11.04.2018

Über eine deutsche Erfolgsgeschichte
Rezension: Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere. München 2017, 910 S., ISBN 978-3-8275-0040-3

NS-Täter_innen-Biographien, die Nachkriegskarrieren ins Blickfeld nehmen, sind in den letzten zwei Dekaden einige erschienen. Die juristische Zeitgeschichtsforschung hat Wege der gesellschaftlichen (Re-)Integration nachgezeichnet und Exkulpationsstrategien herausgearbeitet, die von NS-Täter_innen verfolgt wurden, mit anderen Worten von einem nicht kleinen Teil der Nachkriegsgesellschaft. Gleiches gilt für Versuche der ehemaligen Funktionseliten des „Dritten Reiches“, das Geschichtsbild zu beeinflussen. Zu den personellen Kontinuitätslinien in Verwaltung, Politik, Judikative, Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen liegen inzwischen zahlreiche Studien vor. Albert Speer (1905–1981), Hitlers Stararchitekt und Rüstungsminister, war Protagonist mehrerer biographischer Arbeiten und Einzeluntersuchungen. [1]

Angesichts des nachlässigen Umgangs mit dem umfangreichen Dokumentenmaterial durch frühere Biographen – allen voran durch Joachim Fest – und die bekannte Einflussnahme Speers auf die Darstellung seiner Rolle vor 1945, kann eine weitere biographische Studie zu „Hitlers Architekten“, die durch quellenkritische Analyse dessen Selbststilisierung von Historischem trennt, durchaus sinnvoll erscheinen. Vor allem, wenn sie Neues zu Speers Rolle im „Dritten Reich“ oder zu den gängigen Exkulpationsstrategien liefert. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, hat nun eine weitere Lebensdarstellung des Architekten und Rüstungsmanagers vorgelegt.

Statt einer Einleitung umrahmt M. Brechtken die Studie mit Pro- und Epilog, jeweils mit Plädoyer-Charakter, ergänzt durch eine Anklage der bisherigen Forschung und einer Verurteilung seines Protagonisten. Da der Autor den Forschungsstand in einem eigenen Kapitel (S. 535 ff.) diskutiert, kann einleitend darauf verzichtet werden. Eine Darlegung seines methodischen Ansatzes wäre allerdings wünschenswert gewesen. Der mit einiger Dringlichkeit im Prolog vorgetragene Appell, nicht der (Selbst-)Darstellung der Zeitzeugen zu folgen, sondern das verfügbare Quellmaterial kritisch auszuwerten (S. 12ff.), ist als Mahnung gedacht. Zumal im Verlauf der Darstellung klar wird, dass methodische Grundregeln im Umgang mit der Vergangenheitsinszenierung durch Speer sowie der Darstellung seines Wirkens vor 1945 sträflich missachtet wurden.

Weitgehend chronologisch skizziert M. Brechtken zunächst die Sozialisation Speers bis 1933. Wiederholungen lassen sich in einer Gesamtdarstellung angesichts der bereits vorhandenen Arbeiten nicht vermeiden. Trotz mancher Redundanzen wird aber Speers privilegierte Jugend in vermögender Familie stringent und in gut lesbarer Form skizziert, das Architekturstudium rekonstruiert, wobei sich aus den Quellen keinerlei Hinweise auf eine außergewöhnliche Begabung herleiten lassen. Speer entschied sich bereits vor 1933 für den Nationalsozialismus, war mit dessen Weltanschauung und Zielen von Anfang an vertraut und stieg keineswegs wegen herausragender Fähigkeiten in die politische Führungsriege des „Dritten Reichs“ auf.

Nach der Machtüberahme durch die Nationalsozialisten verfolgte er seine Karriere zielstrebig, kannte die rassistischen Prämissen und das eliminatorische Gewaltpotential des Regimes und war schließlich aktiv an der Vernichtungspolitik beteiligt. Er stand nicht als Architekt und Manager von Politik und Ideologie unberührt außerhalb der Machtzentren des Regimes. Speer erfuhr auch nicht zufällig oder nur ansatzweise von den Verbrechen, er war maßgeblich daran beteiligt. Er trat mit Durchhalteparolen in Zusammenarbeit mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels hervor, als der Krieg längst verloren war (S. 272), verlängerte das Morden als Rüstungsminister durch Organisation und Ausweitung der Zwangsarbeit in Kooperation mit Heinrich Himmler, forcierte die Deportation der Berliner Juden, um Raum für die architektonische Ausgestaltung der künftigen Hauptstadt Germania zu gewinnen. Mit einem Wort, er war aus der Sicht des NS-Regimes „ideologisch gefestigt.“ (S. 45) Seine Tätigkeit als Rüstungsminister wird von M. Brechtken exakt im Kontext des Vernichtungskrieges verortet, das Wechselspiel mit anderen verantwortlichen Instanzen herausgearbeitet, Speers Versuch nach 1945, technische Arbeit als Selbstzweck darzustellen, losgelöst von Eigeninteressen und den Folgen seines Tuns, erscheint im günstigsten Fall als Autosuggestion. Er erweist sich als „Architekt des totalen Krieges“, der die daraus resultierenden Konsequenzen kannte (S. 155 ff.) und nicht zuletzt für die Ausbeutung und Ermordung unzähliger Zwangsarbeiter verantwortlich war.

