„WISSEN MACHT EINEN MANN UNFÄHIG, EIN SKLAVE ZU SEIN“FREDERICK DOUGLASS

Meinen Feind verteidigen

Aryeh Neier

  • Übersetzt von Franziska Dinkelacker
  • Hrsg. v. Irmtrud Wojak, Joaquín González Ibáñez und Holger Buck
  • BUXUS EDITION 2021, 286 S., Hardcover
  • ISBN 978-3-9817614-7-4

19,00 Euro (inkl. USt, zzgl. Versandkosten)

Im April 1977 plante die Amerikanische Nazi-Partei eine Demonstration in Skokie im amerikanischen Staat Illinois, in dem sich eine der größten Gemeinschaften von Holocaust-Überlebenden niedergelassen hat. Das Vorhaben löste eine heftige Debatte aus, die Aryeh Neier in seinem Buch Meinen Feind verteidigen erläutert.

Selbst ein Kind jüdischer Herkunft, dessen Familie 1939 aus Berlin fliehen musste, entschloss er sich als Vorsitzender der American Civil Liberties Union, das Recht auf Demonstration zu verteidigen. Das eigene Dilemma beschrieb er mit den Worten: „Wie kann ich, als Jude, mich weigern, die Freiheit zu verteidigen, selbst wenn es die der Nazis ist?“

„Das Buch von Aryeh Neier ist heute dringender und notwendiger denn je. Seine Verteidigung der Meinungs- und Gedankenfreiheit ist eine Warnung. In diesem Jahrhundert weitet sich die autoritäre Bedrohung aus. (…) Wer die Gefahren für die Demokratie und Bürgerrechte unterschätzt, für den sind Neiers Worte sogar noch relevanter. Lärm zu machen allein, genügt nicht. Es muss ein freies und offenes Aufeinandertreffen von Wahrheit und Falschheit ermöglicht werden.“

Karina Sainz Borgo

Kapitel 1

Medien verstehen

 

Am 25. August 1967 wurde George Lincoln Rockwell in einem Einkaufszentrum in Arlington, Virginia, von John Patlererschossen. Patler, ein Anhänger Rockwells und ehemaliger Kapitän der American Nazi Party (Amerikanische Nazi-Partei), war ausgeschlossen worden, da er in der Partei Zwietracht gesät hatte.

Der Mord an Rockwell beraubte die amerikanische Nazi-Bewegung der Nachweltkriegszeit ihres Hauptorganisators und ihrer einzigen charismatischen Figur. Dank seines Talents, Aufmerksamkeit zu erregen, hatte Rockwell das Trugbild gefördert, der Nazismus sei in den USA mit derselben Kraft wie eine Generation früher, in den Tagen des Bund, wiederaufgetaucht.

Bevor die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten, gab es eine große und gut organisierte Nazi-Bewegung in den Vereinigten Staaten. Der German American Bund (Amerikadeutsche Bund) schaffte es im Jahr 1938, 3.500 Personen im Yorkville Casino an der Upper East Side New Yorks zu versammeln, um Hitlers neunundvierzigsten Geburtstag zu feiern. Die Ferienlager, die der Bund organisierte, scheinen eine Einrichtung gewesen zu sein, um eine eigene Version der Hitlerjugend auszubilden. Die Geschicke des Bund erlebten ab 1940 einen schnellen Niedergang, nachdem Hitler und Stalin ihren Nichtangriffspakt geschlossen hatten. Zwischen den Jahren 1940 und 1941 wurde zunehmend klar, dass die USA in den Krieg gegen die Achsenmächte gezogen werden würden. Außerdem wurde der Anführer des Bund, Fritz Kuhn, ein deutsch-stämmiger Chemiker, der bei der Ford Motor Company angestellt war, festgenommen, was den Niedergang noch beschleunigte. Grund seiner Festnahme war, dass er Gelder des Bund gestohlen hatte.

