02.06.2018

Überleben und Widerstand in Syrien
Geschrieben mit Blut und Rost in einem syrischen Gefängnis: ‘Vergesst uns nicht'”

In der Zeitschrift The New Yorker findet man diesen Beitrag: „Written in Blood and Rust from a Syrian Prison: ‚Don’t Forget us’“. Robin Wright erzählt die Überlebensgeschichte ihres syrischen Kollegen Mansour al-Omari, der ein Jahr damit zubrachte, die Namen der Verhafteten zu dokumentieren, die nach dem begeisternden Arabischen Frühling in den Wirren eines chaotischen Bürgerkrieges in Syrien „verschwanden“. Dann gehörte Mansour al-Omari, der englische Literatur studiert und bereits als Student seine journalistische Arbeit begonnen hat, selbst zu den Verschwundenen. 2012 wurde der Menschenrechtsaktivist verhaftet, ausgerechnet im Center for Media and Freedom of Expression in seiner Heimatstadt Damaskus.

Mansour al-Omari überlebte das Gefängnis und Folter. Was er und alle anderen in den Militärgefängnissen aushalten mussten und weiterhin müssen, ist indessen kaum zu beschreiben. Der junge Journalist gab nicht auf und nahm sich im Gefängnis vor, seine Idee weiterleben zu lassen, der er sich ein Jahr zuvor bereits verschrieben hatte: Er werde die Namen der “Verschwundenen” Syriens dokumentieren.

Die Leidensgefährten halfen ihm dabei und es gelang ihnen, mit einer Tinte aus eigenem Blut und Rost die Namen der “Verschwundenen” auf Stoffresten dem Vergessen zu entreißen. Als al-Omari freigelassen wurde, schaffte er es, die fünf Stoffstücke aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Wieder in Freiheit benutzte er sie, um heimlich die Angehörigen der “Verschwundenen” zu kontaktieren und die Familien seiner Zellengenossen zu informieren. Er musste dies heimlich tun, um nicht zu verraten, woher die Listen mit den Namen kamen und niemanden noch mehr zu gefährden.

Al-Omari gelang es dann, über die Türkei, wo er ein Jahr verbrachte, nach Schweden zu fliehen. Dort setzt er seine dokumentarische Arbeit aktuell fort, sammelt weiter die Namen der „Verschwundenen“ in Syrien und hält die Erinnerung an sie wach. Die Schrift mit den Namen auf den fünf Fetzen Stoff sicherte er durch Scans mit Photoshop, denn auch sie drohen zu verblassen und zu verschwinden. Wie die Geschichte seiner Gefährtinnen und Gefährten in den Gefängnissen, die nicht vergessen werden dürfen, müssen sie sorgfältigst aufbewahrt werden.

Nach Schätzungen von Human Rights Watch, schreibt Robin Wright in ihrem Beitrag in The New Yorker, wurden zwischen 2011 und 2016 mehr als 117.000 Syrerinnen und Syrer verhaftet oder „verschwanden“, ohne dass ihre Angehörigen etwas über ihren jetzigen Aufenthaltsort erfahren können. „For journalists,“ so Wrights Feststellung, „Syria is now the deadliest country in the world. Reporters Without Borders’ online barometer of deaths and detentions lists two hundred and twenty-eight journalists, citizen journalists, and media assistants who have been killed since 2011. Dozens are still detained.“ Al-Omari schreibt auf seiner Webseite von 65.000 “Verschwundenen” in seiner Heimat Syrien.

Von denen, die Mansour al-Omari halfen, die Namen der „Verschwundenen“ zu dokumentieren, starben drei bereits im Gefängnis. Wie es gelang, die fünf kostbaren Stoffstücke zu retten, ist derzeit in einer Ausstellung in Washington im United States Holocaust Memorial Museum zu sehen. Dort werden sie jeweils separat in einem verdunkelten Raum gezeigt, um zu verhindern, dass die Schrift noch weiter verblasst. Der Titel der Ausstellung, die den Konflikt in Syrien anprangert, lautet: Syria – Please Don’t Forget Us.

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