Ohne Auftrag – Im Kampf um des Menschen Rechte

Zurück zum Blog

10.10.2021

 

Zur Eröffnung der Doppelausstellung des Pilecki-Instituts und des Fritz Bauer Forums in Bochum

Irmtrud Wojak

9. Oktober 2021

 

Die Ausstellung ist bis zum 31. Januar 2022 im Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte, Wittener Straße 47, zu sehen.

Als das Pilecki Institut das entstehende Fritz Bauer Forum voriges Jahr zu einer Zusammenarbeit eingeladen hat, da ahnte ich schon, dass ein gemeinsames Projekt entstehen kann. Rasch kam unser Gespräch auf Raphael Lemkin und Fritz Bauer. Wir sprachen über den Widerstand zweier Juristen gegen den Nationalsozialismus. Es ging um Lebenswege und die Hoffnungen zweier mutiger Menschen, die im Angesicht eines bis dahin noch nie dagewesenen Verbrechens auf die Weiterentwicklung des Rechts setzten.

Fritz Bauer und Raphael Lemkin – beide suchten Wege, wie Genozid (Völkermord) in Zukunft verhindert werden kann.

Hier gab und gibt es eine verbindende Idee. Die Geschichten und das Werk von zwei außergewöhnlichen Menschen, ihr Engagement für das Völkerrecht und die Menschenrechte, die den Ausgangspunkt unserer Forschungsarbeit bilden, haben uns zusammengeführt. Und was kann schließlich mehr beflügeln, als die Lebenswege und die Hoffnungen zweier Menschen wie Lemkin und Bauer, die sich nicht beirren ließen und ihr Leben für die Sache der Menschenrechte riskierten. Beide waren Überlebende des Holocaust und politische Exilanten. Der polnische Staatsbürger Raphael Lemkin (1900–1959) prägte aufgrund seiner Erfahrungen den Begriff Genozid (genocide) und wurde der Urheber der UN-Völkermordkonvention. Der deutsche Staatsbürger Fritz Bauer (1903–1968) prägte den Begriff Unrechtsstaat für die NS-Herrschaft. Und er brachte die NS-Justiz und das Verbrechen von Auschwitz im Deutschland der gescheiterten Entnazifizierung vor Gericht. 1966 erschien im Handbuch der Kriminologie Bauers umfassender Artikel „Genocidium (Völkermord)“ über die von Raphael Lemkin bewirkte Konvention, der die Bundesrepublik Deutschland per Gesetz vom 9. August 1954 beigetreten ist.

Das Besondere an Lemkin und Bauer ist, denke ich, dass sie beide „Ohne Auftrag“ handelten. „Ohne Auftrag“, so lautet der Titel von Lemkins Autobiographie in deutscher Sprache, die wir letztes Jahr herausgegeben haben. „Im Kampf um des Menschen Rechte“, wie wiederum Fritz Bauer rückblickend seine Arbeit bezeichnet hat, verbindet die beiden außergewöhnlichen Juristen ihre immerwährende Suche nach dem Recht angesichts eines damals noch namenlosen Verbrechens. Beide trugen dazu bei, die Sicht auf die eigene Geschichte zu verändern und sie zu erweitern.

Ich komme damit auf unsere Ausstellung hier im Stadtarchiv zu sprechen, das heißt auf eine davon, nämlich die Vorstellung unserer geplanten Fritz Bauer Bibliothek, die wiederum der Anfang unseres Fritz Bauer Forums war, das aktuell in Bochum errichtet wird (wir werden auch noch Näheres über die Lemkin-Ausstellung hören).

Das Fritz Bauer Forum soll mit seiner Fritz Bauer Bibliothek Einblicke ermöglichen, wie sich das Leben der Menschen, die das Recht suchen und folglich Widerstand leisten oder leisten müssen, von dem Leben der Menschen unterscheidet, die zuschauen oder beobachten, sich aber eben nicht selbst aktiv beteiligen.