Obwohl die nazifreundlichen Ansichten unter einigen Bundanhängern sicher auch während der Kriegsjahre vorhanden waren, verschwand ihre Organisation, die auch nach Kriegsende nicht wieder aktiv wurde. Bis zum Bekanntwerden von George Lincoln Rockwell über ein Jahrzehnt nach Ende des Krieges gab es keine ausgesprochene Nazi-Bewegung mehr in den Vereinigten Staaten.

Rockwell war hochgewachsen, gutaussehend und hatte ein gebieterisches Auftreten. Er hatte auch ein Gespür für Dramatik, und erwusste, den Schock und die Angst, die seine öffentlichen Auftritte verursachten, für sich zu nutzen. Rockwell erzielte besonders große Öffentlichkeit, wenn er Genehmigungen für öffentliche Zusammenkünfte beantragte, was oft geschah. Die zuständigen Behörden lehnten seine Anträge meist ab und zeigten ihn obendrein an. Der Bürgermeister von New York City, Robert F. Wagner, lehnte eine dieser Genehmigungen ab, in der Rockwell beantragt hatte, am 4. Juli 1960 eine Demonstration im Union Square Parkabzuhalten. Er argumentierte, die Demonstration sei „eine Einladung eines Möchtegern-Hitlers zu Unruhen und Aufständen“. Schließlich ordnete ein Gericht dem New Yorker Amt für Grünflächen an, Rockwell die Genehmigung zu geben. Jeder Schritt des Verfahrens verhalf Rockwell zu Aufmerksamkeit.

Während seiner Reisen quer durch das Land, um gegen die Ausstrahlung des Films Exodus zu protestieren, bekam Rockwell nie mehr als eine Handvoll Mitstreiter zusammen. Die kalkulierte Entrüstung, die er damit hervorrief, verhalf ihm jedoch immer zu ein paar nützlichen Schlagzeilen. Die Nazis kamen auch zu einem Treffen der Republikanischen Partei mit Schildern, auf denen mit abschätzigen Worten „Rettet Eisenhower vor den Juden“ zu lesen war, und ein einsamer Nazi marschierte, als Schwarzer geschminkt, vor der Versammlung der Demokraten mit einem Schild, auf dem zu lesen war „Ich bin Abgeordneter von Mississippi“.

Rockwell verstand intuitiv die Theorien, die Marshall McLuhan wenige Jahre später in seinem Buch Medien verstehen (Understanding Media) darlegen sollte. Eine Handvoll Nazis in voller Montur würde von visuellen Medien weit mehr Aufmerksamkeit bekommen als eine große und gut organisierte nationale Bewegung, vorausgesetzt sie wählten die Orte ihrer Demonstrationen klug aus.

Während der zehn oder elf Jahre, in denen Rockwell die amerikanische Nazi-Bewegung anführte, erweckte er den Eindruck, er leite eine stabile Organisation. Dabei hatte die American Nazi Party selbst in ihren besten Zeiten Anfang der sechziger Jahre imganzen Land nie mehr als 400 oder 500 Mitglieder. Einige wenige rivalisierende Nazigruppen wie die National Renaissance Party in New York zählten etwa 200 oder 300 Mitglieder.

Der Vorsitzende der National Renaissance Party war James Madole, ein ausgemergelter Mann mittleren Alters, der bei seiner Mutter lebte und von ihr überall hinbegleitet wurde. Sowohl Madole als auch Rockwell wurden Anfang 1967 zu einer Anhörung eines Komitees des Gesetzgebers des Bundesstaates New York geladen, welches rechte Machenschaften in der New Yorker Polizeibehörde untersuchte. Obwohl nicht nachgewiesen werden konnte, dass Rockwell oder Madole Anhänger in der Behörde hatten, sorgte ihr Auftreten vor dem Komitee dafür, dass die Gesetzgeber sich selbst ins Licht der Öffentlichkeit rücken konnten. Um ihre eigenen politischen Karrieren zu begünstigen, indem sie sich als Gegner der Nazis darstellten, waren die Gesetzgeber, die die Anhörung organisierten, vollkommen bereit, auch den Nazis eben die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie für sich begehrten.

