22.03.2018

Zeugnisse aus einer totalen Institution

Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980), von Franz-Werner Kersting und Hans-Walter Schmuhl. Münster: Ardey-Verlag, 2018, 384 Seiten, € 24,90.

Das St. Johannes-Stift in Marsberg, das 1881 als „Idiotenanstalt“ für „blödsinnig geborene“ und „geistig erkrankte“ Kinder gegründet wurde, ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den öffentlichen Fokus gerückt.(1) Dies ist insbesondere den Opfern zu verdanken, die das an ihnen begangene Unrecht publik gemacht haben.(2) Bereits 1987 hatte Paul Brune (1935-2015), der 1943 nach Marsberg gebracht wurde, in der Fernsehsendung „Mittwochs in Marsberg“ von seinen ungeheuerlichen Erlebnissen berichtet und das St. Johannes-Stift als ein „kleines Auschwitz“ bezeichnet.(3)

In dem Buch Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980) werden die Ergebnisse eines Forschungsprojektes des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), des damaligen und heutigen Trägers der Anstalt festgehalten.(4) Das Forschungsprojekt entstand vor dem Hintergrund neuer Enthüllungen und des damit zusammenhängenden öffentlichen Drucks. Im Rahmen des Projektes wurden zahlreiche Zeitzeug_innen interviewt, die der Leserschaft einen authentischen Einblick in den Mikrokosmos dieser totalen Institution ermöglichen.

Zu den Autoren des Buches

Prof. Dr. Franz-Werner Kersting ist wissenschaftlicher Referent und seit 1986 Mitarbeiter am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster. Er ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster und Mitglied im Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation. Weiterhin ist er Mitglied der historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Projekt: Die Psychiatrie in Deutschland nach 1945.(5)

Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl ist selbständiger Historiker und außerplanmäßiger Professor an der Universität Bielefeld. Er ist stellvertretender Leiter des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte in Wuppertal-Bethel und Mitglied der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte. Zudem sitzt er im theologischen Ausschuss der Evangelischen Kirche von Westfalen und ist Ehrenmitglied der DGPPN.(6)

Die beiden Autoren haben zur Psychiatriegeschichte bereits zahlreiche Schriften veröffentlicht.Zum Aufbau des Buches

Das vorliegende Buch ist in drei Teile gegliedert:

1. Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung

2. Dokumente

3. Interviews

Im ersten Teil des Buches gehen die Autoren auf die Hintergründe des Forschungsprojektes, auf die (historischen) Rahmenbedingungen des St. Johannes-Stifts und auf ihre theoretischen Grundlagen ein. Zudem findet sich in diesem Teil die empirische Analyse gefolgt von der Zusammenfassung und Wertung der Forschungsergebnisse. Ein Bildteil mit zahlreichen – meist gestellten – Fotos vom Anstaltsalltag schließt den etwa 110seitigen ersten Teil ab. Der zweite Teil erstreckt sich über knapp 150 Seiten und beinhaltet historische Dokumente, die als Ergänzung und Vertiefung dienen. Der letzte Teil umfasst die geführten Interviews auf lediglich 100 Seiten.

Zum Inhalt des Buches

Zu Beginn des Buches schreibt der amtierende LWL-Direktor Matthias Löb in seinem Geleitwort die durchaus bemerkenswerten Zeilen:

„Körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Ruhigstellung durch Zwangsjacken und Medikamente, Einsperren in geschlossenen Räumen, demütigende Strafrituale, lieblose Behandlung – die Bewohnerinnen und Bewohner des St. Johannes-Stifts im sauerländischen Marsberg erlebten das ,Fachkrankenhaus für Jugendpsychiatrie‘ in der Trägerschaft des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in den Jahren von 1945 bis 1980 als eine Stätte größten Leids und Unrechts.“ (S. 7)

In den 1990er Jahren sind solche Worte aus dem Munde eines LWL-Direktors nicht zu hören gewesen, war man doch jahrelang darum bemüht, das Geschehene vergessen zu machen. Dennoch kann man sich bei der weiteren Lektüre nur schwer des Gefühls erwehren, dass die selbstkritischen Zeilen in erster Linie dazu dienen sollen, die besonderen Verdienste des LWL bei der „Aufarbeitung“ der eigenen Geschichte hervorzuheben. Eine Art erinnerungspolitischer Strategiewechsel in Form einer Flucht nach vorn zeichnet sich ab: Weg von der jahrzehntelangen Leugnung und Ausblendung hin zum Postulat einer erfolgreichen „Aufarbeitung“ der Geschichte im Sinne trägereigener Interessen. So heißt es noch in der Chronik zum 200jährigen Jubiläum der Marsberger Psychiatrie von 2014, dass es in Marsberg „insgesamt“ zu einer „(…) besonderen Empathie, Wertschätzung und Toleranz für psychisch kranke Menschen gekommen“ sei, bevor mit den pathetischen und beschönigenden Worten geschlossen wird: „So gesehen ist die ganze Stadt Marsberg seit 200 Jahren ,gelebte Inklusion‘.“(7)