Diese Diskrepanz zwischen rückblickender Selbststilisierung und Speers tatsächlicher Rolle im Unrechtsstaat wurde bereits in den eingangs genannten Arbeiten partiell herausgearbeitet. Doch Brechtkens Studie belegt Speers Partizipation an den Verbrechen erstmals durch akribische Auswertung des umfangreichen Quellenmaterials und dekonstruiert in der Folge dessen Selbstdarstellung in allen Bereichen. Am Ende der Darstellung tritt mit Speer ein weiterer Vertreter jener “Generation des Unbedingten”, der Sachlichkeit [2], aus dem Schatten eines Lügengebäudes hervor.

Vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg funktionierte seine Selbstinszenierung noch. Speer hatte Glück, dass zahlreiche Dokumente zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt oder nicht zugänglich waren. Der Mythos vom unpolitischen und anständig gebliebenen, ideologisch unbelasteten Architekten und Rüstungsmanager, der höchstens insofern Schuld auf sich geladen hatte, dass er nicht genau genug hinsah und nachfragte, hatte hier seinen Ausgangspunkt (S. 295 f). Damit begann seine zweite Karriere als Zeitzeuge und Geschichtsinterpret. Es gelang ihm, sich von der nationalsozialistischen „Elite“, mit der er auf der Anklagebank saß, zu distanzieren und dem drohenden Todesurteil zu entgehen. Geschickt lancierte er Gerüchte über einen Attentatsplan auf Hitler, fabulierte das auf Zwangsarbeit basierende Rüstungsmanagement unter seiner Verantwortung zur Grundlage des späteren deutschen Wirtschaftswunders um (S. 310 f.), gerierte sich als der gute Nazi, der das bürgerliche Fundament nie verlassen habe und bloß auf Grund seiner beruflichen Fähigkeiten ins nationalsozialistische Machtzentrum aufgestiegen sei (S. 305 ff.).

Mit diesem Duktus gelang Speers überaus erfolgreiche Selbstdarstellung nach 1945, fand er positive gesellschaftliche Resonanz und nahm Einfluss auf das Geschichtsbild der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft. M. Brechtken widmet diesem Komplex zwei umfangreiche Kapitel. Er wendet sich gegen das nach wie vor virulente Zerrbild, demzufolge der Nationalsozialismus etwas Fremdes gewesen sei, eine mysteriöse Macht, die das Land im Januar 1933 überwältigt habe und im Mai 1945 plötzlich wieder verschwand. Er blendet die zahllosen Deutschen, die ihr Leben und Streben aus unterschiedlichen Beweggründen in den Dienst des NS-Regimes stellten, nicht aus und trägt dem Einfluss struktureller Determinanten Rechnung. Gerade deshalb vermisst man allerdings in diesem Zusammenhang einen Rekurs auf die langjährige entsprechende Forschung. So wäre eine explizite Einbeziehung der Forschungskontroverse um die Bedeutung Hitlers im nationalsozialistischen Herrschaftsgefüge hinsichtlich der Demontage des von Speer mit-propagierten apologetischen hitlerzentrischen Vergangenheitsbildes durchaus relevant gewesen. Hierbei gilt ebenso wie für die Langlebigkeit Speer’scher Lügen, dass Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft oftmals nur dann gesellschaftliche Breitenwirkung entfalten, wenn sie kollektiven Exkulpationsbedürfnissen nicht zuwiderlaufen. Wenngleich zu besonderer Prominenz gelangt, erscheint Speer als Repräsentant all derer, die sich für den Nationalsozialismus engagiert und das „Dritte Reich“ mitgestaltet haben (S. 11). M. Brechtken sieht Speer als exemplarisch für jenes Bürgertum, das Hitler getragen sowie für jene „Elite“, die in Verwaltung, Judikative etc. das Funktionieren des Regimes gewährleistet hat und als Führungskorps des Reichssicherheitshauptsamtes bereits eingehend untersucht worden ist. [3]

Eine um die Person Hitlers und seine ideologischen Prioritäten konstruierte Interpretation des Nationalsozialismus, die die Entwicklung des Unrechtsstaates hin zur systematischen Massenvernichtung vorrangig als Ergebnis der Intentionen eines starken Diktators und einiger Helfer betrachtet, stand lange Zeit im Zentrum einer Forschungskontroverse. Ein wesentlich komplexeres Bild der nationalsozialistischen Herrschaft hatten da längst, um zwei Protagonisten zu nennen, die Historiker Hans Mommsen und Martin Broszat geliefert. In ihren grundlegenden Arbeiten betonten sie die Strukturen der NS-Herrschaft, auch die Wirkmacht einer Vielzahl im nationalsozialistischen Sinne Handelnder, speziell die (Eigen-)Dynamik aus in diesem Kontext aktiver Gruppen, aber auch exogene Faktoren, die spontane, situationsbedingte Reaktionen evozierten. Hitler erscheint hier auf der Grundlage aus zahlreichen Quellen gewonnener Befunde als unsteter, entscheidungsschwacher Diktator, während strukturellen Determinanten im nationalsozialistischen Herrschaftsgefüge entsprechend größere Bedeutung beikommt.