Sowohl Rockwell als auch Madole baten die New York Civil Liberties Union um Beistand und so ging ich zu der Anhörung, die beiden rivalisierenden „Führer“ an meiner Seite. Madole und Rockwell redeten kein Wort miteinander. Während ich zwischen ihnen stand, starrten sie sich mit einer Intensität an, die schwer zu vergessen ist.

Als Rockwell starb, ging es mit seiner Organisation, die er in National Socialist White People’s Party (Nationalsozialistische Partei der Weißen, NSWPP) umbenannt hatte, bereits bergab. Es ging das Gerücht um, dass Rockwell und seine Sturmmänner so wenig Geld hatten, dass es gelegentlich nur Hundedosenfutter in ihrem Hauptsitz und Zuhause in Arlington, Virginia, gab.

Nach Rockwells Tod übernahm Matt Koehl die Führung, ein ehemaliger Anhänger Madoles und seiner National Renaissance Party und davor Begründer einer ähnlichen Gruppierung, der National States Rights Party. Koehl, der bereits seit seiner Highschool-Zeit in solchen Randgruppen tätig war, mangelte es an Rockwells öffentlicher Persönlichkeit und seiner Führungsgabe. Gleichwohl behauptete er, Rockwell habe ein Testament hinterlassen, indem er ihm die Führung der Nazis vermachte. Koehls Zieleund Slogans („Freiheit für Rudolf Hess“ war einer davon), sorgten für wenig Begeisterung und die Partei fiel auseinander. Rockwells Vertraute gründeten mehrere neue „nationale“ Parteien in verschiedenen Städten im ganzen Land. Obwohl viele das Wort „national“ in ihrem Namen hatten, waren diese Parteien fast ausschließlich lokal tätig.

Die National Socialist White People’s Party, die ihren Sitz weiterhin in Arlington hat, ist immer noch die größte Naziorganisation des Landes. Sie hat um die einhundert Mitglieder und ein Vielfaches an Unterstützern. Die NSWPP veröffentlicht monatlich eine Zeitung, die White Power. Pro Ausgabe werden circa 10.000 Exemplare gedruckt, die meisten davon werden kostenlos verteilt. Wenn es nach Koehl geht, soll die Partei respektabler werden und eigene Kandidaten in Wahlen aufstellen. Der Gründer, Rockwell, hatte 1965 für das Gouverneursamt von Virginia kandidiert, und einige der NSWPP nahestehende Personen haben sich in den letzten Jahren um lokale öffentliche Ämter beworben. Wenn sie es in Städten wie Baltimore, Milwaukee, St. Louis oder San Francisco auf die Wahlzettel geschafft haben, haben die Kandidaten der NSWPP nie mehr als fünf oder sechs Prozent der Stimmen bekommen.