Zweifel kommen bereits bei der Lektüre der Einleitung auf, denn schon die erste Seite liefert Anlass zur Kritik, da die beiden Autoren den „Fall Paul Brune“ anführen, ohne im Entferntesten auf die unrühmliche Rolle einzugehen, die der LWL bei seinem Kampf um Anerkennung gespielt hat. Stattdessen wird auf einen Dokumentarfilm des LWL-Medienzentrums verwiesen und betont, dass sich der damalige Direktor des LWL „bereits“ 2003 bei Paul Brune für das erlittene Unrecht entschuldigt hat. Für eine Entschuldigung, die nicht aus freien Stücken erfolgte und viel zu spät kam, eine inakzeptable Darstellungsweise, die leider lauten müsste, dass der Direktor sich erst 50 Jahre nach den Geschehnissen zu einer Entschuldigung bereit fand.

Für die Interviews, heißt es weiter, konnten 19 ehemalige „Bewohnerinnen und Bewohner“, die heute zwischen 48 und 75 Jahre alt sind, gewonnen werden. „Im Zentrum des Forschungsprojektes standen die Erfahrungen und Folgen von Gewalt und Traumatisierung sowie die Frage, wie diese heute von den Betroffenen erinnert und in ihrer Biographie verortet werden.“ (S. 16) Anschließend werden die unvorstellbaren Zustände im St. Johannes-Stift zwischen 1945-1980 geschildert. Verantwortlich für den reibungslosen Betriebsablauf der riesigen Anstalt, in der stellenweise über 1100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene lebten, waren insbesondere die katholischen Nonnen von der Kongregationder barmherzigen Schwestern vom hl. Vincenz von Paul zu Paderborn, die selbst vor den brutalsten Züchtigungsmethoden nicht zurückschreckten.(8) Im Allgemeinen herrschte im St. Johannes-Stift ein Klima der Gewalt und die Situation war durch massive Überbelegung, Versorgungsmittelknappheit und katastrophale hygienische Verhältnisse gekennzeichnet.

In den theoretischen Vorüberlegungen wird auf Erving Goffmans Konzept der „totalen Institution“(9) eingegangen und ein Gewaltbegriff definiert, der der Forschungsarbeit zugrunde liegt. Allerdings erfolgt die Vermittlung mit dem Forschungsgegenstand nur halbherzig, was sich mitunter darin zeigt, dass unmittelbar nach den Ausführungen zu Goffman, der explizit von „Insassen“ spricht, wieder – euphemistisch – von „Bewohnern und Bewohnerinnen“ des St. Johannes-Stifts die Rede ist. Von „Bewohnern und Bewohnerinnen“ zu sprechen, wird der Rolle der Menschen in dieser totalen Institution nicht gerecht und führt zu einer begrifflichen Verschleierung und Verharmlosung der tatsächlichen Gewaltverhältnisse.

Danach werden die Befunde des Forschungsprojektes vorgestellt, die hier nicht im Detail wiedergegeben werden können. Schockierend sind insbesondere die fünf Eskalationsstufen, die von den Autoren ausfindig gemacht wurden, und die Strafen, die vom Aufsichtspersonal angewandt wurden. Diese reichten von hungrig ins Bett schicken, Strafstehen bzw. -knien, Schlägen mit der flachen Hand, mit Faust oder mit einem Werkzeug über Dauerbäder in kaltem Wasser bis hin zur Fixierung in blutverkrusteten Zwangsjacken, der Gabe von Injektionen und Elektroschocks. Zudem wird darauf hingewiesen, dass Kinder bei Tisch mit Gewalt dazu gezwungen wurden, ihr eigenes Erbrochenes zu essen.

Der zweite Teil des Buches besteht aus einer Dokumentensammlung, die insgesamt vierzig historische Dokumente enthält, die fast alle aus dem Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe stammen. Zahlreiche Briefwechsel, Vermerke, Einträge, Protokolle und Berichte laden zur vertiefenden Auseinandersetzung ein und erleichtern die Forschungsarbeit. Im Zentrum stehen Dokumente, die die Gewalt im St. Johannes-Stift explizit thematisieren.

Im abschließenden dritten Teil finden sich vierzig Ausschnitte aus 18 Interviews, die mit ehemaligen Anstaltsinsassen, die zwischen 1945 und 1980 im St. Johannes-Stift untergebracht waren, geführt wurden. Die Ausschnitte sind thematisch grob gegliedert und ermöglichen einen authentischen Einblick in den damaligen Anstaltsalltag. Die ehemaligen Insassen berichten, wie sie in das St. Johannes-Stift eingeliefert wurden, welche Zwangsarbeiten sie verrichten mussten, auf welche Art und Weise sie Widerstand leisteten, wie die hygienischen Zustände waren, wie sie bestraft wurden und welche Folgen die Unterbringung im St. Johannes-Stift auf ihr weiteres Leben hatte. Die Interviews legen ein eindrucksvolles Zeugnis von dem Leben in dieser totalen Institution ab. Sie schockieren, klären auf, berühren, lösen Empörung aus und lassen die Leserschaft mit der dringlichen Frage zurück: Wie konnte das alles passieren?

