Ich glaube, die Zeit ist nicht mehr fern, dass unsere Gefängnisse den Mund aufmachen werden und wir die Geschichten hören, die sie erzählen.

Yirgalem Fisseha Mebrahtu
* 1981 in
Staatsangehörigkeit bei Geburt: Eritrean
Land des Kampfes für die Menschenrechte: Eritrea
Ort des Kampfes für Menschenrechte: Adi-Keih; Asmara;Mai-Serwa Military Prison
Bereich Art Von Bis Ort
Asmara Teacher Training Institute (ATTI) 2002 2003 Asmara, Eritrea
Radio Bana Educational Radio Programming 2003 2009 Asmara, Eritrea
Mitgründern "The Literary Club of Adi-Keih\" Eritrean Writers Club 2000 Adik-Keih, Eritrea

PEN International

Ort:
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Author, Activist

PEN Eritrea

Ort:
Eintrittsgrund:
Funktion / Tätigkeit: Author, Activist

The Literary Club of Adi-Keih

Ort:
Eintrittsgrund: Co-Founder
Funktion / Tätigkeit: Poet and writer

Wie wurde die Geschichte bekannt?

Im Jahr 2015 wurde Yirgalem Fisseha aus der Haft entlassen. Im Jahr 2018 floh sie aus Eritrea nach Uganda, wo sie begann, Gedichte und Kurzgeschichten über ihre Erfahrungen in eritreischen Gefängnissen zu veröffentlichen.

Wann wurde die Geschichte bekannt?

Im Jahr 2015 wurden mehrere Journalisten, die bei Radio Bana in Asmara arbeiteten, verhaftet und inhaftiert.

Wo wurde die Geschichte bekannt?

Die Geschichte der Verhaftung von Yirgalem Fisseha sowie die Inhaftierung ihrer Kollegen war in Eritrea, bei internationalen Menschenrechtsorganisationen sowie in der eritreischen Exilgemeinde bekannt.

Durch wen wurde die Geschichte bekannt?

Durch internationale Menschenrechtsorganisationen, internationale Medien und die eritreische Diaspora.

Preise, Auszeichnungen

2018 PEN International Writer’s Scholarship

2019 PEN Eritrea Freedom of Expression Award

Literatur (Literatur, Filme, Webseiten etc.)

https://peneritrea.com/blog/a-few-days-in-my-six-years-detention-in-mai-serwa

https://www.fritz-bauer-forum.de/en/interview-with-yirgalem-fisseha/

https://www.fritz-bauer-forum.de/en/yakil-enough-the-call-of-a-new-generation-of-young-eritreans-part-1/

Eigene Werke

Yirgalem Fisseha, I’m alive. Emkulu, 2019.

Yirgalem Fisseha beschreibt in ihrem Brief an die Mitgefangenen, dass sie vor allem der Gedanke bestärkt hat, auf die eigene Gesundheit zu achten. Ihre Freunde und Familie sollten dies wissen, während sie im Gefängnis war, um mit der Ungewissheit zu leben und damit sie sich nicht alle in einem Gefängnis befänden.

Menschenwürde
Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
Verbot von Folter oder grausamer, unmenschlicher Behandlung
Verbot der willkürlichen Verhaftung oder Ausweisung
Recht auf freie Meinungsäußerung

EINLEITUNG

Yirgalem Fisseha Mebrahtu ist eine von Eritreas prominentesten Dichterinnen, Journalistinnen und Schriftstellerinnen. Geboren wurde sie 1981 in Adi-Keih, 110 Kilomteer südlich der Hauptstadt Asmara. Yirgalem Fisseha Mebrahtu arbeitete seit 1990 mit sowohl staatlichen als auch privaten Medien zusammen. Sie publizierte Gedichte, Kurzgeschichten und Artikel, bis die eritreische Regierung im Jahr 2001 alle Privatzeitungen verbot. Ein Jahr zuvor, in 2000, war sie Mitbegründerin der bekannten literarischen Vereinigung „Der literarische Club von Adi-Keih“.

2002 besuchte sie das Asmara Teacher Training Institute (ATTI) und arbeitete über fünf Jahre als Produzentin und Moderatorin bei Radio Bana. 2009 wurde sie verhaftet und sechs Jahre lang in einem Militärgefängnis inhaftiert, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Man warf ihr unter anderem vor, die Ermordung des eritreischen Präsidenten geplant zu haben. Sie war schweren Mishandlungen augesetzt, was zu wiederholten Krankenhausaufenthalten führte. Erst 2015 wurde sie aus der Haft entlassen. Drei Jahre später floh sie aus Eritrea nach Uganda. Dort veröffentlichte sie ihre Gedichte und Texte, darunter eine Zusammenfassung ihrer Erfahrungen im Gefängnis. Yirgalem Fisseha lebt heute in Deutschland. 2019 erhielt sie den Preis für Meinungsfreiheit von PEN Eritrea. Außerdem gehörte  sie zu fünf Schriftstellerinnen und Aktivistinnen, die im Jahr 2018 von PEN International ausgezeichnet wurden. Im Oktober 2019 veröffentlichte sie ihren Gedichtband I am alive (in Tigrinya).

Im Herbst 2018 publizierte Yirgalem Fisseha auf der Website von PEN Eritrea eine vierteilige Serie über ihre Zeit in der Gefangenschaft in Eritrea. Wie überlebt ein Mensch in der Gefangenschaft? Wie überwindet eine junge Frau ihre tiefen Ängste, Isolation und brutale Misshandlungen, um weiterleben zu können? Der folgende Text ist eine Űbersetzung ihres Berichts. (Anmerkung der Redaktion)

DIE GESCHICHTE

Yirgalem Fisseha Mebrahtu
Überleben ist Widerstand – Einige Tage in meiner sechsjährigen Haft in Mai-Serwa

 

Teil Eins

„Sie forderten die Ermordung des Präsidenten“

(Zur Sicherheit der Menschen, die erwähnt werden, nenne ich keine Namen.)

 

Yirgalem Fisseha im Gefängnis, 2012

Nachdem alle Mitarbeiter von Radio Bana einen Tag zuvor nachdrücklich offiziell aufgefordert worden waren, am 19. Februar 2009 um 16.00 Uhr zu einem Treffen zu erscheinen, versammelten sich alle in der Nähe des Hauptsitzes und begannen, Vermutungen über den Zweck des Treffens anzustellen. Das Treffen dauerte etwa vierzig Minuten, ohne klare Tagesordnung, so dass sich viele von uns fragten, warum sie uns überhaupt zusammengerufen hatten.

Die Gesundheitsabteilung, für die ich arbeitete, hatte das geräumigste Büro des Gebäudes und befand sich im Eingangskorridor. Ein kräftig gebauter Mann in Begleitung eines voll bewaffneten Soldaten stürmte in unser Büro, während die Mitglieder über die Notwendigkeit des Treffens sprachen. Er erkundigte sich nach unserem Abteilungsleiter und dem Generaldirektor für Medien und Erwachsenenbildung des Bildungsministeriums und wir sagten ihm, dass sich das Büro des Generaldirektors außerhalb der Räumlichkeiten befindet. Er sagte, dass er sicher wäre, dass der Direktor sich in dem Gebäude befindet. Er hatte keine Zeit für eine Klarstellung und verließ sofort unser Büro.

