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† 20.05.2003 in Mailand
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Italienisch
Staatsangehörigkeit bei Tod: Italienisch
Modesto Lorenzo
Maria Emilia Motta
Modesto Lorenzo
* 24.04.1919Tina
Erminio Pricchi
Marina Farvo
Ort des Kampfes für Menschenrechte: Mailand
EINLEITUNG
In ihrem am 18. Juni 2002 erneuerten Personalausweis war sie als Agostina Farvo eingetragen, geboren in Mailand am 24. März 1912 als Tochter von Modesto Lorenzo und Maria Emilia Motta, wohnhaft in Mailand in der Via Passaggio degli Osii Nr. 1, Beruf Rentnerin, Familienstand “FREI!” Für uns alle war sie nicht Agostina, sondern Augusta, die führende Persönlichkeit der Mailänder Anarchist*innen, eine Partisanin und Kioskbesitzerin in der Via Orefici im Herzen von Mailand, ehemals die Frau von Erminio Pricchi (die Ehe hielt nicht lange). Ihr Kiosk sollte nach dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Treffpunkt für die Mailänder Anarchist*innen werden, ein sicherer Ort für Kontakte, Verabredungen und Treffen.
“Nonna d’amore e d’anarchia” – Großmutter der Liebe und Anarchie – unter dieser Bezeichnung war Augusta Farvo unter ihren Freund*innen und Kamerad*innen bekannt.
DIE GESCHICHTE
Kindheit
Augusta Farvo hatte eine ältere Schwester, Tina, die hier links auf einer Fotografie aus den 1910er Jahren zu sehen ist. Außerdem hatte Augusta einen Bruder, Modesto Lorenzo, der am 24. April 1919 in Mailand geboren wurde.
Sie war eine geradlinige, freie, gebildete Frau, die sich leidenschaftlich für Politik und Kartenspiel interessierte (ein Spiel, aus dem sie immer als Siegerin hervorging), sie war offen für Ideen und kommunikativ. Augusta wurde von Menschen aller Couleur geschätzt, darunter auch Sandro Pertini, Anfang der achtziger Jahre italienischer Staatspräsident und im Kampf gegen den Faschismus aktiv.
Obwohl sie eigentlich Lehrerin war, entschied sie sich dazu, nicht zu unterrichten, um die Kinder nicht mit den Lügen der faschistischen Machthaber in Italien in die Irre zu führen. Außerdem beschloss sie, keine Kinder zu bekommen, weil sie – zu Zeiten der Wehrpflicht – keine Lust hatte, dem Staat Kanonenfutter zu liefern.
Partisanin und Zeitschriftenhändlerin
Zwischen 1943 und 1945 war sie in den Bruzzi-Malatesta-Brigaden aktiv, einer anarchistischen Gruppe von Partisan*innen, die Widerstand gegen das faschistische Regime unter Benito Mussolini leisteten. Farvo machte es sich vor allem zur Aufgabe, Kamerad*innen (darunter Kommunist*innen und Anarchist*innen) das Leben zu retten, indem sie sie in ihrem eigenen Haus versteckte.
Nach 1945 wurde ihr Haus zum Stützpunkt zweier Gruppen: Einer Gruppe von Esperantist*innen und einer von Anarchist*innen. Ihr Kiosk, in dem sie Zeitschriften verkaufte, wurde zu einem Treffpunkt für die Mailänder Anarchist*innen, vor allem zwischen Mitte der 1950er und etwa Mitte der 1960er Jahre, als diese keine eigenen Räumlichkeiten hatten. In ihrem Kiosk konnte man die libertäre Presse, einschließlich internationaler Publikationen, finden. Augustas Haus war immer offen für diejenigen, die Hilfe brauchten: Ein Treffpunkt, eine Begegnungsstätte und ein Bezugspunkt. In den 1950er Jahren empfing sie spanische antifranquistische Exilant*innen wie zum Beispiel Josep Lluis Facerías (1920-1957) und dann in den 1960er Jahren nachfolgende Generationen von Anarchist*innen.