Die Fritz Bauer Bibliothek hat einen radikal neuen Ansatz. Ihr Ausgangspunkt ist, dass es eines ist, an die Opfer zu erinnern und ihrer zu gedenken, und das andere, den Widerstand zu würdigen. Mit diesem Ansatz ist die Fritz Bauer Bibliothek nicht nur Datenspeicher, sondern geht aktiv auf die Menschen zu. Sie hat etwas mit ihrem Leben zu tun, indem sie aktuelle Fragen anspricht, die sich an jede und jeden Einzelnen richten:

Was bestärkt Menschen, aufzustehen und ihre Stimme gegen Unrecht und Gewalt zu erheben, zumal dann, wenn die meisten oder sogar fast alle schweigen und bloß zuschauen?

Welche Bedingungen sind es und welche müssten wir folglich schaffen, damit gerade junge Menschen sich nicht anpassen und bloß lernen, Gehorsam zu leisten, sondern vielmehr den Mut entwickeln, ihr Menschsein in die Waagschale zu werfen? Und zwar gerade dann, wenn es darum geht, die Menschenrechte zu verteidigen, die eigenen und die von anderen Menschen.

Die deutsche Kultur der Erinnerung gilt mit ihrem in Jahrzehnten herausgebildeten, kollektivem Negativgedächtnis als besonders vorbildlich. Sie wird im Hinblick auf das bis dato singuläre Verbrechen des Holocaust als Erfolgsgeschichte mit Vorbildfunktion für Staaten in der Übergangsphase nach einer Diktatur international gepriesen.

Diejenigen, die „Im Kampf um des Menschen Rechte“ ihr Leben riskierten, werden im Rahmen dieser Gedenkkultur als Opfer erinnert. Ihr mutiger Widerstand kommt in diesem Geschichtsbild vom Land der Täter und Opfer hingegen quasi nicht mehr vor. Unangepasste Lebenswege wie der von Fritz Bauer werden dadurch relativiert. Anders als Raphael Lemkin in dem Film Watchers of the Sky oder Martin Luther King jr. in dem Film Selma wird Fritz Bauer dementsprechend in deutschen Büchern und Kinofilmen lediglich als ein nazi-jagender Antiheld dargestellt, während es in Wirklichkeit um seinen außergewöhnlichen Mut und Kampf für die Menschenrechte gehen müsste.

Tatsächlich hat es sich im Rahmen der Erinnerungskultur eingebürgert, kaum noch an den Widerstand zu erinnern – mit den Ausnahmen Claus Schenk Graf von Staufenberg, Hans und Sophie Scholl und vielleicht noch Georg Elser an den Jahrestagen ihres Opfertodes. Entsprechend wird noch seltener öffentlich über den politischen Widerstand und den Kampf für Menschenrechte gesprochen. Fritz Bauers Lebensweg als mutige Widerstandsgeschichte und sein Tun als Anwaltschaft für die Menschenrechte zu bezeichnen, wird hingegen als Helden- und Heiligengeschichtsschreibung, als “ins Monumentalistische entschwebende”  Sichtweise zurückgewiesen. (2)

Laut einer aktuellen Umfrage (2019) wollen tatsächlich nur noch 5,3 % der Befragten, dass der Widerstandskämpferinnen- und -kämpfer aus der Zeit des Nationalsozialismus gedacht wird, während 49,4 % finden, dass „aller Opfer“ beziehungsweise „Opfergruppen“ gedacht werden sollte. Diese Entkonkretisierung der Opfergruppen, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden und Widerstand leisteten, wird zwar teilweise auch kritisiert. Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung von 1990 avancierte das Geschichtsbild aus hier Tätern und da Opfern jedoch zur viel gelobten bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichte. (3)

Erst in jüngster Zeit wird mehr und mehr Verantwortlichen bewusst, dass sich durch dieses “Verbrechen Erinnern“ allein, das die Gewalt und somit auch Ohnmachtsgefühle und Wut wiederaufleben lässt, weder ein Anwachsen von Rassismus und Nationalismus noch als dessen Kehrseite der Antisemitismus verhindern lassen.