Ich rief meinen Abteilungsleiter über die interne Telefonleitung an und teilte ihm mit, dass einige Leute den Generaldirektor suchten und dass sie keinen guten Eindruck machten. Der Mann und der Soldat waren bereits in seinem Büro, und er legte auf, nachdem er sagte, dass sie bereits dort seien. Die Besprechung der Mitglieder der Gesundheitsabteilung ging von dem möglichen Thema der einberufenen Sitzung auf die beiden Fremden über. Wenige Minuten später klingelte mein Telefon: „Yirgalem, können Sie kurz in mein Büro kommen?“ Er war mein Abteilungsleiter.

In seinem kleinen Büro befanden sich viele Leute: der Generaldirektor, einige Abteilungsleiter, Mitarbeiter und Angestellte des Radiosenders – meine Kollegen. Der Mann, der vorhin in unser Büro stürmte, begann, Namen zu nennen. Er beschimpfte viele von uns, darunter sechs weibliche Mitarbeiter. Wir versammelten uns alle im Büro.

Sie brachten alle – Angestellte, Freiberufler, Expatriates und sogar Nicht-Angestellte von Radio Bana – auf das Gelände. Dann stellten wir fest, dass sie nicht nur zu zweit waren, sondern dass das gesamte Gelände des Radiosenders von voll bewaffneten Soldaten umzingelt war. Während wir auf dem Gelände warteten, kamen zwei Mitglieder des Zentralbüros des Bildungsministeriums zu uns. Insgesamt waren wir etwa vierzig Personen. Stark bewacht mit voll bewaffneten Soldaten wurden wir angewiesen, auf einen Lastwagen zu steigen, der an der Seite des Zentralbüros des Bildungsministeriums parkte und uns zum Adi-Abieto**-Gefängniszentrum brachte.

Später im Gefangenenlager wurde ich noch am selben Abend gefragt, wo ich meinen Laptop und USB-Sticks untergebracht hatte; was die Ziele von Radio Bana waren; welche Programme ich produziere und moderiere; ob ich eritreische Oppositionsradios höre; von wo aus das in Äthiopien ansässige Oppositionsradio Wegahtasendet; ob ich ein Bankkonto hätte; wie viel Geld ich hatte.

Ich war davon überzeugt, dass sie mich fälschlicherweise festgenommen hatten und mich nach einigen Ermittlungen wieder freilassen würden. Drei Tage nach unserer Festnahme, am Samstag, dem 22. Februar 2009, wurde ich aus meiner Zelle in das Hauptquartier des Gefängnisses vorgeladen. Die Vernehmungsbeamten stellten mir mehrere Fragen. Bis auf eine Frage war ich mit dem Rest einverstanden.

„Sie haben gesagt: ‚Sind dem Land die Kugeln zum Erschießen des Mannes ausgegangen?‘“

„Welcher Mann?“ fragte ich schockiert und ungläubig.

„Der Präsident.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Doch das haben Sie. Wir haben Zeugen.“

„Zu wem habe ich das gesagt? So etwas kann man nicht einfach so sagen. Können Sie mir die Person nennen, die Ihnen solche Informationen gegeben hat?“

„Wir werden Ihnen einen Zeugen bringen, der Sie daran erinnern wird, zu wem und wann Sie das gesagt haben.“

Sie haben nie einen Zeugen gebracht.

Jahre später sagten meine Mitgefangenen, wenn ich sie herausforderte, um das Gespräch zu entschärfen: „Du bist die Art von Person, die zur Ermordung des Präsidenten aufgefordert hat“. Wann immer sie dies sagten, schwanden meine Hoffnungen auf eine Freilassung aus dem Gefängnis.

Am 23. Mai 2009 wurde ich in das Gefängniszentrum Mai-Serwa verlegt. Ich wurde zuerst in die Zelle Nummer 48 und dann in die Zelle Nummer 22 verlegt.

Ich wurde gebeten, meine E-Mail-Adresse und mein Passwort anzugeben

Nach unserer Inhaftierung im Februar 2009 und acht Monaten der Qual, die von der Erwartung erfüllt waren, unsere Verbrechen zu erfinden, wurde ich im Oktober 2009 zum Verhör vorgeladen. Als ich in Begleitung eines Gefängniswärters in den Verhörraum ging, fand ich im Saal einen der ranghöchsten Vernehmungsbeamten vor, der für seine brutalen Verhörmethoden bekannt war. Da unser Fall als schwerwiegende Sicherheitsangelegenheit betrachtet wurde, wurde er zunächst von erfahrenen leitenden Verhörspezialisten behandelt, die für ihre grässlichen und gnadenlosen Techniken berüchtigt waren. Irgendwann wurde unser Fall jedoch von Amateur-Vernehmungsbeamten übernommen. Dieser Amtswechsel war eine Erleichterung. Ich war daher überrascht und äußerst besorgt, einen der berüchtigtsten Vernehmungsbeamten im Raum vorzufinden. Vor einigen Tagen war derselbe leitende Vernehmungsbeamte in unsere Zellen gekommen, um E-Mail-Adressen und Passwörter einzuholen.

Als er mit zwei anderen Gefängniswärtern in meine Zelle kam, um meine E-Mail-Adresse und mein Passwort einzuholen, haben wir uns kurz ausgetauscht:

„Wie geht es Ihnen?“ fragte er mich.

„Gelobt sei Gott. Mir geht es gut.“

„Sie sehen gut aus, nicht wahr?“

Ich habe nicht geantwortet…

„Schreiben Sie hier Ihre E-Mail-Adresse und Ihr Passwort auf!“ Er gab mir einen Stift und ein Papier. Ich schrieb meine E-Mail-Adresse und mein Passwort auf und händigte ihm den Zettel aus. Die Kombination aus meinem Kontonamen und meinem Passwort hatte eine übertragene Bedeutung, die ihm höchstwahrscheinlich nicht gefallen würde, was mir unangenehm war, falls sie das Wortspiel bemerkten.

„Haben Sie nur ein E-Mail-Konto?“

„Ja.“ Ich geriet in Panik.

„Wirklich?“

„Ja. Das ist das einzige E-Mail-Konto, das ich habe“, erwiderte ich, obwohl das nicht stimmte.

Ich traf also nun zum zweiten Mal mit dem Vernehmungsbeamten zusammen. Er deutete mir an, dass ich mich auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch setzen solle. Er fragte mich nach meinem Gesundheitszustand und meiner allgemeinen Verfassung. Und dann warnte er mich: „Um nicht die schlimmste Verhörmethode anzuwenden, rate ich Ihnen, die Wahrheit zu sagen.“ Ich nickte zustimmend. Einige der Fragen, die er mir stellte, waren komisch. Bei einigen konnte nicht ergründen, was sie mit mir zu tun hatten. Und bei anderen Fragen war nicht klar, warum sie an mich gerichtet waren.

