“Sie wollten ihn nicht zurück haben”

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09.04.2021

Die Hintergründe für die extrem passive Haltung der schwedischen Regierung in den entscheidenden Jahren 1945 – 1947 im Fall Raoul Wallenberg

 

Neue Forschungserkenntnisse weisen klar darauf hin, dass die extreme Passivität der schwedischen Regierung im Fall Raoul Wallenberg in vielerlei Hinsicht eine bewusste Entscheidung war, aufgrund einer Vielzahl von Motiven.

Neben der Frage, wann genau und unter welchen Umständen Raoul Wallenberg in der Sowjetunion gestorben ist, steht weiterhin eine ebenfalls zentrale Frage offen: Warum hat das schwedische Außenministerium unmittelbar nach Wallenbergs Verschwinden im Januar 1945 so schnell unbestätigte Gerüchte und Behauptungen akzeptiert, er sei tot und könne nicht gerettet werden?

In zwei Anfang 2021 veröffentlichten Analysen – The Secret Swedish-Hungarian Intelligence Sharing Agreement of 1943-44: Possible implications for the Raoul Wallenberg Case (Das schwedisch-ungarische Geheimdienstabkommen von 1943-44: Mögliche Konsequenzen für den Fall Raoul Wallenberg) und “Why did Raoul Wallenberg ask to go to Moscow in January 1945?” – haben die Wallenberg-Experten Susanne Berger und Vadim Birstein eine Anzahl von zusätzlichen Faktoren identifiziert, die die offizielle Handhabung des Wallenberg-Falls beeinflusst haben könnten, sowohl direkt nach Wallenbergs Verschwinden in Ungarn 1945, als auch in späteren Jahren.

Es muss dringend geklärt werden, inwieweit diese bislang unbekannten oder bislang nicht genug berücksichtigten Faktoren das offizielle schwedische Verhalten im Fall Wallenberg in der Zeit von 1945-1947 und auch in späteren Jahren beeinflussten, einschließlich die offizielle Untersuchung der schwedisch-russischen Arbeitsgruppe in den neunziger Jahren.

Um diese Diskussion weiter zu vertiefen, starten wir heute eine Serie mit drei Beiträgen:

Bengt Jangfeldt:
Raoul Wallenberg und die Frage des Verbleibs jüdischer Wertgegenstände

Peter Axelsson:
Raoul Wallenberg: Kann ein schwedischer Milliarden-Kronen-Kredit an die Sowjetunion Staffan Söderbloms katastrophales Treffen mit Stalin erklären?

Susanne Berger und Vadim Birstein:
Staffan Söderbloms schwerer Schuldkomplex

Die neuen Erkenntnisse aus diesen Studien deuten stark darauf hin, dass – entgegen früheren Behauptungen -, Schwedens Scheitern im Fall Wallenberg nicht nur auf schwerwiegende Versäumnisse im schwedischen Verwaltungsapparat, die chaotischen Nachkriegsbedingungen, individuelle Inkompetenz, Wallenbergs Status als “Außenseiter” oder Schwedens überwältigende Angst vor der Sowjetunion zurückzuführen ist. Stattdessen scheint die extreme Passivität der schwedischen Regierung im Fall Raoul Wallenberg eine bewusste Entscheidung einer speziellen Gruppe schwedischer Beamter gewesen zu sein, Schwedens politische und wirtschaftliche Interessen (so wie sie diese definierten) über die Notwendigkeit zu stellen, das Schicksal ihres Diplomatenkollegen zu klären.

Aus den neuen Forschungsergebnissen ergeben sich zudem eine zumindest teilweise Neueinschätzung des Verhaltens wichtiger Akteure im Fall Wallenberg, darunter das des viel kritisierten und umstrittenen schwedischen Botschafters in Moskau (1945-1946), Staffan Söderblom.

Damit zeigen die verschiedenen Recherchen faszinierende und wichtige neue Ansätze zu noch offenen Fragen und für die weitere internationale Forschung im Fall Raoul Wallenberg auf.

Heute beginnen wir die Serie mit dem Beitrag von Bengt Jangfeldt

 

In seiner Biographie von Raoul Wallenberg  aus dem Jahr 2012 stellte Bengt Jangfeldt die Frage nach jüdischen Wertgegenständen, wie Goldschmuck und Edelsteine, welche der junge schwedische Diplomat angeblich versucht hat, aus Budapest zu schmuggeln. Wallenberg wollte verhindern, dass diese Gegenstände von den Nazis oder den Sowjets geplündert wird. Der Versuch schlug fehl, aber das Gerücht, dass Wallenberg an einer Aktion beteiligt war, die nicht mit seinem Status als Diplomat vereinbar war, kann sich nach Jangfeldts Erachtens  zumindest anfänglich negativ auf die Bereitschaft der schwedischen Regierung ausgewirkt haben, eine aktive Suche nach Wallenberg einzuleiten. Bengt Jangfeldt stellte die folgende zweiteilige Analyse zum ersten Mal in einer Videopräsentation im September 2017 in Stockholm vor. (Raoul Wallenberg International Roundtable)

Bengt Jangfeldt  – geb. 1948, Professor emeritus für slawische Sprachen und Literatur an der Universität Stockholm. Autor von mehreren Biographien, darunter The Hero of Budapest: The Triumph and Tragedy of Raoul Wallenberg (London: I.B. Tauris  2014)

Zum Beitrag (in englischer Sprache)

 

 

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