In Milwaukee haben die Nazis mehr Wahlunterstützung als sonstwo in den Vereinigten Staaten erhalten. Die ersten Nazi-Flugblätter tauchten im Herbst 1974 an den Schulen in Milwaukee auf. Diese waren von einer örtlichen, mit der NSWPP in Verbindung stehenden Gruppe verfasst worden. Die National Socialist White People’s Party organisierte 1975 mehrere Demonstrationen in Milwaukee, eine davon vor dem jüdischen Gemeindezentrum der Stadt. Das Ereignis, das den Nazis die meiste Aufmerksamkeit bescherte, war ein Stand auf der Landwirtschaftsausstellung des Staates Wisconsin in Milwaukee, an dem sie Bilder von George Lincoln Rockwell ausstellten und ein Banner aufhängten, auf dem zu lesen war: „AMERIKA ERWACHE! DIE ENTSPANNUNGSPOLITIK IST EIN TRAGISCHER FEHLER“. Unter den jungen Nazis in SA-Uniform mit Hakenkreuzabzeichen, die den Standbetreuten, war auch Arthur Jones, ein Vietnamveteran und ehemaliger Student der Universität Wisconsin. Ein Jahr später kündigte Jones seine Kandidatur als Bürgermeister von Milwaukee an. Er erhielt fast zweitausend Unterschriften, um es auf den Wahlzettel zu schaffen, und er organisierte eine Kampagne mit bezahlten Anzeigen in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen. Mit etwa fünftausend Stimmen wurde er Vierter in der Vorwahl. Infolge der Nazi-Umtriebe erließ das Milwaukee County Board of Supervisors (Kreistag) 1976 eine Verordnung, in der Gruppendiffamierung auf Grundstücken des County (Landkreis) untersagt wurde. Eine ähnliche Verordnung, die im Milwaukee City Council (Stadtrat) für städtischen Grund und Boden vorgeschlagen worden war, wurde abgelehnt. Obwohl viele jüdische Organisationen diese Verordnungen befürworteten, sprach sich die Civil Liberties Union Wisconsin gegen sie aus. Sie fand wichtige Verbündete in der jüdischen Gemeinschaft, unter ihnen die Anti-Defamation League Wisconsin (Anti-Diffamierungs-Liga, ADL) und das Jewish Council Milwaukee. Robert Freibert, ein bekannter Anwalt jüdischer Angelegenheiten in Milwaukee, beschrieb die Gruppendiffamierungsverordnung in der Zeitung Wisconsin Jewish Chronicle als eine „miserable Gesetzgebung“.

„Das Schreckgespenst der Nazis ist ein widerwärtiges Schreckgespenst“, schrieb er, „aber werfen wir alles, woran wir glauben, über Bord, um eine einzelne Gruppe zu verfolgen? Wir fügen uns selbst eine gewaltige Ungerechtigkeit zu, wenn wir diese Verordnung unterstützen“.

Die NSWPP hatte Beziehungen zu anderen Nazigruppierungen in anderen Ländern durch eine Föderation namens World Unionof National Socialists (Weltunion der Nationalsozialisten), die Rockwell gegründet hatte. Obwohl diese Gruppierung hauptsächlich auf dem Papier und in den Fantasien Koehls und seiner Anhänger existiert, war sie doch in der Lage, eine Begrüßung für Koehl bei seinem Deutschlandbesuch 1975 zu organisieren. Der Empfang wurde von einem Kampfpiloten der Luftwaffe aus der Hitlerzeit organisiert, der sich weiterhin als Nazi bekannte.

Die anderen amerikanischen Nazigruppierungen, etwa ein Dutzend, sind wesentlichen kleiner als die NSWPP. Sie reichen von einer winzigen, aber relativ vermögenden Gruppierung mit Sitz in Reedy, West Virginia, die von dem Geschäftsmann und Nachkriegsimmigrant George P. Dietz (dessen Vater in Deutschland bei der SS gewesen war) finanziert wird, bis hin zu einer Gruppe in Los Angeles, die sich selbst als Amerikas erste homosexuelle Naziorganisation beschreibt. Die Gruppierung aus Los Angeles, die National Socialist League, hält ihre Zusammenkünfte in Schwulenbars ab. Sie wird von anderen Naziorganisationen nicht als authentisch anerkannt, weil sie darauf abziele, ihre Bewegung in Verruf zu bringen. Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppierungen werden oft gewaltsam geklärt. In einer dieser Streitigkeiten wurde Joe Tomasi, ein Nazianführer derbWestküste und vermutlich der charismatischste Anhänger Rockwells, 1975 erschossen.

Die Naziorganisation, die in den letzten zwei Jahren am meisten im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand, ist jedoch die National Socialist Party of America (Nationalsozialistische Partei Amerikas). Ihre fünfundzwanzig oder dreißig Mitglieder versammeln sich mit Braunhemden, Uniformen und schwarzen Stiefeln vor dem Sitz ihrer Partei, der Rockwell Hall, einem Ladenlokal im Südwesten Chicagos. Francis Joseph (Frank) Collin, der Anführer der Partei, der mit seinem Schäferhund und zwei Anhängern über dem Parteisitz wohnt, widmet sich den Parteiangelegenheiten in Vollzeit. Die National Socialist Party of America hat auch einige Anhänger in Missouri, Texas und Kalifornien.

