19.03.2020

“Wir wollen die gesamte Widerstandsbewegung reformieren”

Der Menschenrechtsaktivist aus Eritrea im Gespräch mit Susanne Berger (Washington D.C.)

Samson Solomon ist der Sohn des ehemaligen Direktors für Telekommunikation Solomon Habtom. Habtom wurde 2003 verhaftet. Vierzehn Jahre lang verbrachte er ohne Anklage oder Gerichtsverfahren im Carcheli Gefängnis in Asmara, ohne jeglichen Kontakt zu seiner Familie oder zur Aussenwelt. Er verstarb 2017.

Samson Solomon kam 2002 nach Deutschland. Er studierte Linguistik, Politikwissenschatten und Soziologie an der Universität Marburg. Heute lebt er in Frankfurt. Nach dem Tod seines Vaters entschloss sich Samson den Kampf für Demokratie und Rechtstaatlichkeit in Eritrea in seinem Sinne weiter zu führen. Er ist Mitbegründer der YAKIL! (Es reicht!) Protestbewegung. Er leitet Seminare und Workshops mit dem Ziel, die eritreische Gemeinschaft im Exil politisch zu engagieren. 2019 veröffentlichte er sein erstes Buch, Risti Gujle 15 (Das Erbe der G-15).

 

“Es reicht! – Wir haben einen 14-Punkte-Plan”

SB: Du bist einer der Mitbergründer und Hauptaktiven in der eritreischen Protestbewegung “Yakil!” die 2018 ihre Anfänge in den sozialen Medien hatte. Wie kam es dazu und worum genau geht es bei dieser Bewegung?

SS: Es fing damit an, dass einige Aktivisten auf Twitter und Facebook diesen Ruf, dieses Motto benutzt haben – Amanuel Dawa in den USA zum Beispiel und auch die schwedische Journalistin und Aktivistin Meron Estefanos in Schweden. Sie waren die ersten, die diese neue Kampagne auf Facebook aufgegriffen haben. “Yakil!” heisst auf Deutsch “Es reicht!”, “Genug ist genug!” Das ist ähnlich wie die “Kifaya!” Bewegung in Ägypten – “Kifaya” heisst auch “Genug” auf Arabisch. Es reicht uns einfach, dass wir unterdrückt werden, dass man über die schlimme Situation in Eritrea schweigt.

Wir haben dann andere Aktivisten aufgefordert, den Ruf aufzunehmen und zu verbreiten. So hat sich das dann entwickelt. Wir haben auch versucht, in jeder Stadt so eine “Yakil!” Gruppe zu gründen. Das hat anfangs auch gut geklappt, viele Städte haben sich zusammengetan und Gruppen organisiert. Das lief dann sowohl online als auch offline. Wir haben dazu auch ein spezielles Satellitenfersehen (ERISAT) gegründet, dass diese Bewegung und unsere gesamte Arbeit nach Ertirea überträgt. Das hat viele positive Reaktionen ausgelöst.

SB: Was genau sind jetzt Eure Ziele, wie versucht Ihr sie zu verwirklichen?

SS: Das ist ja alles ganz plötzlich enstanden, ohne festes Programm. Wir haben jetzt erstmal versucht, einen ersten Plan zu erstellen, um dem ganzen eine konkretere Form zu geben. Wir haben zum Beispiel ein 14-Punkte-Programm zusammengestellt, das die Yakil!-Bewegung aufgreifen und verwirklichen soll (siehe Anhang – SB). Grundsätzlich geht es uns darum, die eritreische Regierung im Ausland, da wo wir leben, zu schwächen und zu bekämpfen. Denn das Regime in Eritrea ist auch ganz stark im Ausland aktiv. Die Botschaft überwacht und belauscht Aktivisten, sie bedrohen uns und versuchen, uns einzuschüchtern. Sie sind auch sehr stark in den Kirchen vertreten und genau an diesen Punkten, also da, wo das Regime stark agiert, wollen wir es bekämpfen.

SB: Das Regime schwächen heisst also auch, Ihr wollt der offiziellen Propaganda entgegenwirken?

