Geschichten des Widerstands weiterverbreiten

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12.09.2022

Die Geschichten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus weiterverbreiten

Rede zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus

Von Dr. Irmtrud Wojak

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten ruft anlässlich des Gedenktages der Opfer des Faschismus auf, der ermordeten Widerstandskämpfer*innen gegen den Faschismus und Krieg zu gedenken. Der Gedenktag wurde 1946 von Überlebenden ausgerufen. Die Gedenkveranstaltung fand am 11. September 2022 vor dem Denkmal für die ermordeten Widerstandskämpfer am Ehrenrundplatzes auf dem Friedhof Freigrafendamm statt. Hier erfolgte 1947 die Urnenbeisetzung von 8 Kämpfern gegen den Faschismus, die hingerichtet wurden oder im KZ umkamen. Unter ihnen Moritz Pöppe und Johann Schmidtfranz, die 1943/44 in Bochum eine große Widerstandsgruppe gegen Krieg und Faschismus geleitetet hatten und im November 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet wurden. In diesem Jahr sprach Dr. Irmtrud Wojak, Gründerin des Fritz Bauer Forum in Bochum und Geschäftsführerin der gemeinnützigen BUXUS STIFTUNG. – Die Red.


 

Liebe Freundinnen und Freunde,

vielen Dank an die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, heute hier an die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen gegen den Nationalsozialismus zu erinnern. Ich empfinde dies als eine Ehre und auch eine immer dringendere Notwendigkeit, diese Erinnerung gemeinsam wachzuhalten.

Es ist mir vor allem eine Freude, dies in diesem Jahr im Hinblick auf das in unmittelbarer Nachbarschaft von diesem Gedenkort entstehende Fritz Bauer Forum zu tun. Ein Zentrum für die Menschenrechte, das jetzt in Bochum errichtet wird und für das wir vor einem Jahr den Grundstein gelegt haben. Das Fritz Bauer Forum wird ein Ort der Forschung und der Begegnung sein, der Kunst und des Austausches, des Lernens und ja, dies möchte ich an diesem Ort zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen gegen den Nationalsozialismus betonen, auch der Freude. Lasst mich oder lassen Sie mich hierfür einen kurzen Blick zurückwerfen.

Vielleicht ist es symptomatisch, dass ich die persönliche Geschichte der mutigen Menschen, die hier begraben sind und an die wir hier heute denken, nicht kenne. Offen gesagt, hatte ich noch nicht die Gelegenheit, mich genauer in diese Geschichte einzuarbeiten, die eines der wichtigen Themen der VVN-Bund der Antifaschist*innen ist und die noch viel bekannter werden sollte.

Als Wolfgang Dominik mich eingeladen hat, heute hier zu sprechen, kamen mir aber wie schon öfter in den letzten Jahren diese Fragen in den Sinn:

Wieso wissen und sprechen eigentlich immer weniger Menschen über die Geschichten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus? Mit Ausnahme vielleicht der durch große Kinofilme bekannten Geschichten der Geschwister Scholl und des Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, in jüngerer Zeit auch noch Georg Elser.

Was ist passiert, dass die Geschichte des Widerstands im Rahmen unserer Erinnerungskultur immer weiter ins Vergessen gerückt ist oder vielleicht gedrängt werden konnte? Dass es zu Wenige waren, kann ja schließlich kein Grund sein, gerade diese zu vergessen – im Gegenteil. Ich denke an den Widerstand und die Selbstbehauptung der verfolgten Jüdinnen und Juden, den kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstand, den christlich motivierten Widerstand und überhaupt den von Retter*innen und Helfer*innen.

Müssten wir womöglich von Neuem beginnen, über das Thema Widerstand nachzudenken? Darüber, was Widerstand eigentlich ist und bedeutet, was dies mit uns selbst zu tun hat?

Mir kam auch gleich in den Sinn, was Fritz Bauer gesagt hat, aus welchem Grund er nach dreizehn Jahren des Exils in die Bundesrepublik zurückgekommen war, fast genau mit der Verabschiedung unseres Grundgesetzes. „Ich bin zurückgekehrt“, erklärte er, „weil ich glaubte, etwas von dem Optimismus und der Gläubigkeit der jungen Demokraten in der Weimarer Republik, etwas vom Widerstandsgeist und Widerstandswillen der Emigration im Kampf gegen staatliches Unrecht mitbringen zu können. (…) Ich wollte ein Jurist sein, der dem Gesetz und Recht, der Menschlichkeit und dem Frieden nicht nur Lippendienst leistet.“

Mit diesem ungebrochenen, kämpferischen Sinn kehrte der Sozialdemokrat, der von Anfang an gegen die Nazis gekämpft hat und Vorsitzender der überparteilichen Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz Rot Gold in Stuttgart war, der KZ-Haft und Jahre der Verfolgung in Dänemark unter nationalsozialistischer Aufsichtsverwaltung hinter sich hatte, nach Deutschland zurück.

Zurückgerufen hat ihn keiner, Emigranten beziehungsweise Remigranten wurden damals als Vaterlandsverräter diffamiert. Dass Bauer dennoch zurückwollte, geschah in der Hoffnung, bei einem grundlegenden Neubeginn mithelfen zu können und die dringend erforderliche „geistige Revolution der Deutschen“ mitzubewirken. Die Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Nationalsozialismus hielt der Jurist für unumgänglich. Die Deutschen sollten „Gerichtstag halten“ über sich selbst, sagte er, über die gefährlichen Faktoren in ihrer Geschichte, über alles, was hier inhuman war.

Haben wir Fritz Bauers Anliegen richtig verstanden oder interpretiert?