Einige der Hauptfragen des Tages waren:

„Sie sagten, dass es in Adi-Keih keinen Strom und kein Telefon gibt.“

„Ich weiß nicht mehr, zu wem und wann ich das gesagt habe, aber da es in Adi-Keih keinen Strom und keine Telefondienste gibt, habe ich das vielleicht gesagt.“

Da wir uns nicht über die Absicht und die genauen Einzelheiten einigen konnten, was ich, wie er behauptete, über den Mangel an Strom und Wasser in Adi-Keih gesagt hatte, beendete er das Verhör, indem er mir damit drohte: „Da Sie das in einer E-Mail geschrieben haben, werde ich Ihnen einen schriftlichen Beweis für das, was Sie gesagt haben, vorlegen.“

„Kennen Sie so und so vom Informationsministerium?“ Sein Name war falsch, aber aus der detaillierten Beschreibung der Person wusste ich, auf wen er sich bezog. Ich beschloss jedoch, ihn nicht zu korrigieren, und antwortete ihm: „Ich kenne die Person, von der Sie sprechen, nicht.“ Er prüfte seine Akte und fand seinen korrekten Namen und seine Stellenbeschreibung.

„Ja, ich kenne ihn.“

„Woher kennen Sie ihn? Wie sind Sie mit ihm verwandt?“

„Wir sind Freunde aus der Kindheit.“

„Ich weiß darüber Bescheid. Es muss eine andere Art und Weise geben, dass Sie miteinander verwandt sind.“

„Sonst haben wir keine Verwandtschaft.“

„Er ist bei uns im Adi-Abieto-Gefängnis.“

„Wenn die Person behauptet, auf verschiedene Weise mit mir verwandt gewesen zu sein, sagen Sie es mir.“

„Ich werde ihn hierherbringen.“

Er ging zu einer anderen Frage über.

„Hören Sie zu! Was, glauben Sie, ist der Grund für Ihre Inhaftierung?“

„Ich werde ohne Grund festgehalten.“

„Glauben Sie, dass die Regierung Sie ohne Grund festhält?“

„Ja, ich glaube, die Regierung hält mich grundlos fest.“

„Wenn Sie also freigelassen werden, werden Sie dann schreiben, dass Sie von der Regierung grundlos inhaftiert wurden?“

Es war eine heikle Frage.

Ich hätte genauso gut sagen können: „Wenn Sie mich freilassen, werde ich keinen Piep sagen.“ Aber er hätte gemerkt, dass ich es nicht so gemeint habe. Ich stellte mir vor, wie er lachte und darüber scherzte, dass ich um Vergebung und Freiheit bettle und mich vor ihm niederwerfe.

„Ich würde es schreiben, wenn ich nicht um eine zweite Inhaftierung fürchten müsste.“ Ich antwortete mit leiser und tiefer Stimme und schwankte zwischen Angst und Mut.

„Sie sagten, Sie haben nur ein E-Mail-Konto, richtig?“ Er ging wieder zu einer anderen Frage über.

„Ja, ich habe nur ein E-Mail-Konto.“

„Sie können das Schlimmste befürchten, wenn Sie nicht die Wahrheit sagen!“

„Das ist das einzige Konto, das ich habe“, antwortete ich. Aber vor Angst drehte sich mir der Magen um

„Welches das E-Mail-Konto ‚Gerechtigkeitssuchende‘ ist.“ Er starrte mich mit schreckenerregendem Blick an. Ich wich seinen Augen aus.

Gelegentlich benutzte ich das E-Mail-Konto, um mit einem bestimmten Schriftsteller zu kommunizieren, den ich nie persönlich getroffen hatte. In den Monaten, die zu meiner Verhaftung führten, war unsere Kommunikation mit ihm sehr spärlich.

Der einzige Grund, warum ich dem Vernehmungsbeamten nichts von diesem Konto erzählt hatte, war, weil ich befürchtete, er könnte zu viel in den Kontonamen „Gerechtigkeitssuchende“ hineinlesen. *** Ich wollte möglichen Fragen nach der Bedeutung und den möglichen Assoziationen, die die Vernehmungsbeamten daraus mit der eritreischen Opposition herstellen könnten, entgehen.

Ich war mir sicher, dass er in meiner E-Mail-Kommunikation nichts Verfängliches finden würde. Aber indem ich ein zweites E-Mail-Konto verschwieg, verhalf ich ihm zu einem Gesprächsthema.

„Können Sie das nochmal wiederholen?“ Ich bat darum, um Zeit zu gewinnen, meine Gedanken zu sammeln und eine Rechtfertigung dafür zu finden, ihm nicht davon erzählt zu haben. Ich bemühte mich, meine Angst zu verbergen.

Er wiederholte die Frage selbstbewusst.

„Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern. Aber ich hatte viele Konten, mit denen ich meinen Freunden und Bekannten Streiche gespielt habe. Ich öffnete sie zum Spaß und vergaß sie schnell, weil ich sie nie für ernsthafte Mitteilungen benutzte. Das Konto, von dem Sie sprechen, könnte eines der verschiedenen E-Mail-Konten sein, die ich zu diesem Zweck eingerichtet hatte. Aber im Ernst, ich kann mich an dieses Konto überhaupt nicht erinnern. Das E-Mail-Konto, das ich für seriöse Kommunikation benutzte, war das, welches ich Ihnen bereits gegeben hatte.“ Er lächelte mich an und schaute auf seine Uhr.

„Sie können gehen. Aber glauben Sie nicht, dass wir mit Ihnen fertig sind. Wir werden das Verhör am Dienstag fortsetzen. Ich werde mit dem Zeugen und den schriftlichen Beweisen kommen. Halten Sie sich bereit.”

Er sammelte seine Akten ein.

„Wir sehen uns am Dienstag“, wiederholte er. Während die ganze Sitzung für mich einschüchternd war, schien sie für ihn eine reine Unterhaltung zu sein. Wie ein Tigrinya-Sprichwort sagt: „Was für eine Maus eine Frage von Leben und Tod ist, ist für eine Katze eine Unterhaltung.“

Am besagten Tag ist er nicht erschienen. Er und die anderen beiden Vernehmungsbeamten kamen erst nach einem Jahr wieder zu mir zurück, am 20. Oktober 2010, mit Stöcken und Handschellen.

Anmerkungen

* Eines der zahlreichen unterirdischen militärischen Gefangenenlager, die sich in der Umgebung von Asmara, der Hauptstadt Eritreas, befinden. Das Zentrum wird für die Inhaftierung vieler hochrangiger Militäroffiziere, politischer Gefangener und Wehrdienstverweigerer genutzt.

** Ein weiteres berüchtigtes Gefängnis in der Umgebung von Asmara. Gefangene erzählen Geschichten von Folter und Erpressung. Die Weltmedien wurden auf das Zentrum aufmerksam, nachdem Gefängniswärter eine Reihe von Gefangenen erschossen und getötet hatten, die offenbar 2004 nach einer massiven Vehaftungsaktion in der Hauptstadt einen Fluchtversuch unternahmen.