SS: Ja, genau. Das Problem ist, dass Yakil!, wie ich schon anfangs sagte, im Grunde eine Protestbewegung ist, die aber auch zu konkreten Aktionen führen soll. Wir haben leider viel zu viel Zeit verschwendet, uns zu organisieren, anstatt einfach direkt gegen das Regime zu agieren. Zweitens sollten die Aktionen dezentralisiert sein, also jede Stadt sollte sich unter dem Motto “Yakil!” selbst organisieren, ihre eigene Kampagne führen. Das ist aber in unserer Gesellschaft, in unserer Tradition nicht unbedingt üblich. Man hat auch versucht, landesweit, also in Deutschland, Schweden, den USA und so weiter eine Kampagne zu starten. Aber genau dann, wenn man anfängt, unter einem Dach zu agieren, läuft man Gefahr, dem Regime in die Hände zu arbeiten.

SB: Also Ihr versucht mit dieser Kampagne hauptsächlich über die sozialen Medien eine Woge des Protests auszulösen, die das Regime von außen überwältigen soll, aber auch von innen schwächt, so dass in Erirtrea selbst Widerstand ensteht. Du erwähntest bereits vorhin das Satellitenfernsehen, dass ihr gegründet habt, um die Bevölkerung in Erirtrea zu erreichen. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht einfach ist, denn die Menschen dort haben ja keine Möglichkeit zum Protest. Also, wie genau sieht das aus und was erhofft Ihr euch von diesen Fernsehprogrammen?

SS: Wir vemitteln zum Beipsie. Informationen inner- und außerhalb Eritreas über gewaltlose Bewegungen, über Protestentstehung, über zivile Ungehorsamkeit, und so weiter Wir versuchen das auch an ganz konkreten Beispielen zu zeigen, wodurch wir auch viel Feedback erhalten. Viele haben darauf reagiert, versuchen sich jetzt irgendwie zu organisieren, Plakate und Flyer zu erstellen, um Informationen zu verbreiten, auch direkt in Eritrea. Das ist eine gewaltlose Aktion und es ist natürlich sehr schwer, dort Fuß zu fassen. Aber gerade der Anfang ist immer der schwerste Teil. Das Problem ist auch, dass viele, die sich engagiert haben, sich in Gefahr gebracht haben und später verhaftet wurden oder fliehen mussten. Und alle Aktionen, die viel Zeit und Mühe gekostete haben, waren von heute auf morgen komplett zerstört.

SB: Es ist immer sehr schwierig, in einer Diktatur Protest entstehen zu lassen, denn er hat ja keinen Raum, sich zu manifestieren und zu entfalten. Darum meine Frage: Wie genau gestaltet Ihr die Inhalte der Satellitenprogramme? Wie oft habt Ihr die Möglichkeit, sie in Eritrea auszustrahlen? Und wer produziert diese Programme?

SS: Also es handelt sich um eine Gruppe von jungen Menschen, die überall in der Welt verteilt sind. Wir haben Geld für dieses Satellitenprogramm zusammengelegt, denn es ist ganz wichtig, die Menschen in Eritrea mit Informationen zu versorgen. Denn sie erhalten momentan nichts anderes als die Programme und die Propaganda der eritreischen Regierung. Wir haben zum Beispiel viele Sendungen, die auf YouTube laufen und die wir nach Erirtrea senden, die das wahre Gesicht Eritreas zeigen. Viele Leute, die in Eritrea leben, wissen nicht sehr viel über das Regime und die waren begeistert, Informationen zu bekommen. Vor allem haben wir auch Alternativen aufgezeigt, welche Möglichkeiten es für die Zukunft gibt. Also die Menschen in Eritrea sind jetzt weit augeklärter, als man das generell vermutet oder sieht. Jetzt kommt dann das zweite Puzzleteil, sozusagen. Der erste Schritt ist getan, jetzt geht es darum, wie wir etwas gegen diese Situation tun können.

SB: Wie siehst Du diese Möglichkeiten? Was hälst Du zum Beipsiel von dem relativ neuen Global Magnitsky Act, der es erlaubt, weltweit schwere Menschenrechtsverletzungen mit gezielten Sanktionen zu ahnden? Habt Ihr schon einmal versucht, eine offizielle Beschwerde gegen Mitglieder des Regimes in Eritrea einzulegen, in den USA oder Kanada?

SS: Momentan ist es unheimlich schwierig, Gesetzgeber davon zu überzeugen, neue Sanktionen gegen Eritrea einzurichten. Eritrea sitzt im U.N. Menschenrechtsrat (U.N. Human Rights Council) und die Welt applaudiert dem Friedensabkommen mit Äthiopien vom Sommer 2018. Die AfD (Alternative für Deutschland) hat sogar neue Maßnahmen befürwortet, den eritreischen Präsidenten zu unterstützen und neue Gelder zu bewilligen, die eine Rückkehr von eritreischen Flüchtlingen nach Eritrea ermöglichen sollen.