Trotz der geschilderten Grausamkeiten im dritten Teil und den Dokumenten im zweiten Teil kommen die beiden Autoren im ersten Teil in ihrer Zusammenfassung und Wertung des Forschungsprojektes allerdings zu dem erstaunlichen Ergebnis:

„Eine systematische Gewaltanwendung im St. Johannes-Stift lässt sich nicht nachweisen, doch offenbart die Analyse systemisch bedingte Gewaltverhältnisse auf verschiedenen Stationen. Gewalt war, soweit sich dies nachvollziehen lässt, im St. Johannes-Stift nicht allgegenwärtig, aber doch keine (seltene) Ausnahme“ (S. 103).

Wie die beiden Autoren zu dieser – sprachakrobatischen – Schlussfolgerung kommen, bleibt auch vor dem Hintergrund des verkürzten Gewaltbegriffes, der von den Autoren zugrunde gelegt wird, schleierhaft und sie hätten zu einem völlig anderen Ergebnis kommen müssen. Ergänzt man ihren Gewaltbegriff um die von Galtung oder Basaglia, wird der Sachverhalt klarer: Das St. Johannes-Stift war eine Institution der Gewalt und diese war in ihren unterschiedlichsten Formen omnipräsent.(10) Der Verweis der Autoren auf die „Herausbildung einer Subkultur der Gewalt“ verschleiert insofern nicht nur die herrschenden, also tatsächlichen, strukturellen Gewaltverhältnisse, sondern mit Sprachakrobatik wird ebenfalls das Leiden der Opfer und Überlebenden nachträglich verharmlost.

Über Motive lässt sich trefflich streiten, letztendlich stellt sich jedoch einmal mehr die Frage, warum das Loblied einer angeblich erfolgreichen „Aufarbeitung“ der Geschichte von Verbrechen und ihrer Verleugnung gesungen wird, von der wir wissen, dass sie so nicht stattgefunden hat. In wessen Interesse soll(te) das eigentlich sein?!

AMERKUNGEN

[1] Vgl. Mertin, Sonja ; Fahle Helmut (2006): 125 Jahre St. Johannes-Stift. Westfälische Kinder- und Jugendklinik und westfälischer Wohnverbund Marsberg im LWL-Psychiatrie Verbund. S. 21. Die Begriffe „blödsinnig geboren“ und „geistig erkrankt“ stammen aus den damaligen Aufnahmebedingungen der Anstalt (§ 1) und wurden bewusst gewählt, um auf die diskriminierende und menschenverachtende Sprache hinzuweisen, die zur damaligen Zeit gang und gäbe war.

[2] Zuletzt im Rahmen von „Westpol“ (2013). Siehe dazu: Spiegel online (2013): "St. Johannesstift in Marsberg. Kinder sollen früher in Psychiatrie sexuell missbraucht worden sein." [Abruf am 16.03.2018 unter: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vorwuerfe-des-kindesmissbrauchs-im-st-johannesstift-a-890602.html].

[3] Vgl. WDR (1987): Mittwochs in Marsberg. Begegnungen und Gespräche. Der damalige Landesdirektor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe behauptete in dieser Fernsehsendung, dass es nach 1945 „überhaupt keine Kontinuitäten“ gegeben hätte und bezichtigte Paul Brune, der zuvor auf Kontinuitäten hinwies, (implizit) der Lüge.

[4] Der LWL ist mit 1650 Beschäftigten allein in Marsberg der größte Arbeitgeber vor Ort. Siehe dazu: LWL Klinik Marsberg [Abruf am 16.03.2018 unter: https://www.lwl-klinik-marsberg.de/de/job-und-karriere/].

[5] Vgl. [http://www.uni-muenster.de/Geschichte/histsem/NZ-G/L2/Mitarbeiter/Assoziierte/Kersting.html. Abruf am 16.03.2018].

[6] Vgl: [http://www.schmuhl-winkler.de/pages/schmuhl.html. Abruf am 16.03.2018].

[7] Kummer & LWL-Einrichtungen Marsberg (2014): Chronik. 200 Jahre Psychiatrie Marsberg. Böhnen: DruckVerlag Kettler. S. 63.

[8] In Bezug auf die Vinzentinerinnen spricht Brigitte Schumann von „Teufel in Nonnentracht“. Vgl. Schumann, Brigitte (2006): "Teufel in Nonnentracht". In: Freitag. 27. Januar. S. 18 [Abruf am 16.03.2018 unter: https://www.esb-bottrop.de/pdf/schumann_2006_paulbrune.pdf]. Bei Wensierski ist von „unbarmherzigen Schwestern“ die Rede. Vgl. Wensierski, Peter (2006): Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. S. 14ff.

[9] Eine totale Institution ist für Goffman eine „(…) Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen (..), die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen.“ Siehe dazu: Goffman, Erving (2001): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 20 Aufl.

[10] Siehe: Galtung, Johann (1975): Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag. &Basaglia, Franco (1980): "Die Institutionen der Gewalt." In: Basaglia, Franco (Hrsg.): Die negierte Institution oder die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen. Ein Experiment der psychiatrischen Klinik in Görz. S. 122-161.

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