Jerry McGhee, Vorsitzender der Chicagoer Ortgruppe der NSWPP, und seine Organisation können mit Frank Collin nichtsanfangen. „Wir mögen vielleicht die gleiche Philosophie teilen“, sagt McGhee, „aber wir billigen seine Taktiken nicht. Er ist gewalttätig. Wir glauben an die Zusammenarbeit mit dem Gesetz.“ Collin schlägt Misstrauen auch seitens anderer Nazigruppierungen im ganzen Land entgegen, weil er angeblich jüdische Vorfahren hat.

Obwohl Frank Collin dies mehrmals energisch abgestritten hat, ist es wahrscheinlich, dass sein Vater, Max Collin, ein Jude ist, der eine drei-monatige Gefangenschaft im Konzentrationslager Dachau überlebte. Max Collin, der seinen eigentlichen Namen Max Cohn vermutlich 1946 geändert hat, hat seinen Sohn offensichtlich nie gesehen. FrankCollins Mutter ist keine Jüdin, und er wurde als Katholik erzogen.

Wenn die Behauptung wahr ist, dass Frank Collin Sohn eines Juden ist, wäre er damit nicht der erste amerikanische Nazi mit dieser Herkunft. 1967 fand ein Journalist der New York Times heraus, dass ein Naziaktivist aus New York als Jude geboren worden war. Als sie den Nazi interviewten, drohte dieser damit, sich umzubringen, sollte die Times seine Herkunft veröffentlichen. Die Times brachte den Artikel heraus und der Nazi nahm sich das Leben.

Frank Collin trat George Lincoln Rockwells American Nazi Party im Jahr 1965 bei. Kurz nach Rockwells Tod brach er mit der daraus entstandenen National Socialist White People’s Party. Laut Collin fand dieser Bruch auf seinen Wunsch hin statt, da die NSWPP unfähig sei und ihre Anführer Abschaum seien. Laut Collins ehemaligen Kollegen in der NSWPP wurde er aus der Partei gedrängt, weil sie seine jüdische Abstammung entdeckt hatten. Höhnisch haben sie eine großzügige Belohnung für denjenigen angeboten, der beweisen kann, dass Collin kein Jude ist. Außerdem beschuldigen sie Collins, Geldmittel der Partei verwendet zu haben, um seine eigene Organisation in Chicago zu gründen.

In der gegenwärtigen Generation von Nazis ist Frank Collin derjenige, der George Lincoln Rockwell, was Talent und Führungsstilangeht, am nächsten kommt. Er hat zwar nicht Rockwells anziehende Attraktivität (sein Hitler-Haarschnitt sieht lächerlich aus), aber seine öffentlichen Aussagen sind heftig: „Mein Leben ist eine Kugel“, sagt er, „die auf den Feind zielt.“ Wenn man ihn danach fragt,wie er ein Nazi geworden ist, erzählt er gerne, dass er als Kind einen Antinazi-Film der Anti-Defama- tion League im Fernsehen gesehen habe. In dem Film wurde auch Hitler in einigen Sequenzen gezeigt. „Ich sah dort einen großen Mann“, sagt Collin, „einen Mann, der sich ganz und gar etwas Mächtigem verschrieben hatte. Seitdem habe ich Hitler geliebt.“