Die ersten, die etwas unternehmen müssen, ist das Volk, und das sind wir

Uns geht es hauptsächlich darum, die Öffentlichkeit in Erirtrea zu erreichen, die Menschen selbst. Wir haben jahrelang darauf gewartet, dass irgendjemand etwas gegen diese totale Unterdrückung unternimmt. Das genau war falsch. Die ersten, die etwas unternehmen müssen, ist das Volk, und das sind wir. Wir selbst müssen uns gegen diese Umstände auflehnen.

SB: Also, euer Hauptziel ist der zivile Widerstand, die Mobilisierung der Bürger in Eritrea und im Ausland.

SS: Ich hatte ja vorhin schon unseren 14-Punkte-Plan erwähnt. Die Grundidee mit Yakil! war, dass jede Stadt sich auf einen dieser Punkte konzentriert, damit die ganze Aktion dezentralisiert wird. Also zum Beispiel Frankfurt nimmt Punkt 1, Berlin nimmt Punkt 2, und innerhalb kurzer Zeit könnte man das Regime stürzen (könnte es “platt gemacht werden”). In diesem 14-Punkte-Plan gibt es auch einen Punkt, der auf die Ahndung von Menschrechtsverletzungen zielt. Der [eritreische] Präsident hat 2018 beim Friedensschluss mit Äthiopien gesagt, “Wir haben nichts verloren”. Also, er meinte der gesamte jahrzehntelange Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien war letztlich nur ein Missverständnis, und wir hätten eigentlich nichts verloren, da wir jetzt Frieden schließen. Das hat er wortwörtlich gesagt und das hat die Menschen sehr wütend gemacht, weil sie so viele ihrer Freunde und Verwandten in diesem Konflikt, in diesem Grenzkrieg, verloren haben.

SB: Und es mussten ja auch Tausende von Menschen aus Eritrea fliehen.

SS: Genau, und das hat zu einem Aufstand geführt, aber letztendlich war es nur ein Protest, der letztlich zu einer konkreten Aktion führen sollte, aber das ist bislang nicht passiert.

SB: Du betonst, dass Du eine gewaltlose Umwälzung der politischen Situation in Eritrea anstrebst. Wie bist Du persönlich zu diesem Schluss gekommen, denn es gibt ja sicher auch Stimmen, die einen gewaltvollen Umschwung in Eritrea suchen?

SS: Wir haben ganz klar durch die Anwendung von Gewalt unsere Unabhängigkeit, unsere Freiheit als Land gewonnen. Gleichzeitig ist es wissenschaftlich erwiesen, dass die Andwendung von Gewalt nicht zwangsläufig zur Demokratie führt. Wir sehen gewaltlose Aktion als die beste Möglichikeit, unsere momentanen Probleme zu lösen. Es ist eine moderne Form des Widerstands, um das Regime zu schwächen und zu stürzen. Ich bin fest davon überzeugt, das dies auch in Eritrea, mit all seinen Problemen, gelingen kann. Wenn wir Gewalt anwenden, führt das eventuell zu einem Bürgerkrieg und dann haben wir wieder ein neues Problem.

SB: Dein Ziel ist es also, eine friedliche Umwälzung des Regimes zu erreichen, weil du meinst, dass Gewalt letztlich nur neue Gewalt erzeugt? Hast Du bestimmet Vorbilder für diesen friedlichen Kampf, Autoren, die dich beeinflusst haben?

SS: Ja, ganz sicher. Gene Sharp, zum Beispiel, und Maria Stephan. Erika Chenoweth hat eine Recherche gemacht zu allen Machtwechseln seit 1900, mit und ohne Gewalt. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Machtwechsel, die durch Gewalt entstanden sind, innerhalb von fünf Jahren mit dem Versuch gescheitert, ein demokratisches System einzuführen. Dagegen waren mehr als dreißig Prozent der Machtwechsel, die friedlich stattgefunden haben, erfolgreich bei dem Versuch, die Demokratie einzuführen. Ich sehe durchaus Signale in Eritrea, dass es auch dort machbar wäre. Letztendlich wollen selbst viele regierungstreue Strukturen dort einen Machtwechsel. Es ist lediglich die Angst vor Veränderung, die sie noch zusammen hält. Und genau da müssen wir ansetzen, realistische Alternativen aufzeigen, und dann wird das Regime von alleine zusammenbrechen, das ist meine Űberzeugung.

