01.03.2018

Auf das Handeln kommt es an
75 Jahre Rosenstraße-Protest

Am 27. Februar 1943, vor 75 Jahren, leitete das nationalsozialistische Regime mit einer reichsweiten Verhaftungsaktion die Deportation aller noch im sogenannten „Altreich“ lebenden nichtprivilegierten jüdischen Bürger ein. Zudem setzte die systematische Erfassung der in so genannter „Mischehe“ lebenden Juden und derjenigen Mitbürger ein, die unter die nationalsozialistische Definition der „Mischlinge“ fielen.

In Berlin verhafteten Gestapo und SS im Rahmen der so genannten „Fabrik-Aktion“ mehr als 8000 jüdische Mitbürger_innen, die nicht unter eine der Kategorien der „Nürnberger-Rassegesetze“ und der Ausführungsbestimmungen fielen, die eine (vorläufige) „Rückstellung“ von den Deportationen in die Vernichtungslager ermöglichte. Die bei dieser Aktion festgenommenen „Mischlinge“ und in „Mischehe“ lebenden Jüdinnen und Juden wurden größtenteils in einem Haus der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße 2-4, unweit des Alexanderplatzes, interniert.

Noch am Abend des 27. Februar fanden sich vor dem Gebäude mehrere hundert Demonstrierende ein, zumeist „nichtjüdische“ Ehepartner_innen und Angehörige der Verhafteten und forderten deren Freilassung. Trotz Drohungen seitens des Regimes harrten sie mehrere Tage aus. Die Festgehaltenen wurden am 6. März 1943 entlassen. Obgleich die Bedrohung auch für „privilegierte“ Jüdinnen und Juden bis Kriegsende ständig zunahm, konnte ihre Deportation durch den Vormarsch der Alliierten schließlich verhindert werden.

Insgesamt wurden über 50.000 jüdische Bürger_innen aus Berlin in die Vernichtungslager in deportiert.

Ob diese während der NS-Herrschaft beispiellose Aktion öffentlichen Protests ausschlaggebend für die Freilassung der Inhaftierten war, ist umstritten. Das komplexe System der vorläufigen „Rückstellung“ von den Deportationen lässt hier mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu. Ebenso ist unklar, ob Propagandaminister Joseph Goebbels intervenierte, der bezüglich der Proteste in seinen Tagebüchern von „mancherlei Misshelligkeiten“ sprach.

Von Bedeutung ist jedoch, dass Akte öffentlichen Protests möglich waren, zeigen doch auch die Stimmungs- und Lageberichte des Sicherheitsdienstes des Reichssicherheitshauptamtes, welche Bedeutung das Regime den Befindlichkeiten in der „Volksgemeinschaft“ beimaß.

Für die politische (Erinnerungs-)Kultur ist dieser Akt bürgerlichen Protests und Engagements von großer Bedeutung, zeugt er doch vom Mut Einzelner unter den extremen Bedingungen der Nazi-Diktatur und, was häufig vergessen wird, dass es wie so oft nicht auf den unmittelbaren Erfolg ankommt, sondern darauf, couragiert zu handeln.

Fotos: Gedenksäule in der Rosenstraße, Adam Carr, 2006; Holocaust-Mahnmal, Berlin, Jace Grandinetti

Kontakt: christian.ritz@buxus-stiftung.de

Bericht der “Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden” über die Gedenkveranstaltung in Berlin

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