*** Die weitgehend in der Diaspora lebenden eritreischen Oppositionellen nennen sich „Gerechtigkeitssuchende”.

Teil 2

„Ich habe meine Periode… Könnten Sie bitte den Termin für mich ändern?“

Yirgalem Fisseha, 2020

Am Mittwoch, dem 20. Oktober 2010, öffnete der Wächter kurz nach dem Frühstück meine Zelle und rief meinen Namen.

„Sie sind vorgeladen.“

Ich folgte ihm.

Eine Vorladung der Gefängnisdirektion erzeugt zwiespältige Gefühle – Hoffnung und Angst. Jedes Mal, wenn jemand zum Verhör vorgeladen wird, fragen wir uns: Was können sie jetzt noch fragen? Welche neuen Anklagen werden sie erheben? Wie werde ich bei einem neuen Verhör zurechtkommen?

Tatsache ist, dass viele Gefangene seit Jahren dahinvegetieren, ohne dass sich jemand nach ihnen erkundigt hat. Zum Verhör vorgeladen zu werden, könnte also auch eine positive Entwicklung signalisieren. Eine alte Frau, die aus Platzmangel aus einer anderen Zelle in meine verlegt worden war, schickte mich mit aufmunternden Worten und Segenswünschen auf den Weg in Gefängnisbüro.

Der Wächter kehrte auf seinen Posten zurück, nachdem er mich in den Verhörraum gebracht hatte, in dem zwei Männer auf mich warteten. Der eine war als Vernehmungsbeamter ein Amateur, dem ich zuvor begegnet war, und der andere war ein Bekannter – ein Freund der Familie –, von dem ich erfuhr, dass er im Gefängnis arbeitete, nachdem ich dorthin gebracht worden war.

Das erste, was mir im Raum auffiel, waren Handschellen und Schlagstöcke, die zusammen mit einem Schreibblock und einem Stift auf dem Tisch lagen.

Nach der Begrüßung sagte mein Bekannter: „Ich habe ihnen gesagt, dass Du meine Schwester bist, und sie gebeten, mit Dir zu sprechen, bevor sie gewalttätig werden.“

„Danke“, antwortete ich und erwähnte seinen Namen.

„Damit es nicht zur Gewaltanwendung kommt, musst Du also die Wahrheit sagen.“ Es war eine verschleierte Drohung, die sich als Ratschlag versteckte.

„Sie schreiben gegen das Volk und die Regierung Eritreas. Warum schreiben Sie solche Dinge?“, fragte der leitende Vernehmungsbeamte.

„Ich habe nichts gegen das Volk und die Regierung Eritreas geschrieben“, antwortete ich.

In jeder Verhörsitzung stellen sie einen anderen Fragenkatalog vor. In den vorangegangenen Befragungen drehten sich die Fragen darum, ob Mitglieder von Radio Bana für das oppositionelle Radio Wegahtaarbeiteten.

„Sind das nicht Ihre Werke?“ Er erwähnte meine Gedichte und eine Kurzgeschichte mit dem Titel „50 Qrshi“.*

„Ja, das sind meine Texte“, antwortete ich. „Aber ich habe sie nicht mit der Interpretation im Sinn geschrieben, die Sie ihnen geben“, antwortete ich.

„Sie lügen. Wenn Sie unschuldig wären, hätten Sie Ihre Kurzgeschichte ‚50 Nakfa‘ statt ‚50 Qrshi‘ betitelt.

„Es geht nicht um mich, sondern um die Person, die ‚50 Qrshi‘ sagt, wie viele ältere Frauen.“

„Was ist der Unterschied? Sie waren es, die die Geschichte geschrieben hat. Was ist mit der anderen Person in der Geschichte, dem Administrator? Sind alle unsere Führungskräfte und Verwalter so grausam, wie Sie sie dargestellt haben?“

„So grausam sind nicht alle“, sagte ich, „aber die Person in der Geschichte ist es.“

Sie hatten die Kurzgeschichte in meinem Laptop gefunden.

„Warum haben Sie dann nicht eine Kurzgeschichte über einen fürsorglichen und qualifizierten Administrator geschrieben? Warum haben Sie nicht über eine Führungspersönlichkeit geschrieben, die sich dafür einsetzt, junge Menschen davon abzuhalten, das Land zu verlassen?“

Ich widerstand erfolgreich der Versuchung, ihnen zu sagen, dass ich keinen solchen leitenden Beamten gefunden habe. Vielmehr versuchte ich, das zentrale Thema der Geschichte herauszuarbeiten: „Die Geschichte ist eine Kampagne gegen den Jugend-Exodus. Die Frau in der Geschichte plant, ihren Sohn aus Sawa zurückzubringen, da sie dachte, sie hätte für ihn eine passende Partnerin gefunden. Zu diesem Zweck leiht sie sich Geld. Sie wird jedoch zum Bezirksamt gerufen und darüber informiert, dass ihr Sohn desertiert ist, und sie wird aufgefordert, 50.000 Qrshi zu zahlen. Sie fragt die Beamtin ungläubig: ‚Wollen Sie mir sagen, ich soll 50 Qrshi zahlen?‘ ‚Nein, es sind 50.000 Qrshi‘, wiederholt der Beamte. Die Kredite, die sie aufgenommen hat, die Strafe, die das Bezirksamt ihr für die Desertion ihres Sohnes auferlegte, überwältigt sie. Schlimmer noch, man sagte ihr, ihr Sohn sei beim Versuch, nach Europa zu gelangen, im Mittelmeer ertrunken und gestorben. Ich schrieb die Geschichte, um die Jugendlichen davon abzubringen, ihr eigenes Land zu verlassen.“

Wir konnten uns nicht auf die Bedeutung und Intention der Geschichte einigen. Wütend begann der leitende Vernehmungsbeamte, mich mit einem Knüppel zu schlagen. Zuerst war ich schockiert, aber dann versuchte ich, mich mit meinen Armen zu schützen. Der Vernehmungsbeamte war jedoch erbarmungslos. Er schlug mich weiterhin brutal auf meinen ganzen Körper.

„Bitte hören Sie auf… eine Sekunde bitte!“ Ich flehte ihn an.

„Glauben Sie, dass Ihre Schriften gegen das Land gerichtet sind?“, fragte er keuchend und versuchte zu atmen.

„Ich habe meine Periode, und ich habe starke Monatsblutungen. Könnten Sie bitte den Termin ändern?“, flehte ich ihn an.

„Das ist mir egal!“ Er donnerte. Wahrscheinlich erwartete er eine Art Geständnis, und er schlug mich weiterhin brutal. Ich zerriss den Raum mit einem lauten Schrei. Mein Bekannter, der den Vernehmungsbeamten begleitet hatte, verließ leise das Zimmer.

Die Prügel gingen weiter.

Nach einiger Zeit rief mein Bekannter den Vernehmungsbeamten von außerhalb an. Ich seufzte. Ich nutzte die kleine Gelegenheit und versuchte, mich zu sammeln. Ich wusste nicht, worüber sie sprachen, aber mein Vernehmungsbeamter kam zurück, nahm den Knüppel und schlug weiter auf mich ein.