Ebenso wenig können durch bloße Appelle an Empathie und Mitgefühl mit Opfern und Überlebenden von Terror und Gewalt unsere freiheitlichen Werte und demokratischen Strukturen auf Dauer vor Auszehrung bewahrt und für alle Zukunft gesichert werden. Junge Menschen, die mit dem seit den 1990er Jahren vorherrschenden Geschichtsbild aufgewachsen sind – hier Täter und Zuschauer, dort Opfer und Überlebende – haben in nicht geringem Ausmaß den Bezug zur Geschichte verloren. Wie könnte es auch anders sein, wenn ihnen überwiegend der Eindruck vermittelt wird, niemand konnte etwas gegen das Unrecht und die Verletzung der Menschenwürde tun und wenn es doch jemand tat, dann war es vergeblich. Oder umgekehrt formuliert, wer etwas gegen die Gewaltherrschaft getan hat, ist letztendlich doch ein Opfer geworden, und zwar entweder als einsamer und verlassener Antiheld – wie angeblich Fritz Bauer, der in dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ gleich zu Beginn als Selbstmörder hingestellt wird – oder als Märtyrer beziehungsweise Märtyrerin, wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die Geschwister Hans und Sophie Scholl und Georg Elser, die ihren Widerstand mit dem Leben bezahlten, wozu schließlich niemand verpflichtet werden kann.

Die amerikanische Psychologin Eva Fogelman zitiert vor diesem Hintergrund den Rabbiner Harold Schulweis mit der aufrührerischen Frage und Antwort: „In welchem Moralkodex steht, dass das Böse das Gute verdunkeln darf? Welche verdrehte Logik bringt uns dazu, die Erinnerung an das Noble im Menschen auszulöschen, um die Erinnerung an seine Entartung zu bewahren? Wenn wir die verbrecherischen Schandtaten ausgraben, dürfen wir die Tugenden der Menschheit deshalb noch lange nicht begraben.“(4)

Man kann dies auch so sagen: Die Geschichte von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Genozid darf nicht vergessen werden, schon gar nicht die ihrer Opfer. Jedoch genauso wenig die Geschichte ihres Kampfes und der Widerstand gegen Menschenrechtsverletzungen. Das „Nie wieder!“ der Überlebenden ist geknüpft an die Aufforderung zu erinnern und ebenso an die Verpflichtung, stets gegen Nationalismus und als dessen Kehrseite Rassismus, Antisemitismus mit allen in der Demokratie zur Verfügung stehenden Mitteln zu kämpfen.

Ich bin daher froh über die Zusammenarbeit mit dem Pilecki Institut im Geiste zweier wegbereitender Juristen. Die Erinnerung an ihr Handeln für die Menschenrechte bewirkt neue Handlungsfähigkeit. Aus wechselseitiger Anerkennung können Taten werden, ein gemeinsames an den Menschenrechten orientiertes Handeln.

 

Anmerkungen

(1) Fritz Bauer, “Genocidium (Völkermord) (1952)”, in: ders., Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften.Frankfurt am Main, New York: Campus, 1998, S. 61-75.

(2) Der Historiker Professor Norbert Frei kritisierte beispielsweise Ilona Zioks Film “Fritz Bauer – Tod auf Raten”, er mache Furore, weil er insinuiere, Bauer sei „möglicherweise eines unnatürlichen Todes“ gestorben. „Aktivisten der vielbeschworenen Zivilgesellschaft“, so Frei, stilisierten einen couragierten Staatsanwalt zum „einsamen Helden (…) mit dessen Kampf für die Ahndung von NS-Verbrechen man sich identifizieren kann.“ Siehe N. Frei,”Fritz Bauer oder: Wann wird ein Held zum Helden?”, in: Gerber, Stefan u. a. (Hrsg.), Zwischen Stadt, Staat und Nation. Bürgertum in Deutschland. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 273-279, hier s. 275. Bauer-“Hagiographie” empört vor allem den ehemaligen Archivar des Fritz Bauer Instituts Werner Renz; vgl. dazu die Rezension zu Veröffentlichungen von Renz’, der mangels historischer Quellenkritik schon zahlreiche Missdeutungen Bauers in die Welt setzte, von Irmtrud Wojak, “Fritz Bauer als Antiheld”, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 28. Jg. (2015) H. 4, S. 377 f.

(3) Rees, J., Zick, A., Papendick, M., Wäschle, F., Multidimensionaler Erinnerungsmonitor (MEMO) II/2019. Bielefeld: Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG), Universität Bielefeld, 2019, S. 12.

(4) Eva Fogelman, Conscience and Courage: Rescuers of Jews During the Holocaust. New York: Random House, 1995, S. 12.

Programm zur Ausstellung

Kontakt: info@fritz-bauer-blog.de

Diesen Beitrag teilen