Das Viertel um den Marquette Park im Südwesten Chicagos, in dem sich Rockwell Hall befindet, besteht vor allem aus bescheidenen und ordentlichen Einfamilienhäusern. Die Straßen sind mit Bäumen gesäumt, die Rasen sorgfältig gepflegt. Diemeisten Bewohner sind einfache Arbeiter, deren Familien aus Osteuropa stammen. Marquette Park ist überwiegend weiß. Es ist auch ein Viertel, in das Afroamerikaner aus der Nachbarschaft ziehen, die aus ihren überfüllten Ghettos wegwollen. Die Rassentrennung ist um den Marquette Park zu einem erheblichen Problem geworden. Eine Botschaft, die an eine Seitenwand von Rockwell Hall geschrieben wurde, drückt die vorherrschende Ansicht der weißen Anwohner von Marquette Park aus: „Neger, geh nach Hause“, steht dort. Diese Botschaft und eine ähnliche, nämlich „NEGER, AUFGEPASST! Marquette Park bleibt weiß“, findet sich bei Demonstrationen auf vielen Bannern weißer Teenager. Auf einigen dieser Banner sind Hakenkreuze zu sehen.

In den Jahren 1976 und 1977 haben die Afroamerikaner mehrere Versuche unternommen, in dem Park, der dem Viertel und den umliegenden Straßen seinen Namen gibt, zu demonstrieren. Manche ihrer Demonstrationen wurden von dort wohnenden Teenagern gestoppt, andere von der Polizei. Einmal bekam die Martin Luther King, Jr. Movement Coalition die Genehmigung, eine Parade zu veranstalten. Ein großes Polizeiaufgebot sollte bereitstehen, um sie zu beschützen. Als die ersten Mitglieder der Koalitionzur Parade ankamen, war nur eine relativ kleine Anzahl Polizisten anwesend. Ein Anführer der Koalition habe am Abend davor angerufen, um den Aufmarsch abzusagen, behauptete die Polizei. Sie hätten nicht ausreichend Polizisten, um den Marsch zubeschützen, weshalb er nicht durchgeführt werden könne. Als einige Mitglieder der Koalition versuchten, trotzdem zu marschieren, verhaftete die Polizei die Demonstranten. Das hielt einige weiße Teenager des Marquette-Viertels nicht davon ab, mit kleinen Krawallen darauf zu antworten. Mehrere Polizisten wurden verletzt. Ein anderes Mal wurde ein Justizbeamter, der außer Dienst war, bei anti-schwarzen Unruhen von Marquette-Park-Teenagern erschossen.

Die „rassebedingten“ (racial) Spannungen in Marquette Park sind für Frank Collin ein fruchtbarer Boden zum Beackern. Von daher ist es überraschend, dass die National Socialist Party of America nicht bedeutend gewachsen ist. Trotz all der Aufmerksamkeit durch die Presse, die Collins bekommen hat, ist seine Organisation weiterhin winzig. Und er war, vielleicht aufgrund des Misstrauens, das ihm wegen seiner mutmaßlichen jüdischen Abstammung entgegenschlägt, nicht in der Lage, die Nazigruppierungen des Landes unter seiner Führung zu vereinen. Diese sind weiterhin so gespalten und verfeindet wie seit dem Tod George Lincoln Rockwells, der bereits über ein Jahrzehnt zurückliegt.

Obwohl es keine Hinweise für eine organisatorische Verbindung zwischen den Nazis und dem Ku Klux Klan (KKK) gibt, wechseln manche der Anhänger ihre Gruppenzugehörigkeit. Auf Bildern, die in Zeitungen im ganzen Land während des Prozesses um die Chicago Seven5 im Jahr 1969 erschienen, sieht man einen einzelnen Mann in Naziuniform, der vor dem Bundesgericht demonstriert, in dem der Prozess stattfand. Es handelte sich um David Duke, mittlerweile Anführer der Knights of the Ku KluxKlan.

Mit Sitz in Metairie, Louisiana, ist Dukes Gruppierung eine der rund ein Dutzend Organisationen im Land, die den Klan-Namen verwenden. Wie bei den Nazis, haben die verschiedenen Klan-Organisationen wenig miteinander zu tun. Ein Großteil ihrer Zeit verwenden sie darauf, interne Fehden auszutragen. Die natürliche Tendenz aller politisch radikalen Gruppierungen, mit interner Kriegsführung beschäftigt zu sein, ist bei den Klan-Organisationen zweifellos noch verschärft, was an der weitreichenden Infiltration durch verdeckte Polizeibeamte liegt. Dies ist ein Erbe der gewalttätigen Rolle verschiedener Klan-Organisationen im Widerstand gegen die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre. Sie machte jede Gruppierung, die sich Klan nannte, zu einem Hauptziel der Überwachung und Infiltration durch das FBI.