„Raus hier! Los!“ Er schubste mich aus dem Raum. Einer der Gefängniswärter begleitete mich zu meiner Zelle.

Mein ganzer Körper war geprellt und geschwollen, und ich war erschöpft vom Erbrechen und von den schweren Monatsblutungen. Der Gefängnisarzt, meine Zellengenossen und die Frau in meiner Zelle taten ihr Bestes, um zu helfen, aber die Schmerzen waren unerträglich.

„Sie werden vorgeladen!“

Am folgenden Tag, am 21. Oktober 2010, kam ein Gefängniswärter in meine Zelle.

„Sie werden vorgeladen“, sagte er mit einem traurigen, scheinbar mitfühlenden Gesicht.

„Oh, meine liebe Tochter!“, rief meine Zellengenossin aus. Sie erhob sich schnell, nahm einen schweren Pullover und ein Tuch und zog sie mir an.

„Jetzt werden sie mich fertig machen!“ Ich taumelte auf meine Füße und fühlte immer noch unerträgliche Schmerzen.

„Kopf hoch“, versuchte der Wächter mich zu trösten. Einige der Gefängniswärter, darunter auch dieser, schienen Sympathie zu haben und unser Leid zu teilen.

Mit der Hilfe der Wache erreichte ich den Verhörraum. Die beiden Vernehmungsbeamten vom Vortag und ein dritter Vernehmungsbeamter, der vor einem Jahr sagte, dass er nach drei Tagen zu mir zurückkehren würde, waren im Zimmer.

Sie fingen an, mich zu befragen.

„Warum haben Sie die Geschichte geschrieben?“, fragte der neue Vernehmungsbeamte.

„Ich habe es auf der Grundlage einer wahren Geschichte geschrieben“, antwortete ich. „Die Familie eines meiner ehemaligen Schulkameraden wurde nach seiner Flucht aus dem Land von der Regierung aufgefordert, 50.000 Nakfa zu zahlen. Leider ist er bei dem Versuch, Europa zu erreichen, im Mittelmeer ertrunken. Seine Geschichte berührte mich, und ich schrieb darüber.“

„Können Sie uns zu dieser Familie bringen?“

„Ja, das kann ich.“ Ich war nicht sicher, zu welcher Familie ich sie bringen würde. Aber die Geschichte war wahr.

Sie wechselten zu einem neuen Thema.

„Kebari, mein kräftiger kleiner Bruder,
Ich vermisse dich sehr und konnte nicht glauben, dass ich dich nie wiedersehen werde.
Ich weiß, wer der Schuldige ist, aber ich gebe trotzdem der Zeit die Schuld.
Ich weine innerlich mit schluchzenden Tränen!“

Sie zitierten einen Teil eines Gedichts, das ich 2006 unter dem Titel „Sehnsucht“ geschrieben hatte. „Wer ist der ‚Schuldige‘“, fragte einer der Vernehmungsbeamten.

„Gott. Aber ich kann doch nicht gegen Ihn argumentieren“, antwortete ich.

Dann zitierten sie zwei weitere Gedichte von mir und befragten mich zu ihrer Bedeutung. Ich versuchte zu erklären; sie waren nicht überzeugt.

„Wen versuchst Du zum Narren zu halten? Wir wissen alles über Deine Arbeit bei Radio Bana und darüber, wie Du versucht hast, die Jugend gegen die Regierung aufzuhetzen und zu organisieren, indem Du das ‚Literaturprogramm‘ als Deckmantel benutzt hast.”

Obwohl der Austausch nicht besonders hitzig schien, schlugen sie mich, ehe ich mich versah, mit einem dicken Stock. Mein Körper war sehr schwach von den Schlägen am Vortag, und nach einigen Minuten brach ich auf dem Boden zusammen. Der leitende Vernehmungsbeamte knallte meinen Kopf mit seinen Füßen auf den Zementboden; der zweite Vernehmungsbeamte stampfte auf meinen Fuß und knebelte mich mit dem Tuch, das meine Zellengenossin mir gegeben hatte. Ich erinnere mich, dass der dritte Vernehmungsbeamte im Raum war, aber ich weiß nicht mehr, was genau er tat.

„Wir wissen, was Sie tun, wohin Sie gehen und mit wem Sie sich treffen. Wir wissen alles…“

Die Schläge gingen unvermindert weiter.

Die beiden Vernehmungsbeamten, die es leid waren, mich zu schlagen, legten mir Handschellen an und fesselten mich, damit sie Luft holen konnten.

„Bitte, Gnade!“ flehte ich sie an.

„Dies ist erst der Anfang. Sie werden hier sterben“, erklärte der leitende Vernehmungsbeamte.

In Handschellen und an den Füssen gefesselt lag ich rücklings auf dem Zementboden. Sie hatten offensichtlich eher die Absicht, mich zu terrorisieren, als Informationen zu erhalten. Nach einer Pause schlugen sie wieder auf mich ein.

„Sagen Sie uns die Wahrheit, oder wir werden Sie nicht in Ruhe lassen, solange bis Sie tot sind.“

„Ich habe keine Wahrheit zu erzählen. Schreiben Sie auf, was Sie wollen, und ich werde es unterschreiben“, bot ich an und bemühte mich, mich verständlich zu machen. Ich fühlte, dass dies der letzte Moment meines Lebens sein würde.

„Das Verbrechen aufschreiben, das Sie selbst begangen haben?“, forderte der leitende Vernehmungsbeamte. „Sie werden selbst die Wahrheit gestehen!”

Die heftigen Schläge dauerten an, bis ich ohnmächtig wurde – und vielleicht sogar noch danach. Ich weiß nicht mehr, wann sie aufhörten. Nach einigen Minuten erlangte ich jedoch wieder das Bewusstsein und merkte, dass sie mich auf das Gefängnisgelände geworfen hatten. Sie befahlen einem Gefängniswärter, mich in meine Zelle zu bringen. Er befahl mir, aufzustehen. Ich versuchte es, sackte aber zu Boden und fiel wieder in Ohnmacht. Dann brachten sie mich in die Gefängnisklinik, wo sich meine Situation verschlechterte. Der Gefängnisarzt konnte nichts mehr für mich tun. Da sie nicht wollten, dass Informationen über mich an die Öffentlichkeit gelangten, waren sie nicht bereit, mich ins Halibet-Krankenhaus zu bringen. Ich kann mich nur vage daran erinnern, was danach geschah.

Anmerkung

*Das Wort „Qrshi“ wird für eine Banknote verwendet, etwas, das allgemein benutzt wurde, als Eritrea die äthiopische Währung Birr benutzte. Die meisten Leute benutzten das Wort auch noch, nachdem Eritrea seine eigene Banknote namens Nakfa eingeführt hatte. Der Vernehmungsbeamte unterstellte in dem Verhör, dass Yirgalem Fissehas Verwendung des Begriffs „Qrshi“ in ihrer Geschichte kriminell sei, weil das Wort mit dem äthiopischen Birr in Verbindung gebracht wird.