Die Ereignisse nach dem Bombenanschlag auf dem Piazza Fontana
Am 12. Dezember 1969 kam es in Mailand auf der Piazza Fontana zu einem Bombenanschlag, bei dem 17 Menschen getötet und über 80 teilweise schwer verletzt wurden. Der Anschlag wurde zwar von faschistischen Gruppierungen verübt, die Schuld wurde allerdings zunächst bei den Anarchist*innen gesucht. Augusta Farvos Freunde Giuseppe Pinelli und Pietro Valpreda wurden zunächst von der Polizei als Drahtzieher hinter der tödlichen Bombe verdächtigt. Die Wohnung von Augusta wurde in dieser Zeit wieder einmal zum Sammelpunkt für alle möglichen Initiativen im Zusammenhang mit der massiven Gegenaufklärung über die “strage di stato” (Massaker des Staates), nicht zuletzt von Seiten der Mailänder Gruppen, die mit dem Circolo Ponte della Ghisolfa und der Bandiera Nera (Schwarze Fahne), der Gruppe von Pinelli, verbunden waren.
Gemeinsam mit Fernando Del Grosso trat Augusta Farvo vom 13. bis 20. Oktober 1971 in Rom (am Porta San Giovanni) in den Hungerstreik, um endlich einen Termin für den Prozess gegen die wegen der Bombenanschläge vom 12. Dezember 1969 angeklagten Genossen zu erreichen. Nachdem der Staat gezwungen war, ein Gesetz zu verabschieden (das bald als “Valpreda-Gesetz” bekannt wurde), um die zu Unrecht inhaftierten Genossen freizulassen, sollte es Augusta sein, die Pietro Valpreda in Mailand in ihrer Wohnung im Passaggio Osii, direkt über ihrem historischen Kiosk, beherbergte und die tägliche Anwesenheit von Polizeikräften ertrug, die das einstige “Monster” Valpreda im Auge behalten sollten.
Tod
Augusta Farvo starb am 20. Mai 2003 in Mailand. Sie wurde zu den Klängen des Liedes “Addio a Lugano” von Pietro Gori, bedeckt von einer rot-schwarzen Fahne, zu Grabe getragen. Die Presse berichtete von ihrem Tod als dem der “l’ultima partigiana anarchica”, der letzten anarchistischen Partisanin.
Autor: Lorenzo Pezzica (aus dem Italienischen übersetzt von Paul Sharkey), ins Deutsche übersetzt und bearbeitet von Magdalena Köhler.
Ursprünglich erschienen im Magazin des Centro Studi Libertari/Archivio Giuseppe Pinelli: Bollettino n. 54 dell’Archivio G. Pinelli; pp. 48-51 (auf Italienisch), die englische Übersetzung erschienen in der Kate Sharpley Library (https://www.katesharpleylibrary.net/t76k8n).
Quellen:
Anteo. “Ricordando… Augusta Farvo”, in: Umanità Nova n. 23, 22.06.2003. http://www.ecn.org/uenne/archivio/archivio2003/un23/art2794.html, letzter Abruf am 24.02.2023.
Fallisi, Joe. “Ciao Augustina!”, in: Arivista anarchica, 33/292, 2003. http://www.arivista.org/?nr=292&pag=58.htm, letzter Abruf 23.02.2023.
Pezzica, Lorenzo. “Augusta Farvo, partigiana ed edicolante.”, in: Bollettino Archivio G. Pinelli, No 54, February 2019, S.48-51. https://centrostudilibertari.it/sites/default/files/materiali/bollettino_54.pdf, letzter Abruf 23.02.2023.
Pezzica, Lorenzo. “Augusta Farvo, Partisan and Kiosk Operative.”, transl. by Paul Sharkey, in: Kate Sharpley Library. https://www.katesharpleylibrary.net/t76k8n, letzter Abruf 07.03.2023.
Schirone, Franco. “FARVO, Augusta”, in: Biblioteca Franco Seratini, https://www.bfscollezionidigitali.org/entita/15060-farvo-augusta, letzter Abruf 23.02.2023.
Working Class History. “Augusta Farvo born”. https://stories.workingclasshistory.com/article/9672/augusta-farvo-born, letzter Abruf am 24.02.2023.
Kontakt: info@buxus-stiftung.de