Die Klan-Organisation von David Duke scheint ein wenig größer zu sein als Frank Collins National Socialist Party of America. Sie ist trotzdem unbedeutend klein. Es gibt andere, wesentlich größere Klan-Organisationen. Dennoch hat Duke, genau wie Collin, gemessen am Umfang seiner Bewegung verhältnismäßig viel Aufmerksamkeit erlangt. In einem Brief an seine Anhänger, in dem er die Errungenschaften des Jahres 1977 feiert, prahlte Duke: „Dieses Jahr bin ich in circa 225 Radio- und Fernsehsendungen aufgetreten und habe unsere zentrale Botschaft an über 90 Millionen Personen gerichtet. Und das schließt nur diejenigen ein, die meine Interviews direkt verfolgt haben, ganz abgesehen von den vielen Millionen mehr, die Nachrichten- und Zeitschriftenartikel gelesen oder Radio- und Fernsehberichte über unsere Tätigkeit gehört haben.“ Duke übertreibt, aber er hat tatsächlich viel Aufmerksamkeit bekommen. Er war bislang allerdings nicht in der Lage, diese Aufmerksamkeit in ein Wachstum seiner Organisation umzusetzen. Die älteren und besonneneren Klan-Gruppierungen, die keine charismatischen Anführer haben, haben immer noch mehr Mitglieder.

Ist der Nationalsozialismus in den USA wieder auferstanden? Wie gefährlich sind diese Banden, die in Uniform marschieren und sich untereinander so sehr hassen, wie sie alle anderen hassen? Das American Jewish Commitee (AJC), welches die antisemitischen Gruppierungen in den Vereinigten Staaten genau beobachtet, veröffentlichte im November 1977 einen Bericht mit dem Titel „American Nazis – Myth or Menace?“ (Amerikanische Nazis – Mythos oder Bedrohung?). Die Bestandsaufnahme über die Naziorganisationen kommt zu dem Schluss, dass diese politisch machtlos sind. „Wenn es ihr absolutes Ziel ist, die vorherrschende politische Macht zu werden, wie diese verzweifelten Nazigruppierungen behaupten“, so der von dem Mitarbeiter des AJC Milton Ellerin verfasste Bericht, „dann zeigen sie eine abgrundtiefe Ignoranz gegenüber allem, was die amerikanische Wählerschaft bewegt. Der amerikanische Nazismus ist daran gescheitert, eine motivierende Weltanschauung zu entwickeln oder einen Politiker von Format für seine Sache zu gewinnen. Weder Rockwell noch sonst einer der Möchtegern-Führer haben ein Parteiprogramm entworfen, das sich realistisch an die Sorgen der einfachen Arbeiter oder der Mittelklasse wendet, woher bislang ihre einzigen Rekruten stammen. Kein Nazi hat bisher Probleme wie Inflation, Arbeitslosigkeit, Lebensqualität, Straßenkriminalität, Umwelt, Steuern, Löhne oder Außenpolitik angesprochen.“ Die Anti-Defamation League, die solche Gruppierungen ebenfalls überwacht, unterstützte diese Ansicht in einem Bericht vom März 1978. „Die amerikanische Nazibewegung“, schreibt die ADL, „ist politisch machtlos und dient einzig und allein der Erzeugung bösartiger Hasspropaganda, gelegentlicher Straßengewalt und örtlicher Unruhestiftung. Obwohl sie oftmals sehr viel Aufmerksamkeit bekommt, verdeutlicht ihrlandesweites Netzwerk mit 1.000 bis 1.200 Mitgliedern (in einem Land von 217 Millionen), dass ihre Sichtbarkeit in keiner Relationzu ihrer Zahl steht.“