Teil 3

„Ihr braucht keine drei Männer: Ihr hättet mich mit einer Pistole töten können“

Ich nehme an, dass die Sanitäter des Mai-Serwa-Gefängnisses viele schreckliche Fälle behandelt haben. Es kam häufig vor, dass ein junger Mann mit guter Gesundheit in den Verhörraum ging und gebrochen, geprellt und blutverschmiert herauskam und von den Gefängniswärtern in seine Zelle getragen oder gestützt wurde. Mein Fall war keine Ausnahme, sondern lediglich einer von vielen ähnlich schrecklichen Fällen.

Meine Situation wurde zum Thema des Gefängnisses. Mein Zustand war kritisch. Jeder Teil meines Körpers außer meinem Magen war geprellt, geschwollen und schmerzte. Sobald ich auf dem Bauch schlief, konnte ich mich kein bisschen drehen. Der Schmerz war unerträglich, und ich zitterte bei jeder leichten Berührung. Ich verbrachte Donnerstag, Freitag und einen Teil des Samstags unter der Aufsicht der Sanitäter des Gefängnisses. Aber meine Situation verschlechterte sich. Die Sanitäter berichteten über meinen Zustand, und am Samstag, dem 23. Oktober 2010, wurde ich ins Halibet-Krankenhaus gebracht.

Ich erinnere mich, wie es dem Arzt, der mich auf der Notfallstation empfing, sehr schwerfiel, überhaupt eine Blutprobe zu entnehmen und eine Vene zum Einsetzen einer IV-Kanüle zu finden. Er war schockiert über die Schwere der Blutergüsse und geschwollenen Wunden, die ich durch die Folter erlitten hatte. Der Arzt, der jetzt in Großbritannien lebt, war den Häftlings-Patienten, die in das Krankenhaus kamen, sehr zugewandt und ihnen gegenüber hilfsbereit. Ich habe gehört, dass er deswegen mit vielen Problemen seitens der Behörden zu kämpfen hatte.

Ich schlief tagelang auf der Gefängnisstation des Krankenhauses, wurde untersucht und bekam Medikamente. Aus Gründen, die ich damals nicht verstand, waren meine Mitgefangenen und die Gefängniswärter äußerst besorgt über meinen Zustand. Spitzenbeamte, die nicht bereit waren, ihre Namen zu nennen, riefen dazu unablässig im Krankenhaus an, um sich nach meiner Situation zu erkundigen. Ich brauchte eine Bluttransfusion, aber es war sehr schwierig, eine Person mit meiner Blutgruppe zu finden.

Die Gefangenen in Mai-Serwa wurden nach ihrer Blutgruppe befragt. Sie konnten keine passende Blutgruppe finden. Später erfuhr ich, dass auch Gefangene und Gefängniswärter in Adi-Abieto befragt wurden. Die erfolglose Suche nach einem Blutspender half, die Nachrichten über mich in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Ich weiss immer noch nicht, wie sie darangekommen sind, aber das Krankenhaus konnte mir schließlich die Bluttransfusion verabreichen, die ich brauchte.

Mir fehlen die Worte, um meine Dankbarkeit gegenüber dem medizinischen Personal des Krankenhauses, den Häftlings-Patienten und den Wachen auszudrücken. Sie haben mit mir gelitten und meinen Schmerz geteilt. Ich werde ihre Gebete, ihre Fürsorge, ihre moralische Ermutigung und ihre professionelle Unterstützung nie vergessen. Mein Überleben war ihre oberste Priorität, und jedes Mal, wenn die Krankenschwestern ihre Schichten wechselten, war ihre erste Frage, ob ich noch am Leben sei. Da ich viele Male bewusstlos war, gibt es Dinge, an die ich mich nicht erinnern kann.

Dank der großartigen professionellen Unterstützung durch das medizinische Personal begann sich mein Zustand nach langer Zeit zu bessern. Als ich anfing, Nahrung zu mir zu nehmen, war das für die Gefängnisbehörden eine gute Nachricht. Der Leiter der Gefängniszentren Adi-Abieto und Mai-Serwa stattete mir einen Besuch ab.

„Hat sie angefangen, Nahrung zu sich zu nehmen?“ fragte er die diensthabenden Wachen.

„Ja. Sie trinkt Fruchtsaft,“ antworteten sie.

„Wie fühlen Sie sich?“ fragte er mich.

Ich habe seine Frage nicht direkt beantwortet. Ich wollte die Gelegenheit haben, etwas anderes zu sagen. Als ich all meine Kräfte gesammelt hatte, fragte ich ihn zurück: „Sind Sie nicht derjenige, der mich verhört hat, als wir inhaftiert wurden?”

„Kümmern Sie sich jetzt nur noch um Ihre Gesundheit. Ich werde ein anderes Mal wiederkommen und mir anhören, was Sie zu sagen haben.“ Er versuchte, meinen Fragen auszuweichen. In dem Raum waren etwa fünf Wachen und andere Häftlings-Patienten.

Ich erhob heftigen Einspruch. „Im Namen der Märtyrer! Gehen Sie nicht, ehe ich nicht gesagt habe, was ich sagen will.“

Ich hatte in beide Händen IV-Kanülen stecken: eine für Bluttransfusionen und eine weitere für Glukose-Infusionen. Ich hoffte, dass die Beschwörung im Namen der Märtyrer ihn zwingen würde, auf mich zu hören. Er schwankte.

„Sie wissen sehr wohl, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe völlig unbegründet sind und die Fragen, die mir gestellt werden, irrelevant sind. Haben Sie vor, mich zu töten? Wenn das der Fall ist, brauchten Sie nicht drei Männer. Dafür hätten Sie eine Pistole benutzen können.“

„Kümmern Sie sich vorerst nur um Ihre Gesundheit…“

„Ich bin noch nicht fertig…,“ antwortete ich und sprach ihn mit seinem Namen an.

„Sie haben mir anfangs dieselben Fragen gestellt, deren Antwort die Vernehmungsbeamten versucht haben, mir gewaltsam abzuzwingen. Aber ich hatte Ihre Fragen bereits bei unserem ersten Treffen beantwortet. Seitdem sind zwei Jahre vergangen, und ich habe darauf gewartet, aus dem Gefängnis herauszukommen. Warum werden mir wieder die gleichen Fragen gestellt? Was gibt es Neues? Ich glaube nicht, dass Ihre Leute versuchen, Informationen zu bekommen. Sie haben die Absicht, mich in ein Verbrechen zu verwickeln, das ich nicht begangen habe. Suchen Sie nach Tätern, weil ein Verbrechen begangen wurde, oder nehmen Sie einfach jeden fest, den Sie festnehmen wollen, und suchen dann nach einem Verbrechen, um die Verhafteten damit hineinzuziehen? Früher dachte ich, dass Verhörbeamte Profis sind, die Verbrechen aufdecken, und nicht Kriminelle, die selbst gegen das Gesetz verstoßen…“ Ich ließ meinen Gedanken freien Lauf und versuchte unwillkürlich Luft zu holen. Der Gefängnisdirektor war jedoch lediglich bereit, mich anzuhören, aber nicht meine Fragen zu beantworten. Ich erwartete auch keine Antwort.