Dass die Mehrheit der Deutschen nach 1945/49 nicht an den Widerstand erinnert werden wollte, klingt heute fast wie eine Binsenweisheit. Ebenso gilt die reibungslose Integration der Nazis allgemein als größter Erfolg der Regierung Konrad Adenauers, als Grundlage unserer „geglückten Demokratie“ und der „Erfolgsgeschichte Bundesrepublik Deutschland“.

Wer wollte oder will sich schließlich mit dem eigenen schlechten Gewissen ernsthaft auseinandersetzen? Lieber sah – und sieht sich womöglich auch heute – die übergroße Mehrheit selbst als Opfer. Als Opfer des Krieges, des Bombenterrors, der Vertreibung von Millionen. In unserem Falle letztendlich als Opfer einer nationalsozialistischen Führung, mit der sie mitgelaufen und der sie hinterhergelaufen war, in deren Namen sie Menschen vertrieben, ausgeraubt und – Befehl ist Befehl und Gesetz ist Gesetz, so lautete eine der beliebten Entschuldigungen der NS-Täter in den Prozessen – millionenfach Menschen getötet hatte.

Aus Sicht des sozialdemokratischen Widerstandskämpfers und Anwalts der Menschenrechte Fritz Bauer war und ist es dies unsere schwerste Hypothek. Als hätte es, so kritisierte er die altbekannte Untertaneneinstellung in der Mehrheit der Nachkriegsgesellschaft, nicht Millionen überzeugter Nationalsozialisten gegeben, die ihrer Überzeugung und ihrem Glauben zum Sieg verhelfen wollten.

Bauer hielt den Deutschen, die sich hinter der eigenen Geschichte wegducken wollten, den Spiegel vor, in den sie nicht schauen wollten. Vielleicht aus Angst oder Furcht vor persönlichen Konsequenzen, die dies hätte zur Folge haben können. Das räumte der Jurist im Gespräch mit Studierenden ohne zu Zögern auf die Frage ein, worauf wir denn dann stolz sein könnten. Um gleich darauf hinzuzufügen, dass wir doch nur stolz auf etwas sein können, was wir selbst getan und geschaffen haben.

Lassen Sie mich damit schließen. Fritz Bauers Leben und Werk begleiten mich nun schon einige Jahre. Tatsächlich ist mir aber erst nach und nach ganz bewusst geworden, was der Satz, er sei zurückgekehrt, weil er dem Recht, der Menschlichkeit und dem Frieden nicht nur Lippendienst leisten wollte, mit uns und mit mir zu tun hat. Das Selbertun und Sich-Entscheiden bildeten die Dreh- und Angelpunkte in Fritz Bauers Leben. Der Jurist ließ sich nicht aufhalten und provozierte das schlechte Gewissen, indem er die Gesellschaft durch die NS-Prozesse mit allen Einzelheiten des Verbrechens der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ konfrontierte. Vor allem aber dadurch, dass er deutlich machte, dass es stets Alternativen zu blindem Gehorsam und zur Anpassung gibt. Die Wurzeln nationalsozialistischen Handelns sah er in autoritärer Staatsgläubigkeit und mangelnder Zivilcourage. Mit allen Kräften setzte er sich für die staatsrechtliche und politische Anerkennung des Widerstands ein.

Für Fritz Bauer, dessen Ziel es war, dass junge Menschen selbstbewusst und freier zu leben lernten, der sich selbst dabei nicht schonte, war die Lehre der NS-Prozesse, „dass es in unserem Leben eine Grenze gibt, wo wir nicht mehr mitmachen dürfen“. Die entscheidende Lehre aller Prozesse gegen Nazi-Täter lautete für ihn:

„Ihr hättet ‚Nein!‘ sagen müssen.“

Heute wissen wir, zum Gehorsam und zur Anpassung gehört, dass die damit verbundene Selbstaufgabe sich nicht nur gegen einen selbst, sondern auch gegen Andere richten kann. Die eigene Schwäche und Fehler werden als Schmerz verdrängt und richten sich in Form der dadurch aufgestauten Wut gegen andere Menschen. Es ist die Angst vor diesem Schmerz, die immer wieder zum Verrat des Menschen am Menschen wird. Sie führt zu der Bereitschaft, falsche Kompromisse zu schließen und sich mit dem scheinbar Stärkeren und Mächtigeren zu verbünden, anstatt der Konformität und dem Mitläufertum zu widerstehen und eine Absage zu erteilen.

Die Wenigen, die den Mut haben, gegen Krieg, Faschismus und Menschenrechtsverletzungen aufzustehen, sind daher unser Vorbild und unser Ansporn. Durch Menschen, die Empathie leben und die das Leid von Anderen durch ihr Handeln teilen – wie Fritz Bauer und die Widerstandskämpfer, denen wir heute hier gedenken –, bleiben gleich wo auf der Welt Frieden und soziale Gerechtigkeit, bleibt die Mitmenschlichkeit lebendig.  Den Widerstandskämpferinnen und -kämpfern schulden wir Dank und Anerkennung, vor allem aber ist und bleibt dies unsere eigene Aufgabe.

Fotos: Headerbild ©Günther Gleising, Bild im Text ©Michael Niggemann

PD Dr. Irmtrud Wojak, ist Historikerin und Gründerin des Fritz Bauer Forums in Bochum, sie ist die Geschäftsführerin der gemeinnützigen BUXUS STIFTUNG.

Interessierte können Führungen buchen: info@buxus-stiftung.de und sich über Termine auf der Veranstaltungswebseite des Fritz Bauer Forums informieren.

Buchtipp: Irmtrud Wojak. Fritz Bauer. Eine Biografie. Eschenlohe: BUXUS EDITION, 2019.

 

 

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