weg dazu freigemacht hat – ausgerechnet. Es ist keine Woche her, am 23. Juni 2022, dass der Ausschuss für Menschenrechte des Bundestages Präsidenten Erdoğan in einer öffentlichen Anhörung zunehmende Unterdrückung von Opposition und Zivilgesellschaft und einen „dramatischen Rückbau“ des Rechtsstaats vorgehalten hat.

Wenn einer den Missbrauch des Antifaschismus für kriegerische politische Zwecke kennt und weiß, wie gefährlich dies ist, dann Kurt Nelhiebel. In unzähligen Texten und Geschichten hat er aufgezeigt, wie dieser Missbrauch, verkleidet im Gewand der Heimatliebe, als nationale Rettung vor Eindringlingen oder sogenannten Fremdeinflüssen daherkommt und Menschen verblendet. So auch jetzt wieder. Bei aller Empörung lässt Kurt Nelhiebel sich jedoch nicht hinreißen. Er ist seinem menschlichen und journalistischen Ethos treu geblieben und schaut auf beiden Seiten hin, auch wenn er persönlich getroffen ist. Am 23. Juni 2022 erschien unter seinem Pseudonym Conrad Taler sein Artikel „Eine Hand wäscht die andere. Wie steht es um die Korruptions-Bekämpfung  in der Ukraine?“ im Weltexpresso.

Für sein publizistisches Werk wurde Kurt Nelhiebel 2014 mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet, für sein antifaschistisches Engagement 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande.

Fotos: Header und Karikatur ©FRITZ BAUER FORUM/ BUXUS STIFTUNG, Beitragsbild/Porträt Kurt Nelhiebel auf der Startseite: Manja Hermann

Webseite von Kurt Nelhiebel: www.kurt-nelhiebel.de, ©FRITZ BAUER FORUM/ BUXUS STIFTUNG

Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de

 

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