Sich erholen, oder nicht? Gesund werden oder nicht?

In den folgenden Wochen verbesserte sich mein Zustand erheblich. Wachen und Häftlings-Patienten begannen, mich mit einem Rollstuhl umherzufahren und mich zu füttern. Währenddessen begannen Gerüchte zu kursieren, deren Quellen und Űberbringer unbekannt waren. Sie betrafen hauptsächlich meine bevorstehende Entlassung aus dem Gefängnis. „Sie werden Dich freilassen; sie sind besorgt, dass Du in ihrem Gewahrsam sterben könntest; wenn Du Dich also schnell erholst, könnten sie ihre Entscheidung, Dich freizulassen, (nicht) noch einmal überdenken”, rieten einige meiner Mitgefangenen. Abgesehen vom eigenen Wunschdenken war ich nicht Herrin meines Schicksals.

Nachdem ich wieder etwas Kraft gewonnen hatte, beschäftigte mich die Frage, ob es besser sei, gesund zu werden oder nicht. Ich wollte unabhängig von den Vorschlägen sein, die die Leute um mich herum machten. Zusätzlich zu den inneren Verletzungen, die nur meine Ärzte kannten, hatte ich Wirbelsäulenverletzungen und eine Schwächung meines linken Beins, die jeder sehen kann. Ich dachte, wenn ich im Krankenhaus schlafe, in der Hoffnung, dass sie mich entlassen würden, könnten schlimmere Dinge passieren. „Wenn sie zunächst verhindert haben, mich im Halibet-Krankenhaus ärztlich zu behandeln, damit keine Informationen über mich an die Öffentlichkeit gelangen konnten, würden sie es nicht wagen, mich mit all meinen Wunden und Verletzungen nach Hause zu schicken. Deshalb beschloss ich, anstatt darüber nachzudenken, wie ich aus dem Gefängnis herauskommen könnte, darüber nachzudenken, wie es mir besser gehen könnte; wie ich die richtigen Medikamente einnehmen, mich gut ernähren und Sport treiben kann.“ So analysierte ich die Lage für mich selbst.

Gott sei Dank zeigte mein Entschluss Erfolg, vor allem auch aufgrund der unermüdlichen Unterstützung des medizinischen Personals des Halibet-Krankenhauses und der Häftlings-Patienten. Mein Zustand verbesserte sich allmählich. Ich bewegte mich nicht mehr nur mit einem Rollstuhl, sondern auch mit Krücken und dann ohne Krücken, indem ich Wände benutzte oder mich auf jemand stützte.

Die Krankenschwestern und -pfleger und Pflegeassistent_innen auf der Gefangenenstation des Krankenhauses wechseln sich alle drei Monate ab. In den fünf Monaten, die ich im Krankenhaus blieb, lernte ich verschiedene Arten von medizinischem Personal kennen: einige sehr fürsorglich, mitfühlend und unterstützend, und andere gleichgültig, apathisch und schlichtweg barbarisch.

Die Andeutungen auf meine bevorstehende Freilassung erwiesen sich nur als Gerüchte. Nach fünf Monaten kehrte ich in meine Gefängniszelle zurück.

Teil 4

Ich danke Gott, dass er mir ermöglicht hat, meine Geschichte aus Verzweiflung, Hilflosigkeit, Folter, Hoffnung und Mut zu erzählen. Ich spreche allen friedliebenden Eritreern, die auf der Seite der Unterdrückten standen, meinen Respekt aus. Allen, die mich angerufen haben und ermutigende Nachrichten geschickt haben, gilt mein herzlicher Dank. Der Grund, warum ich meine Gefängniserfahrungen in drei Teilen aufgeschrieben habe, liegt darin, dass ich im Monat September, der dem Gedenken an die zu Unrecht Inhaftierten gewidmet ist, nicht schweigen wollte. Seit meiner Entlassung aus dem Gefängnis ist dies der erste September, den ich im Gedenken an meine ehemaligen Mitgefangenen verbringe. Und ich hoffe, dass mein Bericht aus erster Hand dazu beitragen wird, den Menschen ein klareres Bild von den schrecklichen Erfahrungen zu vermitteln und andere zu ermutigen, ihre Qualen mitzuteilen. Wie aus dem Titel meines Berichts hervorgeht, ist das, was ich geschrieben habe, nur die Spitze des Eisbergs und handelt nur von einer begrenzten Anzahl von Tagen und Aspekten der sechs Jahre, die ich im Gefängnis war. Wenn es die Zeit erlaubt, werde ich ausführlicher darüber schreiben, und ich hoffe, dass andere, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ihre Geschichten ebenfalls erzählen werden. Meine Geschichte ist nur ein typisches Beispiel für die allgemeinen Haftbedingungen in Eritrea. Es ist nicht der schlimmste oder außergewöhnlichste Fall. Ich glaube, die Zeit ist nicht mehr fern, dass unsere Gefängnisse den Mund aufmachen werden und wir die Geschichten hören, die sie erzählen.

Ich weiß, dass viele Leser sich gefragt haben, warum ich die Namen meiner Vernehmungsbeamten nicht nenne. Mehr noch als die Namen der berüchtigten Vernehmungsbeamten würde ich jedoch gern meine Dankbarkeit gegenüber den Gefängniswärtern namentlich zum Ausdruck bringen, die uns Licht in der Dunkelheit, Hoffnung inmitten unserer Verzweiflung, und Erleichterung unserer Schmerzen brachten. Aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt, dies zu tun.

Ich möchte meine Erzählung mit einem Brief an die Gefangenen abschließen, die die Tage zählen und die sich nach ihrer Freilassung sehnen. Ich weiß, dass er sie nicht erreichen wird. Dennoch würde ich mich gern selbst davon überzeugen, dass sie, egal wann, irgendwie davon erfahren werden, oder dass dieser Brief ihnen in irgendeiner Weise übermittelt wird.

An…

Ich möchte einen Brief an all jene schreiben, die ich im Mai-Serwa-Gefängniszentrum getroffen und dort zurückgelassen habe. Ich weiß nicht, wie und wo ich anfangen soll. Wann werdet ihr ihn überhaupt lesen? Nach Eurer Entlassung werdet ihr ihn im Internet und auf Facebook finden. Oh! Facebook ist etwas, das nach Eurer Inhaftierung entstanden ist, und es ist ein virtueller Raum, in dem jeder offen seine Ideen zum Ausdruck bringt. Ich weiß, dass es für Euch schwierig ist, sich das vorzustellen. Irgendwo sagte Mandela einmal: „Das Gefängnis ist ein Fixpunkt in einer sich bewegenden Welt.“ Leider ist unser Land zu einem Fixpunkt in der sich schnell bewegenden Welt geworden. Macht Euch deshalb keine Sorgen, ob ihr mit dem, was in der Außenwelt vor sich geht, Schritt halten und mit der freien Welt kommunizieren können oder nicht. Da die Regierung hart daran gearbeitet hat, dass Eritrea hinter der Welt zurückfällt, ist unser Land dort, wo wir es zurückgelassen haben. Schlimmer noch: Es gibt sogar Dinge, die sich deutlich zurückentwickelt haben.

