RWI-70 Rundbrief 2-2022

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07.03.2022

Raoul Wallenberg Forschungsinitiative RWI-70

7. März 2022 (02-2022)

Unsere Kollegin Susanne Berger (Washington und Hannover), Initiatorin und Organisatorin der Raoul Wallenberg Forschungsinitiative, hat uns den aktuellen Newsletter der Initiative RWI-70 und ihren persönlichen Kommentar zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine geschickt (Redaktion)

 

Liebe Freunde und Kollegen,

die Ereignisse der letzten zwei Wochen haben uns alle zweifellos zutiefst erschüttert. Wahrscheinlich hat keiner von uns seit Tagen gut geschlafen.

Krieg ist die Hölle: Die apokalyptischen Bilder der Zerstörung mit Millionen von Menschen, die um ihr Leben fliehen, lassen Erinnerungen an die Gewalt und die Verbrechen wach werden, von denen wir gehofft hatten, dass wir sie in Europa nie wieder so erleben würden. Wie die meisten Menschen fühle ich eine Mischung aus Schock, Hilflosigkeit, Schmerz, Empörung und schlichter Angst. Da ich nicht in der Lage bin, hier im Rahmen des RWI-70 ausführlich zur aktuellen Krise in der Ukraine Stellung zu nehmen, werde ich eine gesonderte Erklärung zu dem Konflikt abgeben, die ausschließlich meine persönliche Meinung ausdrückt.

Kommentar von Susanne Berger – Foto: The Guardian

Ich bin mir sicher, dass wir alle in den letzten Tagen an andere Massengräueltaten der jüngsten Zeit gedacht haben, wie den Völkermord in Ruanda, wo 1994 Angehörige der ethnischen Hutu-Mehrheit 800.000 Menschen abschlachteten, von denen die meisten der Tutsi-Minderheit angehörten; die Massenexekutionen von 8.000 muslimischen Jungen und Männern in Srebrenica (Bosnien) 1995; sowie an die aktuellen Bemühungen der chinesischen Regierung, die Minderheit der Uiguren auf grausamste Weise auszurotten; und an den Zweiten Weltkrieg, an das Massaker von Babyn Yar, als deutsche Nazi-Truppen in zwei Tagen fast 34.000 ukrainische Juden hinrichteten, und an Katyn, wo die sowjetischen Behörden die Hinrichtung von fast 22.000 polnischen Offizieren anordneten. Und natürlich denke ich auch an Ungarn, wo die jüdische Bevölkerung des Landes 1944 einer ähnlichen Barbarei ausgesetzt war. Innerhalb von nur sechs Monaten wurden 500.000 jüdische Bürger des Landes deportiert und ermordet. Verzweifelte Appelle, die Eisenbahnlinien nach Auschwitz zu bombardieren, stießen auf taube Ohren.

Das Grauen ist mit Worten nicht zu beschreiben. Und doch ließ ein junger schwedischer Geschäftsmann in dieser finsteren Stunde, in der es keine Hoffnung mehr zu geben schien, sein bequemes Leben in Stockholm hinter sich, um sich direkt in den Kampf zu stürzen. Wallenberg muss sich unzählige Male verzweifelt, entmutigt und verängstigt gefühlt haben, und doch folgte er einem fast reflexartigen Impuls, seinen Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Mit seinem humanistischen Geist, seiner unerschütterlichen Entschlossenheit und seinem außergewöhnlichen Mut – sowohl physisch als auch moralisch – wurde Wallenberg zum Sinnbild für das, was das Beste in uns ist. Vor allem aber demonstrierte er die Macht der Hoffnung und die Möglichkeit, dass ein einzelner Mensch tatsächlich etwas bewirken kann.

Professor Irwin Cotler, ehemaliger kanadischer Justizminister und internationaler Direktor des Raoul Wallenberg Centre for Human Rights (RWCHR) in Montreal, fasste diese universellen Lehren aus dem Holocaust und Wallenbergs Mission im vergangenen Januar in einem denkwürdigen Leitartikel zusammen, in dem er betonte, dass Wallenbergs Handeln den Grundstein für die modernen internationalen Menschenrechte und das humanitäre Recht legte. Sie finden seinen Text am Ende des Zirkulares. Er dürfte Sie sowohl trösten als auch inspirieren.

Im Folgenden habe ich einige Punkte zusammengestellt, die das Spektrum von der Hilfe für die ukrainische Zivilbevölkerung bis hin zur Suche nach Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit für die begangenen Verbrechen abdecken. Gleichzeitig sollten wir die anderen ernsten Menschenrechtsfragen in der Welt nicht aus den Augen verlieren. Andere Autokraten werden versuchen, die Fokussierung auf die Ukraine zu nutzen, um noch härter gegen interne Dissidenten vorzugehen und ihre Regime zu stützen. Demokratische Werte und der humanistische Geist sind unzerstörbar, aber wir zahlen einen sehr, sehr hohen Preis dafür. Wir sollten sie nie wieder als selbstverständlich ansehen.

In den kommenden Tagen werde ich über verschiedene Forschungsergebnisse bezüglich Schweden berichten.

Ich schließe mit der internationalen Hymne an gegenseitige Liebe und Verständigung aus Beethovens 9. Symphonie, „Alle Menschen werden Brüder …“, die zugleich die offizielle Hymne eines vereinten und demokratischen Europas ist.

Für heute wünsche ich uns allen nur eines – Frieden.

Susanne Berger

Koordinatorin
RWI-70
www.rwi-70.de
6045 25th Rd N
Arlington, VA 22207 USA
E-Mail: susanne.berger@rwi-70.de
Telefon: + 1 571 594 1701


RWI-Rundbrief 2-2022

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