Der Bericht des American Jewish Committee stellt außerdem fest, dass eine kürzlich erschienene Veröffentlichung der Nazis unverblümt genug war, zuzugeben, dass „wir zu unseren Unterstützern alleArten von Taugenichtsen, Polizeispitzeln, Kostümfreaks, Dilettanten, rechten Spinnern, religiösen Fanatikern, Anarchisten und Nihilisten zählen“. In seiner Einschätzung der Bewegung kommt das American Jewish Committee zu dem Schluss: „Die Gefahr des amerikanischen Nazismus besteht also nicht darin, dass er in der Lage ist, die Amerikaner zu verschlingen oder Einfluss auf unsere Regierung und ihre Institutionen zu nehmen.“

Die Aussagen der Anti-Defamation League und des American Jewish Commitee, die Nazis seien politisch machtlos, bedeuten nicht, dass diese beiden Organisationen keine Gefahr in der Nazibewegung sehen. Die ADL schreibt, dass die Nazis „das Potential haben, vorübergehende Begeisterung aus örtlichen Spannungen zu ziehen und gelegentliche Unruhen mit oft tragischen Konsequenzen zu stiften.“ Selbst wenn die Nazis nie die Regierung der Vereinigten Staaten übernehmen werden, schreibt das AJC, sind sie fähig zu Brutalität und Gewalt gegen Einzelne. Ein bizarrer Vorfall in Chicago im Mai 1977 verdeutlichte das: Raymond Schultz, ein Nazi, ermordete Sydney Cohen, einen Juden, indem er diesen dazu zwang, Blausäure einzuatmen. Dieses Gift wurde von den Nazis eingesetzt, um die Juden in den Todeslagern in Deutschland und Osteuropa zu ermorden. Als Schultz festgenommen wurde, nahm er sich mit demselben Mittel das Leben, während er sich in Polizeigewahrsam befand. Ermittlungen fanden später heraus, dass Schultz eine große Sammlung giftiger Chemikalien, Bombenteile und Munition gehortet und eine Liste bekannter Chicagoer Juden als Mordziele zusammengestellt hatte. Einige Monate zuvor brachte ein anderer Nazianhänger, Frederick Cowan, in New Rochelle, New York, fünf Menschen um, bevor er sich selbst erschoss. Im Dezember 1977 wurde gegen fünf Anhänger Frank Collins wegen versuchten Mordes Anklage erhoben. Diese hatten an gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Nazis und Mitgliedern der Jewish Defense League teilgenommen, die sich vor einem Hotel in Chicago ereigneten, in dem ein Dinner zugunsten der Development Corporation for Israel stattfand. Ebenfalls 1977 feuerte ein Siebzehnjähriger in Charlotte, North Carolina, auf eine Gruppe Afroamerikaner, die an einem Picknick zum Tag der Arbeit teilnahmen. Eine Person kam um, drei wurden verletzt. Der junge Mann nahm sich daraufhin das Leben. Die Polizei in Charlotte gab an, der Jugendliche sei ein Nazi gewesen. „Die Sorge“, so das American Jewish Committee, „sollte sich auf den schädlichen Einfluss (des Nazismus) auf emotional instabile oder fanatische Anhänger richten, die aufgrund von geschürtem und aufgestautem Hass handeln. Das ist eine Gefahr, die allen Amerikanern zudenken geben sollte.“

 

Quelle: “Kapitel 1. Medien verstehen”, in: Aryeh Neier, Meinen Feind verteidigen. Amerikanische Nazis, der Fall Skokie und die Risiken der Freiheit. Übersetzt von Franziska Dinkelacker. Hrsg. v. Irmtrud Wojak, Joaquín Gonzáles Ibáñez und Holger Buck. 1. Auflage. BUXUS EDITION: Bochum, 2021, URL: https://www.fritz-bauer-forum.de/shop/meinen-feind-verteidigen/