Eine Vergangenheitsinterpretation, die die Verantwortung für die NS-Verbrechen auf einige wenige Täter fokussiert und das Handeln eines Millionenheeres hiervon abspaltet, hundertausendfache Beiträge zum Funktionieren des Unrechtsstaates auf karrieretechnische Motive begrenzt, während der bürgerlich-anständige Kern dieser Lebensläufe angeblich unangetastet geblieben sei, kam indessen dem weit verbreitetem Exkulpationsbedürfnis entgegen und hält sich auf vielschichtige Weise bis heute.

Der Jurist und Auschwitz-Ankläger Fritz Bauer (1903–1968) hat im Zuge des Auschwitz-Prozesses auf die Problematik dieses Geschichtsbildes hingewiesen. Mit den in diesem Gerichtsverfahren offengelegten Fakten war eine entsprechende Interpretation des Nationalsozialismus bereits Mitte der 1960er Jahre widerlegt. Die Tendenz bundesrepublikanischer Gerichte, wegen Beihilfe zum Mord anzuklagen und die Täter in jenem enggefassten Zirkel um Hitler zu sehen, korrelierte mit besagter Interpretation von Speer & Co. Entsprechende Gesellschaftsbilder und apologetische Deutungen der nationalsozialistischen Vergangenheit lassen sich aus einer Vielzahl von Anklageschriften und vor allem Urteilsbegründungen zu NS-Verfahren herausarbeiten. Ihre Argumentationslinien spiegeln den gesellschaftlichen Diskurs wider und wirken gleichzeitig auf diesen (legitimierend) zurück. Eine Folge personeller Kontinuitäten aus dem NS-Regime im Bereich von Verwaltung, Exekutive und Judikative über das Kriegsende von 1945 hinaus.

Eine Einbeziehung der entsprechenden Befunde, eine Verortung Speers im größeren Zusammenhang der nur halbherzigen bundesrepublikanischen „Auseinandersetzungsgeschichte“ mit der nationalsozialistischen Erblast, wäre wünschenswert und erkenntnisreich gewesen.Die Arbeit M. Brechtkens bleibt diesbezüglich jedoch ambivalent. Sie entsorgt die Reste, die vom Mythos Speer noch übrigwaren, außerhalb der Wissenschaft jedoch bleibt dieser nach wie vor wirkmächtig. Der Autor räumt mit dem von Fest ausformulierten und von Speer skizzierten Selbstbild und verfehlten Geschichtsinterpretationen auf. Er legt seiner Untersuchung die Prämisse zu Grunde, dass der Unrechtsstaat nur auf Basis einer Mehrheit im nationalsozialistischen Sinne Denkender und Handelnder verwirklicht werden konnte. Schon vor über dreißig Jahren haben Historiker jedoch nachdrücklich darauf hingewiesen haben, dass ein hitlerzentrisches Geschichtsbild zwar den Exkulpationsbedürfnissen der deutschen Gesellschaft entgegenkommt, als historischer Erklärungsansatz jedoch nicht tragfähig ist.

Hätte Magnus Brechtken seinen Protagonisten stärker in diesem größeren Forschungsrahmen kontextualisiert, wäre nach bereits vor dieser Arbeit erfolgter Demontage lediglich ein weiterer exemplarischer Vertreter der „Generation des Unbedingten“ übriggeblieben, der seine konkrete Verantwortung für die NS-Verbrechen durch nachträgliche Glättung seiner Biographie beschönigte. So aber ist Speers „deutsche Karriere“ nur ein Beispiel mehr für die „Erfolgsgeschichte“ der (Re-)Integration der Nationalsozialisten in die bundesrepublikanische Gesellschaft, während die Folgewirkungen der gescheiterten Entnazifizierung ausgeblendet werden. Eine durchaus zeitgemäße, aktuelle Interpretation, bei der es der Autor jedoch vermeidet, aus seinen Forschungsergebnissen unerwünschte Schlussfolgerungen zu ziehen, die ein nach wie vor virulentes Exkulpationsbedürfnis berühren könnten. Hier schließt sich der Kreis von der „Erfolgsgeschichte“ zu einer nationalen (Erinnerungs-)Kultur, die in Ritualisierung zu erstarren und die Menschen nicht mehr zu erreichen droht.

Diesen Beitrag teilen