Dem Sturm sieh Ins Angesicht! Denn Du sollst alles wissen. Jura Soyfer

Voll Hunger und voll Brot. Die Welt des Jura Soyfer 1912-1939

Dorothy James

  • Übersetzt von Irmtrud Wojak
  • Fritz Bauer Bibliothek, Bd. 1. Hrsg. von Irmtrud Wojak und Ben Miller
  • 1. Auflage. BUXUS EDITION 2021, 178 S., Hardcover

19,00 Euro (inkl. USt, zzgl. Versandkosten)

Jura Soyfers Familie floh 1920 aus der Ukraine nach Wien, wo Jura das Gymnasium besuchte und dem Verband Sozialistischer Mittelschüler beitrat. Früh entdeckte er das Schreiben, verfasste Gedichte und Theaterstücke, schrieb satirische Texte, arbeitete mit dem Politischen Kabarett der Sozialdemokratischen Partei und wurde später Hausautor bei verschiedenen Wiener Kleinkunsttheatern.

Enttäuscht über das Stillhalten der sozialdemokratischen Parteiführung schloss er sich nach den Februarkämpfen 1934 der Kommunistischen Untergrundbewegung an. Sein unvollendeter Roman So starb eine Partei ist ein Schlüsseldokument für die mutige Entscheidung, sich aktiv am politischen Widerstand gegen den (Austro-)Faschismus zu beteiligen. Jura Soyfer verfasste das berühmte „Dachau-Lied“. Es sollte sein letzter Akt des Widerstands sein, er wurde im KZ Buchenwald um sein mutiges, junges Leben gebracht.

Dorothy James (New York), Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin, erzählt anschaulich und mit tiefem Verständnis vom Widerstand und Überlebenskampf des Jura Soyfer.

Einleitung

Jura Soyfer, 1912–1939


„Ich bin sehr, sehr unzufrieden mit mir.“

Die Stimme von Jura Soyfer am 8. August 1932. Er ist noch keine zwanzig Jahre alt, aus Berlin schreibt er an seine Freundin Marika in Wien. Er versucht ihr zu erklären:

„Ich habe immer das Gefühl, neben dem Strom des Geschehens zu laufen, in dem ich schwimmen sollte, von ihm durch eine blöde Hecke getrennt. Jeder Tag schmeckt wie eine verlorene Chance.“

Was macht dieser junge Österreicher in Berlin, gerade einmal ein paar Monate bevor Hitler dort an die Macht kommt?

* * *

Jura war als Student an der Universität Wien eingeschrieben, bevor er zu seiner Reise per Anhalter quer durch Österreich und Deutschlandnach Berlin aufbrach, als selbsternannter Reporter für die österreichische Arbeiter-Zeitung. Die angesehene und weit verbreitetesozialdemokratische Tageszeitung hatte bereits viele der satirisch-politischen Gedichte veröffentlicht, die er seit seiner Schulzeit in Wien inWindeseile herausgebracht hatte. Er hoffte, dass sie nun seinen Bericht aus erster Hand über das, was er in Deutschland sah und erlebte, veröffentlichen würden. Als Student der Germanistik und Geschichte hatte er in seinem ersten Jahr an der Universität weniger Zeit für sein Studium aufgebracht, als vielmehr für intensive politische Auseinandersetzungen und Aktionen, für das Schreiben von Gedichten für die sozialistische Presse, für die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Aktivisten beim Verfassen von Texten für das politische Kabarett. Jetzt, für kurze Zeit weg von Wien, hatte er seinen Bestimmungsort in Berlin zu einem Zeitpunkt erreicht, der sich als die letzten Monate der Weimarer Republik herausstellen sollte.

Aus seinen Briefen an Marika wissen wir, dass der junge angehende Berufsjournalist auf seiner Reise mit vielen Menschen sprach, mit Nazis und Kommunisten ebenso wie mit Sozialdemokraten – junge Intellektuelle aus Kreisen wie dem seinen in Wien, und ältere erfahrene Arbeiterpartei-Anhänger; er verbrachte Zeit in Archiven, sammelte Daten und Fakten, und während er die ganze Zeit schrieb, war er sich eindringlich bewusst, dass der Übergang Deutschlands in den Faschismus die Totenglocke seiner eigenen Republik Österreich läutete. Auf seinem Weg mit ein paar Groschen durch Deutschland, wobei er bei Kontaktpersonen aus seinen politischen Verbindungen übernachtete, hatte er die Nazi-Straßenwehren bereits selbst gesehen und über ihre Brutalität geschrieben, auch über die immer verzweifelteren Abwehrkämpfe der organisierten, jedoch gespaltenen Kräfte der Arbeiteropposition. Er hatte Adolf Hitler bei einer Kundgebung inBraunschweig sprechen hören und war, wie er sich ausdrückte, „über die Geistlosigkeit und Brutalität dieses Massenbezauberers baff “.

Der Strom der Ereignisse in Deutschland bewegte sich ungezügelt, schnell, unerbittlich, in diesem August in Berlin, während Jura sich als nutzloser Zaungast fühlte. Die Arbeiter-Zeitung hatte bereits zwei seiner Artikel veröffentlicht, einen mit dem alarmierenden Titel „Bericht aus dem deutschen Bürgerkrieg“. Warum war er so unzufrieden mit sich selbst? Er wollte als Schriftsteller ernst genommen werden, um seine Schriften zu verkaufen, um sich finanziell von seinen Eltern unabhängig zu machen – Motive, die junge Menschen in allen Artenvon Gesellschaften teilen –, aber er wollte auch, und das lag nun speziell an der Zeit und dem Ort, an dem er lebte, die Welt zu einem Besseren hinverändern. Das Deutschland und das Österreich der 1930er Jahren waren, um auch nur eine dieser Wunschvorstellungen zu verwirklichen, für jeden schwierige Orte, besonders aber für einen Sozialisten und Juden.

Bei Jura Soyfer waren die beiden starken Impulse – der persönliche Ehrgeiz eines zukünftigen Schriftstellers und der altruistische Ehrgeiz eines politischen Aktivisten –, kaum voneinander zu trennen. Das Gefühl, dass er nie genug tat, um eines von beiden Motiven zu erfüllen, trieb ihn in diesem Berliner Sommer voran und weiter durch seine allzu kurzen Jahre des aktiven literarischen und politischen Lebens in Wien bis zur Rückkehr nach Deutschland im Sommer 1938, dieses Mal nicht als Anhalter hoffnungsfroh und schlagfertig, sondern als Gefangener, der in einem Güterwagen unter der brutalen Aufsicht der SS zurücktransportiert wurde, um im Alter von 26 Jahren im Konzentrationslager Buchenwald zu sterben.

Zitat: “Einleitung. Jura Soyfer 1912-1939”, in: Dorothy James, Voll Hunger und voll Brot. Die Welt des Jura Soyfer 1912-1939. Übersetzt von Irmtrud Wojak. Fritz Bauer Bibliothek, Bd.1. BUXUS EDITION: Bochum, 2021, URL: https://www.fritz-bauer-forum.de/shop/voll-hunger-und-voll-brot-die-welt-des-jura-soyfer-1912-1939/