SB: Das war jetzt auch gerade meine Frage, zu Deiner Einsch ätzung der Situation in Eritrea. Bist du optmistisch oder eher pessimistich was den Zeitrahmen der angestrebten Veränderungen angeht?

SS: Ich bin sehr optimistisch. 2019 hatten wir sehr gute Erfahrungen. Ich führe diesen Kampf jetzt seit über einem Jahr und 2020 werden wir alles daran setzen, konkrete Veränderungen herbeizuführen. Wir haben auch viel Feedback von Migliedern des Regimes. Sie würden gerne etwas unternehmen, aber sie sehen keine Alternativen und genau das versuchen wir zu ändern. Wir wollen machbare und realistische Alternativen aufzuzeigen, wenn wir die Macht übernehmen, welche genauen Veränderungen wir anstreben.

SB: Du versuchst ja gerade diesen Aspekt der positiven Alternativen zur heutigen Diktatur in Seminaren und Workshops zu vermitteln, die hauptsächlich auf die eritreische Gemeinschaft ausgerichtet sind.

SS: Mein Ziel ist es, die eritreische Gemeinschaft zu aktivieren und politisch zu engagieren. Und ich sehe auch viele Anzeichen, dass die jüngere Generation, die gerade erst nach Deutschland oder Europa gekommen ist, großes Interesse hat. Gleichzeitig haben aber gerade diese jungen Menschen keine Ahnung, was sie eigentlich tun wollen. Wir geben ihnen eine konkrete Vorstellung, wie sie sich engagieren koennen, in welchen Programmen und so weiter. In manchen Orten funktioniert das sehr gut, an anderen Orten noch nicht ganz so gut, wie es sein könnte.

SB: Wie siehst Du die Rolle des Internet? In Ägypten schien es vor einigen Jahren ja so, dass gerade die sozialen Medien ein wichtiges Mittel im Freiheitskampf bildeten. Und dann haben die Diktatoren dieses damals noch sehr neue Medium relativ schnell untergraben und für ihre eigenen Zwecke genutzt. Siehst Du da heute ähnliche Probleme und hast Du Sorge, dass die momentane Protestbewegung gegen Eritrea nicht konzentriert genug ist, dass sie sich eventuell verläuft und nicht zielgenau ist?

SS: Das Hauptproblem ist, dass wir momentan einen Generationskonflikt zwischen der ‘alten’ Generation und den Jungen der Yakil!-Bewegung haben. Die ältere Generation meint, dass wir einfach ihrem Beispiel folgen sollen. Wir dagegen wollen einen neuen Weg finden, eine neue Richtung einschlagen und die gesamte Widerstandsbewegung reformieren. Das Internet wird viel mehr von der jüngeren Generation genutzt. Aber die Diskussion wird zu oft von Hass und Orientierungslosigkeit geprägt. Das Internet hat auch viele Nachteile. Das Internet gibt es ja nur im Ausland, nicht in Eritrea. Und dadurch ist es auch kein Mittel, die Menschen in Eritrea zu erreichen. Deshalb existiert gerade im Internet eine gewisse Ziellosigkeit – es wird teilweise über sinnlose Sachen debattiert und dadurch kommen wir von den wirklich wichtigen Themen ab.

Interview: Susanne Berger (Washington D.C., USA)
Film: Jakob Gatzka (Vierkirchen, Deutschland)
Redaktion: Dr. Irmtrud Wojak (Eschenlohe, Deutschland)

Kontakt: info@fritz.bauer-blog.de

Filmclips

“Ich kann nicht anders”

Die heutige Situation in Eritrea und die zentrale Rolle von Frauen und Müttern im Widerstand

Der persönliche Preis des Widerstands

Der Tod des Vaters

Ein neues Leben in Deutschland

Prägende Einflüsse und das Setzen auf Dialog

© BUXUS STIFTUNG

 

Zitat: “YAKIL! – Es reicht uns! – Der Ruf einer neuen Generation junger Eritreer (Teil 2). Interviews mit Yirgalem Fisseha, Samson Salomon und Bethlehem Isaak,” von Susanne Berger (Washington D.C.), in: Fritz Bauer Blog, 21. Maerz 2020, URL: https://www.fritz-bauer-blog.de/de/startseite/aktuell/yakil-es-reicht-uns-der-ruf-einer-neuen-generation-junger-eritreer-ii

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