Meine geachteten und geliebten Brüder und Schwestern. Wenn ich mich auf die spirituelle Reise begebe, um Euch zu besuchen, erinnere ich mich lebhaft an Eure Namen, Eure Gefängniszellennummern, Eure gesundheitlichen Herausforderungen, Euren Mut, Eure Ausdauer und Euren starken Charakter. Ein halbes Leben und ein halber Tod in der Finsternis! Als ich in den vergangenen Jahren erfuhr, dass einige von Euch freigelassen wurden und sie wieder mit ihren lieben Familien vereint waren, habe ich diese Nachricht sehr gefeiert. Ich bete, dass auch die anderen aus dem Gefängnis entlassen werden.

Diejenigen unter Euch, die in einer erdrückenden Atmosphäre, in der Grüße der Gefangenen bestraft werden, trotzdem versuchten, mich moralisch durch verstohlene Mimik und Blicke zu stärken; diejenigen unter Euch, die es vorzogen, auf meine Stärken und nicht auf meine Schwächen zu schauen; diejenigen unter Euch, die sich um meinen Gesundheitszustand sorgten, während sie selbst unter schlimmeren gesundheitlichen Problemen litten; diejenigen unter Euch, die in mir ihre Mütter und Schwestern sahen und großes Mitleid mit mir hatten; wie geht es Euch? Ich frage rhetorisch. Ich weiss genau, wie es Euch geht. Ich kann mir die Dunkelheit, die Einsamkeit, die Verletzungen, die Folter, die Verachtung vorstellen; die Hoffnung und Verzweiflung und das Auf und Ab der Gefühle, die die Gerüchte hervorrufen. Was gibt es Gutes im Gefängnis außer der Zuwendung und der Solidarität, die man von wenigen Menschen erfährt?

Ich schreibe Euch diesen Brief im Monat September, der dem Gedenken an alle eritreischen Gefangenen gewidmet ist. Woher sollt Ihr wissen, was jedes Jahr in diesem Monat geschieht? In diesem Monat nennt jeder, der unter den Misshandlungen seiner Brüder und Schwestern leidet, jeder, der an der brutalen Misshandlung seiner Mitbürger verzweifelt ist, jeder, der Hüter seines Bruders ist, den Namen der Gefangenen und ruft nach Gerechtigkeit. Jeder, der an alle Gefangenen denkt, verurteilt das Fehlen von Gerechtigkeit und gibt den wortlosen Gefangenen eine Stimme. Alle rufen zur Einheit unter den Eritreern auf, um unsere Probleme gemeinsam zu lösen. Kurz gesagt, jeder versucht, das stagnierende Eritrea ein wenig zu bewegen.

Es gibt auch die Naiven, die glauben, dass es Eritrea gut geht, weil es ihnen selbst gut geht. Es gibt auch diejenigen, denen die Zerstörung und das Versagen des Landes gleichgültig sind oder die es nicht verstehen können. Es gibt auch diejenigen, die glauben, Eritrea schreitet auf dem Weg des Wohlstands und der Entwicklung voran. Wir haben Brüder und Schwestern, die das Land mit dem Präsidenten und der Regierungspartei verwechseln. Sie wissen, wie das Tigrinische Sprichwort sagt: „Der Mutterleib hat viele Farben”.

Zu Eurer Überraschung, es gibt Eritreer, die glauben, dass es niemanden gibt, der unrechtmäßig in Eritrea inhaftiert ist. Es gibt diejenigen, die behaupten, dass Eritrea in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Menschenrechte regiert wird; es gibt diejenigen, die nichts dagegen haben, mit den Füßen eines anderen aufs Feuer zu treten und mit den Zähnen eines anderen Steine zu mahlen. Es gibt diejenigen, die Fragen zu Menschenrechten und Gerechtigkeit als Verbrechen betrachten. Es gibt diejenigen, die versuchen, eine Kultur der Gleichgültigkeit zu schaffen. Es gibt diejenigen, die den Zustand in Eritrea erst als Problem anerkennen, wenn er ihre unmittelbaren Familienangehörigen berührt.

Wartet… bitte denkt nicht an die Freunde und Familienmitglieder, über die wir uns beschwert haben, weil sie nicht nach uns gefragt haben. Ihr werdet ihre Situation verstehen, wenn Ihr aus dem Gefängnis kommt. Sie sind selbst auf die eine oder andere Art Gefangene. Es wird Euch unendlich traurig machen, wenn Ihr die schreckliche Situation und die enormen Ansprüche erfahrt, denen sie sich ausgesetzt sahen. Ihr werdet auch Menschen entdecken, die viel Gutes für Euch getan haben, ohne dass Ihr es wusstet. Denkt auch nicht an jene Freunde, die über uns gelogen und mit der Regierung bei unserer Inhaftierung zusammengearbeitet haben. Ihr werdet feststellen, dass sie sich selbst bestrafen, indem sie versuchen, sich entweder einzuschmeicheln oder sich von Euch zu distanzieren. Ihr werdet ihre Handlungen und ihr Verhalten amüsant und unterhaltsam finden.

Ich weiß, was Euch am meisten beunruhigt: zu wissen, wann Ihr aus dem Gefängnis entlassen werdet, und kein Wort über Eure Lieben zu erfahren. Wenn wir über die Situation unserer Familien nachdenken, sind sie gleichermaßen besorgt und entsetzt, sich vorzustellen, wie Ihr mit der langen Zeit im Gefängnis zurechtkommt. Wenn der Gefangene an seine Lieben denkt und die Lieben an ihre Inhaftierten, dann sind alle gleichermaßen inhaftiert. Ganze Familien und das ganze Land sind inhaftiert.

Erstaunlicherweise sind Eure Familien, so wie ihr Euer Leben im Gefängnis bewältigt, auch in der Lage, mit der ständigen Sorge und Trauer zu leben. Die Anererknnung für ihre Sehnsucht ihre Liebe und für ihre Sorge liegt jedoch bei Euch. Bitte achtet auf Eure Gesundheit und Eure eigene Moral. Seid stark wie immer. Habt Ihr mich nicht gelehrt, nicht darüber nachzudenken, wann ich frei sein werde, und mich stattdessen um meine Gesundheit, meinen Lebenswillen zu sorgen? Sich um sich selbst zu sorgen, ist die Belohnung für Eure Familien, und das ist eine Waffe, die den Feind besiegt.

 

Aus Tigrinya übersetzt ins Englische von Samuel Emaha; Samuel Emaha ist PhD-Student der Geschichte an der Queens University, Kanada.

Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Susanne Berger und Dr. Irmtrud Wojak; BUXUS STIFTUNG, Deutschland mit ausdrücklicher Unterstützung von Yirgalem Fisseha Mebrahtu.

Fotos: Im Header ©Temesgen – Teff field at the base of a small hill in the Eritrean Highlands.Originally from en.wikipedia; https://de.wikipedia.org/wiki/Eritrea#/media/Datei:Eritrean_Highlands.jpg; alle anderen Fotos ©Yirgalem Fisseah.

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