Das „Nie wieder!“ der Überlebenden ist mehr als die Aufforderung, das Leid von Anderen zu erinnern. Es ist eine bleibende Herausforderung zu einem aktiven „Nein!“ gegenüber Unrecht und Menschenrechtsverletzungen.

Irmtrud Wojak

Die Gründerin Irmtrud Wojak

Irmtrud Wojak, die Gründerin der BUXUS STIFTUNG, stammt aus dem Ruhrgebiet. Bereits in der Schulzeit interessierten sie die Ursachen von sozialer Ungleichheit und Menschenrechtsverletzungen. Sie wollte etwas dagegen unternehmen, studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Ruhruniversität, engagierte sich für die Städtepartnerschaft der Stadt Bochum mit Boaco/ Santa Lucia in Nicaragua und half dort mit beim Aufbau eines Waisenhauses für Kinder, deren Eltern Opfer des Krieges der USA gegen das mittelamerikanische Land wurden. Ihr Engagement in der Chile-Solidarität führte sie schließlich ab 1989 immer wieder nach Lateinamerika.

In Nicaragua und Chile, später auch Uruguay und Argentinien erlebte Irmtrud Wojak die Realität von Armut und Gewalt und lernte den Mut von Menschen kennen, die aus völlig verschiedenen Gründen um ihre Rechte kämpfen mussten und dies auch taten. Dort in Lateinamerika schrieb sie auch ihre Dissertation über die von den Nazis verfolgten politischen Regimegegner und die Überlebenden des Holocaust.

Zurück in Deutschland engagierte sie sich in den 1990er Jahren als Vorsitzende des Vereins „Erinnern für die Zukunft e.V.“ und lud Überlebende des Holocaust aus vielen Ländern zu einem Besuch nach Bochum ein. So begegnete sie erneut Menschen, die Inhaftierungen in Konzentrationslagern überstanden hatten und Menschen, die bereit waren, die Orte zu besuchen, von wo aus sie hatten fliehen müssen, die Orte, wo ihre Angehörigen und Freunde ermordet worden waren. Woher nahmen sie die Kraft dazu, was bewegte sie? Solche Fragen bestärkten das wachsende Unbehagen der Historikerin an einer immer dominanteren Erinnerungskultur, die Überlebende lediglich als Opfer sieht und ihren Widerstand aus dem Bewusstsein verdrängt. Was machte es für einen Sinn, fragte sie sich, Genozid und Mordmotive zu erforschen, wenn der Widerstand der Opfer und Überlebenden darüber vergessen wird?

Das Übersehen dieser Seite der Geschichte erlebte Irmtrud Wojak auch im Frankfurter „Fritz Bauer Institut. Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust“ . Und dies, obwohl gerade der Jurist und Namensgeber des Instituts, Dr. Fritz Bauer, zeitlebens dafür gekämpft hatte, dass da, wo die Menschenwürde verletzt wird, ein Recht und sogar die Pflicht zum Widerstand besteht und anerkannt werden muss. Doch in den 1990er Jahren war der Widerstand gegen das Nazi-Regime, abgesehen von Märtyrern wie Graf von Stauffenberg, die Geschwister Hans und Sophie Scholl, später Georg Elser, quasi aus der Öffentlichkeit und politischen Bildung verschwunden und Antifaschismus gar zum Tabuwort geworden. Das gängige Geschichtsbild bestand nur noch aus Tätern, Opfern und Zuschauern.

In ihrer Zeit als Mitarbeiterin am Fritz Bauer Institut kuratierte Irmtrud Wojak eine Ausstellung zum Auschwitz-Prozess (2004) und habilitierte sich später mit einer Biographie über Fritz Bauer an der Leibniz-Universität in Hannover (2008). Aufgrund dieser Arbeiten und in zahlreichen weiteren wissenschaftlichen Beiträgen setzte sich Irmtrud Wojak dafür ein, dass die Sichtweise der Überlebenden des Holocaust und ihr Kampf für mehr Gerechtigkeit nicht in Vergessenheit geraten sollte. Wer die Würde eines Anderen verletzt, betont sie, verletzt auch die eigene Menschenwürde. Mit dieser Ansicht positionierte sich die Historikerin gegenüber dem gängigen Geschichtsbild. Das „Nie wieder!“ der Überlebenden sei mehr als die Aufforderung, das Leid von Anderen zu erinnern. Es sei eine bleibende Herausforderung zu einem aktiven „Nein!“ gegenüber Unrecht und Menschenrechtsverletzungen.

Nachdem der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen sein Archiv geöffnet hatte, engagierte sich Irmtrud Wojak ab 2008 dort als Historikerin für die Öffnung der Einrichtung für die Forschung. Sie initiierte die Einrichtung der Präsenzbibliothek der heute “Arolsen Archives”.

2009 wurde Irmtrud Wojak zur Gründungsdirektorin des Münchner NS-Dokumentationszentrums berufen und war als solche bis 2011 tätig. Sie konzipierte das geplante Zentrum als offenes Forum für Dialog und Menschenrechtsbildung. Es sollte die Geschichte von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und von den Opfern des Genozids ebenso dargestellt werden wie die Geschichte von deren Kampf und ihrem Widerstand gegen Menschenrechtsverletzungen. Dieses Konzept führte aber auch zu Auseinandersetzungen mit der Stadt München und es verstärkte sich ihr Wunsch, sich selbständig zu machen und sich unabhängig von Einflussnahmen unterschiedlicher politischer Interessen aktiv für das Vermächtnis Fritz Bauers zu engagieren.

Sie entwickelte die Idee zu einer Fritz Bauer Bibliothek, einem interaktiven Forschungsprojekt, das weltweit Geschichten vom Widerstand und vom Überleben dokumentiert und erzählt. Um dieses Projekt zu verwirklichen, gründete sie 2013 die BUXUS STIFTUNG. Unterstützt wurde sie von Irmgard Schmidt und Jens Mittelsten Scheid.

Ein einjähriges Stipendium am Radcliffe Institute der Harvard Universität ermöglichte es ihr, die interaktive Bibliothek 2014/15 zu erproben, 2017 wurde das Projekt mit einem internationalen Forschungsseminar am Radcliffe Institute ausgezeichnet.

2019 ging die interaktive Bibliothek in Bochum online.

Dort in Bochum fand sich nun auch eine geeignete Immobilie an einem faszinierenden Ort, an dem die BUXUS STIFTUNG nunmehr das Fritz Bauer Forum, die Fritz Bauer Bibliothek (die, wie Irmtrud Wojak sagt, „Bibliothek mit den mutigsten Geschichten der Welt“), das Fritz Bauer Archiv und die Betreuung des Fritz Bauer Blogs einrichten und verwirklichen wird.

Nach der Vorstellung von Irmtrud Wojak werden alle diese Arbeitsbereiche dem Ziel verpflichtet sein, den Mut und die Stärke von Überlebenden und Bedrängten zu vermitteln, deren Widerstand immer schon „Kampf um des Menschen Rechte“ ist. Das Forum soll ein Ort des geschützten Austauschs und der Ermutigung sein. Durch Dialog, Kunst und mediale Vermittlung soll das mutige, oft risikoreiche und aufopferungsvolle „Nein!“ zu Unrecht in unserer Geschichte und zu den Menschenrechtsverletzungen in unserer Zeit weltweit erzählt, erforscht, bestärkt und weitergetragen werden.

URL: https://www.fritz-bauer-forum.de/ueber-uns/ueber-die-gruenderin/